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PDS : Nach links abgewichen

Bisky will Dehm nicht mehr an seiner Seite sehen Bild: dpa

Sänger, bleib bei deinen Liedern: Die PDS möchte Diether Dehm aus dem Vorstand drängen. Vor dem Sonderparteitag versuchen Gabi Zimmer und Lothar Bisky, die Delegierten auf die Wahl festzulegen: Sein oder Nichtsein, Dehm oder nicht Dehm.

          Für Diether Dehm ist es wieder einmal soweit: Man versucht ihn loszuwerden. Am Mittwoch stellte der alte und voraussichtlich auch neue PDS-Vorsitzende Lothar Bisky seine Wunschkandidaten für die Vorstandswahl an diesem Wochenende in Berlin vor. Die Liste hat aus Biskys Sicht nur einen Fehler: Für den Platz, auf dem jetzt noch der Westdeutsche Dehm sitzt, fand er keine Frau aus einem westdeutschen PDS-Landesverband.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Erst damit aber wäre sicher, daß Dehm nicht wiedergewählt wird, wenn er sich wie angekündigt einer Kampfkandidatur stellt. Am Donnerstag sagte die zurückgetretene Vorsitzende Zimmer der Zeitschrift "Stern", anstatt noch einmal für den PDS-Vorstand zu kandidieren, solle Dehm lieber machen, was er ohnehin am besten kann: "Lieder schreiben und Konzerte für den Frieden organisieren."

          Sein oder Nichtsein, Dehm oder nicht Dehm

          Kurz vor dem Sonderparteitag der PDS versuchen Zimmer und Bisky, die Delegierten auf die Wahl festzulegen: Sein oder Nichtsein, Dehm oder nicht Dehm. Dehm habe versucht, die Partei zu spalten, er habe den Vorstand mit endlosem ideologischen Streit blockiert und eitle Auseinandersetzungen über öffentliche Auftritte geführt. Von der Hoffnung, daß der aus Frankfurt stammende Konzertmanager die Partei mit seinen Mitteln im Westen populär machen könnte, ist längst keine Rede mehr.

          Dabei hätte die Partei wissen können, worauf sie sich einließ, als sie Dehm 1999 nach einer mitreißenden Rede in den Vorstand wählte. Die Akte, welche der Staatssicherheitsdienst der DDR von 1971 bis 1978 über Diether Dehm führte, verzeichnet in der Empfehlung, ihn als "Vorlauf-Perspektiv-IM" zu registrieren, Dehm sei intelligent und sehr kontaktfreudig. Im Gespräch trete er sachlich und sicher auf und sei sehr von sich eingenommen. Seine Eitelkeit werde hervorgerufen durch sein gutes Aussehen und sein Bestreben, im Mittelpunkt zu stehen. Großen Wert lege er auf seine politische Arbeit, weil er darin, wie durch sein Auftreten als Protestsänger, etwas darstelle.

          Materialien über die Grenze

          Auf knapp 450 Seiten faßt der Führungsoffizier die Berichte des "IM Dieter", später "IM Willys", über die Jungsozialisten und die SPD-Jugendorganisation "Falken" in Frankfurt und Hessen-Süd, über maoistische, trotzkistische und künstlerische Kreise zusammen. Eine Verpflichtungserklärung Dehms findet sich in der Akte nicht. Auch Honorare habe der IM nicht bekommen, das sei ihm nicht wichtig, heißt es zu Beginn der Aufzeichnungen. Auf die Begleichung seiner Reisekosten zu den insgesamt rund 30 festgehaltenen konspirativen Treffen in der DDR, die die Akte verzeichnet, achtet der IM dagegen peinlich genau. Er bekommt Aufträge, über deren Erfüllung dann berichtet wird, bringt Materialien über die Grenze und verletzt dabei immer wieder einmal die gebotene Vorsicht.

          Die Berichte beschäftigen sich ausführlich mit den Flügelkämpfen unter den Jungsozialisten, den Bündnissen, um Kandidaten durchzubringen, den Aktionen, um beispielsweise die Ratifizierung des Grundvertrags durchzusetzen, der zu einer völkerrechtlichen Anerkennung der DDR hätte führen sollen. Seitenweise berichtet der IM über die politische Einstellung, berufliche und persönliche Verhältnisse seiner Genossen in der SPD, beurteilt sie als plump oder aalglatt, naiv oder intelligent, politisch aussichtsreich oder zum tüchtigen Hausmütterchen bestimmt, positiv der DDR gegenüber eingestellt oder antikommunistisch, geeignet oder nicht geeignet für eine Kontaktaufnahme.

          "Dehm zeigte Propagandafilme aus Ost-Berlin“

          Aber auch über die eigenen Perspektiven des IM, sein Bestreben, in die Bundespolitik zu gelangen, wird viel gesprochen. Immer wieder befürchtet der Führungsoffizier, der IM könnte zur DKP wechseln. Er brauche darum eine klare Bezugsperson, heißt es schon am Anfang der Akte, da seine gesellschaftspolitische Entwicklung und seine progressive Einstellung dazu führen werden, daß er weiter nach links abweiche und für eine inoffizielle Zusammenarbeit nicht mehr geeignet sei.

          1971, als die Aktenführung begann, die Dehm später "Abschöpfung" nannte, war er seit vier Jahren SPD-Mitglied in Frankfurt, Anhänger der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus und unter dem Künstlernamen "Lerryn" als Liedermacher bekannt, wenn auch nicht kommerziell erfolgreich. Von 1972 bis 1973 gehörte er dem Frankfurter Juso-Vorstand an, fand dort aber keine Mehrheiten und wandte sich der SPD-Jugendorganisation "Die Falken" zu. Dort wurde Dehm 1974 zum Landesvorsitzenden gewählt und übernahm den Seminarbereich der Jugendarbeit.

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