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Patientenverfügung : Ins Ungewisse

  • -Aktualisiert am

Millionen Deutsche haben eine Patientenverfügung ausgefüllt. Die Politik ringt derzeit um mehr Rechtssicherheit: Den einst verfügten Sterbewunsch von Dementen erfüllen? Oder lieber respektvoll mit ihnen umgehen? Auch der kranke Mensch kennt Augenblicke des Glücks, die sein Geist sich vorher nicht ausmalen konnte.

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          Neun Sachverständige stehen auf der Liste, fünf Juristen, drei Mediziner und ein Philosoph. Die Zusammensetzung spricht für sich. Am kommenden Mittwoch sollen die Sachverständigen dem Rechtsausschuss des Bundestages vortragen, was sie von den Gesetzentwürfen zur Regelung der Patientenverfügung halten, davon also, wie das Leben eines Menschen zu Ende geht. Hoffentlich wird es keine akademische Diskussion.

          Etwa neun Millionen Menschen haben in Deutschland das Formular für eine Patientenverfügung ausgefüllt, aus Angst davor, irgendwann einmal an Schläuchen zu landen, künstlich an einem Leben erhalten zu werden, das aus ihrer - meist noch gesunden - Sicht nicht mehr lebenswert ist. Weil sie vorbeugen möchten für den Moment, in dem sie nicht mehr in der Lage sind zu sagen, was mit ihnen geschehen soll. Sie weisen die Medizin in Grenzen, wünschen sich einen „menschenwürdigen“ Tod, lehnen etwa eine Wiederbelebung oder die künstliche Ernährung ab, wenn es denn so weit kommen sollte. Was sich wiederum keiner wünscht.

          Angst vor Demenz

          Dass es so viele sind, die eine Patientenverfügung verfasst haben, erstaunt nicht in einer alternden Gesellschaft. Obwohl der Tod keine Altersgrenzen kennt. In welchem Alter und mit welchem Formular - keine Patientenverfügung verspricht derzeit letztgültig Rechtssicherheit. Darum die Anhörung der Sachverständigen vor dem Rechtsausschuss. Die Politik ringt um mehr Rechtssicherheit, hat Entwürfe vorgelegt, wie sie, je nach Meinung ihrer Verfasser, erreicht werden kann. Sie streitet darüber, wann das Leben zu schützen ist und wann nicht, darüber, ob der Wille eines Menschen automatisch gelten soll, ob er diesen schriftlich oder mündlich festlegen muss, ob es, je nach Zustand, wirklich sein Letzter Wille ist, ob andere, die Ärzte, die Angehörigen, die Vormundschaftspfleger oder gar ein Gericht da nicht ein Wort mitzureden haben. Sie streitet über Leben oder Tod, in der Sache also auch über Sterbehilfe. Das sind heikle Themen, sie gehen ans Mark. Die Politik muss aber eine Lösung finden.

          „Ich töte mich nicht, ich lasse mich nicht töten, ich gehe in Würde.“ So hat einmal vor Jahren der Theologe Hans Küng sein Plädoyer dafür begründet, dass es Ärzte leichter haben sollten, auf Wunsch beim Sterben zu helfen. Er lässt sich nicht töten? Wenn es denn so einfach wäre. Damals wusste Küng noch Walter Jens an seiner Seite, den sprachgewaltigen Rhetorikprofessor und Mitstreiter für den selbstverantworteten Tod. Der Mitstreiter hat jedoch seine Sprachgewalt verloren. Er ist dement. Ob die neun Sachverständigen und die Mitglieder des Rechtsausschusses den Fall Jens in den vergangenen Wochen verfolgt haben? Losgelöst von der Frage, wie viele Menschen mehr in einer alternden Gesellschaft Patientenverfügungen ausstellen werden - eben aus Angst vor Demenz.

          „Der Geist ist weg, aber das Gefühl ist da

          Sicherlich haben sie das. Denn die öffentliche Familientragödie Jens muss ihnen zu denken geben. Auch wenn sie nicht darüber befinden müssen, wie abstoßend es ist, dass der Sohn in einem Buch mit dem Vater abrechnet, ihn vom Sockel stößt, ihn als trotteligen Greis in Windeln einem Massenpublikum vorführt. Und der Vater kann sich dagegen nicht wehren. Nein, darüber müssen die Ausschussmitglieder und Sachverständigen nicht nachdenken. Sondern darüber, wie Werte sich ändern können. Früher kämpfte Walter Jens für aktive Sterbehilfe. Seinen selbstbestimmten Tod aber hat er verpasst. Heute lebt der Mann, der einst als einer der klügsten Köpfe Deutschlands galt, in einer eigenen Welt. Mal hat er gesagt, er wolle sterben, dann freut er sich über Dinge, die er vordem gar nicht wahrgenommen hätte. Über das Leberkäsweckle zum Beispiel, wie seine Frau berichtet. Seinem Leben jetzt ein Ende setzen? Diese Frage hat Inge Jens auch Hans Küng gestellt. „Nein, das kann man nicht“, hat der geantwortet. „Er ist ein Mensch. Der Geist ist weg, aber das Gefühl ist da.“

          Küng ist erschüttert über das Schicksal seines Freundes, tritt weiter für eine liberalere Regelung der Sterbehilfe ein und eine streng verbindliche Patientenverfügung - außer sie würde ausdrücklich widerrufen. Die Ausnahme lässt er zu. Was nützt sie aber einem Demenzkranken? Widerrufen könnte sie Walter Jens in seiner heutigen Lage nicht mehr, abgesehen davon, dass er wohl gar nicht mehr wüsste, dass er mal eine Patientenverfügung aufgesetzt hat. Wenn er es denn getan hat.

          Den einst verfügten Sterbewunsch von Dementen erfüllen? Oder lieber respektvoll mit ihnen umgehen, sie als Menschen akzeptieren, die Zuneigung brauchen? Dafür wiederum braucht es gute Heime oder mehr Hilfe für die Angehörigen zu Hause. Der kranke Mensch ist ein anderer als der gesunde. Aber auch er empfindet Augenblicke des Glücks, die sein Geist sich vorher nicht ausmalen konnte.

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