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Pater Bernhard Ehlen SJ : Sinnstifter

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Pater Bernhard Ehlen SJ Bild: F.A.Z.-Wonge Bergmann

Pater Bernhard Ehlen SJ arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren ohne Gehalt, auch an den Wochenenden. Die Societas Jesu füttert ihn durch, der Jesuitenorden, in dem er 1958 mit neunzehn Jahren Novize wurde, nach dem Abitur am Canisius-Kolleg in Berlin. Einem größeren Kreis bekannt wurde Ehlen vor zwanzig Jahren, 1983, als er das Komitee "Ärzte für die Dritte Welt" gründete, mit Sitz in Frankfurt.

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          Pater Bernhard Ehlen SJ arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren ohne Gehalt, auch an den Wochenenden. Die Societas Jesu füttert ihn durch, der Jesuitenorden, in dem er 1958 mit neunzehn Jahren Novize wurde, nach dem Abitur am Canisius-Kolleg in Berlin. In der ersten Nachkriegszeit dauerte die Fahrt zu dem Jesuiten-Gymnasium in Tiergarten vom Wohnort Pankow aus gut eine Stunde. Der Potsdamer Platz lag wüst da, das stolze Botschaftsviertel in Tiergarten, das jetzt wieder blüht, lag auch in Trümmern. Pater Ehlen ist 64 Jahre alt. Die Arbeitslast drückt ihn zuweilen wie das Joch den Ochsen, aber er ist auch stark wie ein Ochse, breitschultrig, agil, mit voller Stimme, viel jünger, als seine Jahre es sagen. Aufhören? Kommt nicht in Frage. Das hat mit seiner Entscheidung für den Orden - die Priesterweihe war 1968 - zu tun. Was mache ich als Christ aus meinen Leben?

          Einem größeren Kreis bekannt wurde Ehlen vor zwanzig Jahren, 1983, als er das Komitee "Ärzte für die Dritte Welt" gründete, mit Sitz in Frankfurt. Da lagen die Studien längst hinter ihm, Philosophie und Theologie, Pädagogik und Psychologie in München, Frankfurt und Berlin. Auch die dreizehn Jahre als Religionslehrer in Hannover, Berlin und Hamburg, die kirchliche Jugendarbeit. Vor allem die älteren Schüler hörten nicht auf zu fragen: Warum hungern so viele Menschen, während wir im Überfluß leben? Warum ist die Welt so ungerecht? Kann ein einzelner etwas tun?

          Ehlens Mitnovize Rupert Neudeck rettete damals schon vietnamesische Bootsflüchtlinge mit seiner "Cap Anamur". Pater Ehlen fragte die Ordensoberen, wurde für Neudeck freigestellt und ging für sieben Monate nach Somalia in ein Flüchtlingslager. Neudeck wollte dann in den Lagern nicht immer neue Ärzte, die nur für ein paar Wochen halfen - unvermittelt auf das Elend treffend, auf Hitze, Seuchen, Tote ohne Zahl. Viel Kraft ging dabei verloren, Kraft, die doch den Kranken zugute kommen sollte. Aber viele Ärzte sagten: Ich kann nicht länger, mein Krankenhaus stellt mich nicht frei, meine Patienten daheim sind weg, wenn ich die Praxis ein Vierteljahr schließe.

          Da hatte Ehlen die Idee, die sein weiteres Leben bestimmen würde: Ich finde in Deutschland Ärzte, die ihren Urlaub opfern, und schicke sie in Slums, in denen es schon Hilfsstationen gibt, meist kirchliche. Heute hat Ehlen weit mehr als dreitausend solcher Einsätze organisiert. Mehr als 1800 Ärzte - Männer wie Frauen - haben den Ärmsten der Armen geholfen, etwa in Indien, auf den Philippinen, in Kolumbien, Bangladesh und Kenia. Ständig sind 28 Ärzte unterwegs und machen die Welt ein wenig gerechter, in sechs Urlaubswochen. Ehlens Komitee wird gerühmt, Spenden kommen herein, der Staat gibt Zuschüsse. Für die acht "Arzt-Projekte" und die 180 "Partnerprojekte" stehen jetzt sieben, acht Millionen Euro im Jahr zur Verfügung. Die Verwaltungskosten liegen bei fünf Prozent, einem sagenhaft niedrigen Wert. Woran das liegt? Ehlen knausert. Für Werbung gibt er keinen Euro aus, aber in die freundliche "Bearbeitung" von Journalisten investiert er Zeit, Überzeugungskraft und Charme. Angestellte bezahlen? Das Geld könnte er ja nicht für seine Schützlinge verwenden. Also reist er selbst organisierend um die Welt oder sitzt wieder wochenends am Sperrmüllschreibtisch in der Elsheimerstraße 9 in Frankfurt. Wenn die Last auch gelegentlich drückt: Es gibt für ihn nichts Schöneres als diese Arbeit. Warum also aufhören?

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