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Passion Christi : Glutkern des Glaubens

Statue mit Kreuz auf dem Berliner Dom Bild: dpa

Die Passionsgeschichte ist das spannendste Kapitel christlicher Überlieferung: Sie zeugt von religiösem Eifer, Ergebenheit in den Willen Gottes und subtilen Einsichten in die Mechanismen menschlicher Rohheit.

          3 Min.

          Wenn man sich auf die christliche Religion zubewege, löse sie sich auf wie Nebel, schreibt John Updike in seinen autobiographischen Betrachtungen. Der Ostküsten-Lutheraner schildert darin die beklemmende Erfahrung seiner Jugend, zwar allenthalben Zeichen der christlichen Religion zu erblicken - Sakralbauten, Kirchenchöre, Krankenhäuser, Wertedebatten, Diakoniestationen -, aber nur wenig Glauben zu finden. Er sucht gedanklichen Halt in der Religion, aber er findet Nonchalance, Desinteresse und religiös verbrämte Neben-Engagements. Er will nach einem geistigen Band greifen und fasst ins Leere.

          Die Ostertage bieten Gelegenheit, mit dem Glutkern des Christentums in Kontakt zu kommen. Bei der Lektüre der Evangelienberichte, dem Hören der Passionskompositionen, der Teilnahme an einer Karfreitags- oder Osterliturgie kommt die unerhörte Kraft dieser Religion zur Entfaltung. Die Erzählung über die 72 Stunden vom letzten Abendmahl Jesu am Gründonnerstag bis zur ersten Erscheinung des Auferstandenen am Ostersonntag zeugt von religiösem Eifer, Ergebenheit in den Willen Gottes und subtilen Einsichten in die Mechanismen menschlicher Rohheit. Das Stück ergreift, auch wenn die Kulissen des Lebens sich gewandelt haben.

          W ie ist der Tod Jesu gedanklich zu fassen?

          Schwieriger gestalten sich die Versuche, die religiöse Kraft über den Augenblick österlicher Bewusstseinssteigerung hinaus zu konservieren. Insbesondere die dafür traditionell vorgesehene Kategorie der „Erlösung“ bleibt oft eigentümlich fahl. Die Kirche merkt selbst, dass sie sich schwer damit tut, die Ostererzählung auf überzeugende Weise zu theologisieren, und denkt darüber nach, wie der Tod Jesu gedanklich zu fassen sei.

          Das Spektrum der Auffassungen wird dabei oft auf zwei konträre Positionen reduziert: Die eine Seite beharrt darauf, dass Christi Tod am Kreuz als Opfertod zu begreifen sei, durch den wie im alttestamentlichen Opferkult die Sünden der Menschen gesühnt werden. Die andere Seite wendet dagegen ein, weil Gott nicht erst versöhnt werden müsse, benötige er auch keinen Opfertod. Das Kreuz sei vielmehr Symbol der Solidarität Gottes mit den Menschen, aber kein für sich stehendes „Heilsereignis“.

          „Solidaritätstheologen“ gegen „Sühnetheologen“

          In dieser Debatte geht es nicht nur um einen theologischen, sondern auch um einen kirchenpolitischen Dissens, der sich als Auseinandersetzung zwischen einer „harten“ und einer „weichen“ Auffassung vom Christentum entschlüsseln lässt. Denn mit den theologischen Differenzen verbinden sich jeweils gegensätzliche Auffassungen über die künftige Gestalt der Kirche und über die Frage, ob Moraltheologie oder Sozialethik der vorrangige Inhalt christlicher Ethik sein sollen.

          Die „Solidaritätstheologen“ unterziehen dabei die „Sühnetheologen“ einer religiösen Geschmackskritik und machen bei ihnen eine archaisierend-männliche Lust am Blutvergießen aus, mit dem sie Anlass für Empörung geben wollten. Sie können sich zudem auf den Einwand berufen, dass zwischen Jesu Tod am Kreuz und dem Opferkult im Tempel (von dem sich weite Teile des Judentums zur Zeit Jesu innerlich bereits emanzipiert hatten) keine inhaltliche Analogie besteht. Im Fall des Tempelkults sind es Menschen, die Gott ein Opfer bringen, mit dem Tod am Kreuz wird Gott selbst zum Opfer.

          Ein Mangel ist beiden Auffassungen gemein

          Allerdings bleibt auch in der Solidaritätstheologie eine wichtige Dimension der neutestamentlichen Überlieferung ausgeblendet: Das Christentum ist, wie etwa der Exeget Gerd Theißen dargelegt hat, keineswegs frei von Elementen der Gewalt. Im christlichen Ritus wird zwar kein Blut vergossen, aber der ihn begründende Mythos enthält durch den Bezug zur Opferung eines Menschen gegenüber den Tieropfern im Jerusalemer Tempel eher noch eine Steigerung von Gewalt.

          Weitaus gewichtiger ist allerdings der Mangel, der beiden Auffassungen gemein ist: Weder die Sühnetheologie noch die Solidaritätstheologie können den Umsturz der Gottesvorstellung abbilden, den das Wort vom Kreuz in sich birgt. Nicht ohne Grund gilt der Karfreitag im Protestantismus als der höchste Feiertag: Er verweist auf die durch den Tod Christi vollzogene Identifikation des ewigen Schöpfers mit seinem Gegenteil, dem sterblichen Geschöpf.

          Kein reiner Gedankenhimmel

          Die Vorstellung des gekreuzigten Gottes sprengt das Korsett der Unendlichkeit, auf die die hellenistische wie die alteuropäische Metaphysik das Absolute festlegen. Der im Jenseits fixierte, allmächtige und letztlich leblose Einsame wird durch sie, so paradox es klingt, gerade in seiner Ewigkeit verendlicht. Weil die Gottheit als Gegenteil zu allem Endlichen gedacht wird, verliert sie nach dem Verlust des mythologischen Weltverständnisses jede Anschaulichkeit oder gerät in den Verdacht, eine Projektion zu sein. Entsprechend gleicht die „Erlösung“ oftmals einem Produkt aus dem Reich der perfektionierten Langeweile.

          Einen reinen Gedankenhimmel hat das Christentum also nicht zu bieten. Aber warum sollte die Beziehung zu Gott im Kern bloß eine Vernunftbeziehung sein, wenn das schon auf das menschliche Weltverhältnis nicht zutrifft? Das geistige Band des Christentums ist untrennbar mit seiner religiösen Überlieferung verflochten, auf die es sich beruft. Die Passionsgeschichte ist ihr spannendstes Kapitel.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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