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Paris nach den Anschlägen : Frankreich trauert – die Rechten triumphieren

Fahnen sind am Donnerstag in Paris an Fenstern und Häuserwänden zu sehen. Bild: AP

Am Tag vor dem Staatsakt zum Gedenken an die Opfer der Anschläge von Paris ist die Stadt ein einziges Fahnenmeer. Die politischen Parteien rücken zusammen. Davon profitiert Marine Le Pens rechtsextremer Front National.

          Die ersten Flaggen im Blau-Weiß-Rot der französischen Trikolore flattern schon am Donnerstag von Balkonen und Fenstersimsen in Paris. Ein Fahnenmeer überall in Frankreich soll an diesem Freitag den Staatsakt am Invalidendom zum Gedenken an die 130 Terroropfer krönen. Alle Franzosen sind aufgefordert, ihre Häuser und Wohnungen mit der Nationalflagge zu schmücken.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          So kündigte es der sozialistische Regierungssprecher Stéphane Le Foll an, der früher über den Fahnenpatriotismus der Konservativen noch gespottet hatte. Aber in Frankreich ist nichts mehr wie vor dem 13. November. Die Sozialisten haben einhellig die Fahnen-Initiative begrüßt. Die Nationalversammlung beschloss mit einer Mehrheit von 515 Stimmen bei nur vier Gegenstimmen, den Einsatz der französischen Luftwaffe in Syrien zu verlängern.

          Im „Krieg gegen den Terror“ rücken die Parteien zusammen. Marine Le Pen jubelt, dass die Linke ihre Ideen aufgreife. Seit langem verlangt die Front-National-Vorsitzende, die nationalen Symbole aufzuwerten. Ohnehin liegt der Front National im Aufwind. Nach den Januar-Anschlägen war noch heftig darüber gestritten worden, ob Marine Le Pen zu dem Gedenkmarsch mit Staats- und Regierungschefs aus aller Welt in Paris hinzugebeten werden sollte. Die Parteichefin nahm letztendlich nicht teil.

          Doch an diesem Freitag wird sie wie selbstverständlich beim Staatsakt auf der für Politiker und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens reservierten Tribüne im Innenhof des Hôtel des Invalides Platz nehmen. Präsident François Hollande hat die Front-National-Vorsitzende an den überaus symbolischen Ort geladen. In der Krypta des Invalidendoms befindet sich Napoleons Grabstätte.

          Front National liegt in Umfragen vorne

          Marion Maréchal-Le Pen, die Enkelin des Front-National-Gründers Jean-Marie Le Pen, sagte am Donnerstag, seit dem 13. November sei „die politische Software der etablierten Parteien überholt“. „Die Dynamik zu unseren Gunsten war schon vor den Anschlägen sehr stark. Aber die furchtbaren Umstände haben sie noch verstärkt“, sagte die Abgeordnete der Zeitung „Le Parisien“. Die Realität habe die Thesen ihrer Partei bestätigt. „Wir hatten Recht in der Frage der Grenzen wie bei unserem Anliegen, den Kampf gegen den radikalen Islam zur Priorität zu erheben.“

          Laut jüngsten Umfragen liegt der Front National bei den Regionalwahlen am 6. und 13. Dezember vorn. Das Meinungsforschungsinstitut TNS Sofres hat ermittelt, dass der Front National im ersten Wahlgang 29 Prozent der Wählerstimmen erreichen kann, die Republikaner und ihre Bündnispartner 27 Prozent. Die Sozialisten kommen demnach abgeschlagen mit 22 Prozent auf den dritten Platz.

          Im Norden, in der Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie gilt ein Sieg der Spitzenkandidatin Le Pen als so gut wie sicher. Marine Le Pen ist mit 40 Prozent der erwarteten Stimmen in der Favoritenrolle. In der Mittelmeerregion Provence-Alpes-Côte-D’Azur (Paca) hängt der Erfolg der Spitzenkandidatin Marion Maréchal-Le Pen noch von den Wahlempfehlungen der Linken für den zweiten Wahlgang ab.

          Maréchal-Le Pen geht mit einem deutlichen Vorsprung ins Rennen (37 Prozent), könnte aber an einem Bündnis aus Republikanern und Sozialisten scheitern. Auch der Lebensgefährte Marine Le Pens, Louis Aliot, tritt in der Region Languedoc-Roussillon-Midi-Pyrénées als Favorit an.

          Der bürgerlichen Rechten fällt es schwer, sich angesichts der Kriegsrhetorik der Linksregierung und dem gewohnt national-autoritären Kurs des Front National zu positionieren. Der Vorsitzende der Republikaner, Nicolas Sarkozy, hat bei einem jüngsten Wahlkampfauftritt im Elsass versucht, Sozialisten und FN rechts zu überholen. In Schiltigheim am Mittwochabend prangerte er „Jahrzehnte kollektiver Feigheit“ an. Dabei blendete er aus, dass er von 2007 bis 2012 die Staatsgeschäfte führte und zuvor auch als Minister Verantwortung trug.

          Scharf griff er auch die EU an. „Bei jeder Krise rufen wir: Europa, Europa!“, sagte er. Aber die EU funktioniere nicht und sei unfähig, aus ihren Fehlern zu lernen. „Schengen funktioniert nicht. Wir machen weiter! Der Status der Leiharbeiter ist ein Skandal. Wir machen weiter! Die europäische Wettbewerbspolitik ist ein Segen für alle internationalen Konkurrenten. Wir machen weiter! Unsere Partner wollen für eine europäische Verteidigung nicht zahlen. Wir zahlen weiter für sie“, beklagte Sarkozy. Fortan wolle er „für das ewige Frankreich“ kämpfen, das „wir nicht verschwinden sehen wollen“.

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