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Ratzinger und die Missbrauchsfälle : Verbrecher in Soutane

War er persönlich verstrickt? Bild: dpa

Bei seinem Deutschlandbesuch in dieser Woche will der Papst auch Missbrauchsopfer treffen. Was sie erleiden mussten, untergräbt die moralische Autorität der katholischen Kirche. Doch im Vatikan gibt es Mächte, gegen die selbst der Papst machtlos ist.

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          Im Juli kam es im Unterhaus des irischen Parlaments zum Eklat. Enda Kenny, seit wenigen Monaten Premierminister, griff den Vatikan frontal an. Rom pflege eine „gestörte, abgehobene, elitäre und narzisstische Kultur“. Zum Beleg zitierte Kenny niemand andern als Joseph Kardinal Ratzinger: „Regeln und Verhaltensweisen einer Gesellschaft oder einer Demokratie können nicht einfachhin auf die Kirche übertragen werden.“

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Der Satz stammt aus einer 1990 veröffentlichten „Instruktion“ der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, der Ratzinger damals vorstand. Kenny setzte dagegen: „Solange es um den Schutz von Kindern in diesem Staat geht, können und werden wir die Regeln und Verhaltensweisen, die die Kirche für sich als angemessen betrachtet, nicht auf die Gesellschaft und Demokratie dieses Landes übertragen.“

          „Die Wahrheit ans Licht zu bringen“

          Ratzinger schwieg. Im vergangenen Jahr hatte der Papst nicht geschwiegen. Unter dem Eindruck skandalöser Enthüllungen über den nachlässigen Umgang der irischen Bischöfe mit Priestern, die sich an Kindern vergangen hatten, schrieb Benedikt einen „Brief an die irischen Katholiken“. Er könne „die Bestürzung und das Gefühl des Vertrauensbruchs teilen, die so viele von Euch verspürten, als sie von diesen sündhaften und kriminellen Taten erfahren haben und davon, wie die kirchlichen Autoritäten in Irland damit umgegangen sind“. Schon 2006 habe er die irischen Bischöfe ermahnt, „die Wahrheit über das ans Licht zu bringen, was in der Vergangenheit geschehen ist, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, damit sich derartiges nicht mehr wiederholt, zu gewährleisten, dass die Prinzipien der Gerechtigkeit vollkommen geachtet werden, und, vor allem, den Opfern und all jenen Heilung zu bringen, die von diesen ungeheuerlichen Verbrechen betroffen sind“.

          Im Auftrag des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx: Gutachten über „Sexuelle und sonstige körperliche Übergriffe durch Priester...”
          Im Auftrag des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx: Gutachten über „Sexuelle und sonstige körperliche Übergriffe durch Priester...” : Bild: dapd

          Einen Brief an die Katholiken in seinem Heimatland Deutschland schrieb Ratzinger nicht. Ebenso wenig hatte er die deutschen Bischöfe jemals ermahnt, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Das Tabu fiel erst im Januar 2010, als der Berliner Jesuit Klaus Mertes die Übergriffe mehrerer Jesuiten am Berliner Canisius-Kolleg bekanntmachte. Bald wurde deutlich: In der katholischen Kirche in Deutschland dürfte es in der Vergangenheit im Umgang mit dem Thema sexueller Gewalt nicht anders zugegangen sein als in Irland, in den Vereinigten Staaten oder Kanada.

          War er persönlich verstrickt?

          Ein Gutachten, das im Auftrag des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx über „Sexuelle und sonstige körperliche Übergriffe durch Priester, Diakone und sonstige pastorale Mitarbeiter im Verantwortungsbereich der Erzdiözese München und Freising in der Zeit von 1945 bis 2009“ erstellt worden war, kam zu dem Ergebnis: „Die durchgängig, wenn auch in unterschiedlicher Entschlossenheit ausgeprägte Bereitschaft, selbst gravierende Vergehen unaufgeklärt und ungesühnt zu belassen, findet ihre Wurzel auch in einem nach Überzeugung der Gutachter fehlinterpretierten klerikalen Selbstverständnis, das einem brüderlichen Miteinander verpflichtet in einem im Ergebnis rücksichtslosen Schutz des eigenen Standes eine Rechtfertigung für nicht tolerable Vertuschung sucht.“ Erzbischof von München und Freising aber war von 1977 bis 1981 Joseph Kardinal Ratzinger.

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