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Ratzinger und die Missbrauchsfälle : Verbrecher in Soutane

Glaubenskongregation urteilt über alle Geistlichen

Weder als Kardinal noch als Papst hat sich Ratzinger jemals öffentlich dazu geäußert, wer „die anderen“ waren, die sich seinen Aufklärungsbemühungen im Vatikan entgegenstellten. So ist bis heute auch nicht zu ermessen, was letztlich dafür den Ausschlag gab, dass Papst Johannes Paul II. auf Veranlassung Ratzingers am 30. April 2001 bestimmte, dass künftig nicht mehr die Klerus-, sondern die Glaubenskongregation über alle Geistlichen zu urteilen habe, denen sexuelle Übergriffe auf Minderjährige vorgeworfen wurden. Ratzinger selbst ließ den Worten umgehend Taten folgen.

In der Person von Charles Scicluna, einem ebenso loyalen wie intelligenten Kirchenjuristen aus Malta, besetzte Ratzinger das bis dahin unbedeutende Amt des „promotor iustitiae“ mit einem Geistlichen seines Vertrauens. Dreitausend Fälle, so erläuterte Scicluna im vergangenen Jahr, wurden seither in Rom untersucht. Unbeschadet der jeweiligen staatlichen Strafverfolgung kam es in etwa zwanzig Prozent der Fälle zu einem kirchlichen Strafprozess, in weiteren zwanzig Prozent wurde der Straftäter aus dem Klerikerstand entlassen, in sechzig Prozent gab es wegen des fortgeschrittenen Alters der Beschuldigten keinen Prozess, aber Auflagen für die Lebensführung, so im Fall des im Jahr 2008 verstorbenen Maciel.

Sexuelle Gewalt in der Kirche als „Gewäsch“ abgetan

Weitgehend unbehelligt sind bis heute indes die vielen Mitwisser der Machenschaften Maciels geblieben - wie die Bischöfe, die Kinderschänder gedeckt oder sich sogar selbst an Kindern vergangen haben. Zwar entband Ratzinger als Papst seinen alten Widersacher Sodano schon 2006 vom Amt des Kardinalstaatssekretärs. Doch ist Sodano heute noch immer der Dekan, das ranghöchste Mitglied des Kardinalskollegiums. Als solcher nutzte er im vergangenen Jahr die Liturgie am Ostersonntag auf dem Petersplatz, um den Papst der Loyalität der Kardinäle zu versichern und die zahllosen Berichte über sexuelle Gewalt in der Kirche als „Gewäsch“ abzutun.

Benedikt verzog keine Miene. Mehr noch: Als der Wiener Erzbischof und Kardinal Christoph von Schönborn wenig später in einem Hintergrundgespräch Sodano als einen derjenigen Männer bezeichnete, der seine Hand über Hans Hermann Groër gehalten hatte, musste er im Juni 2010 gegenüber Papst Benedikt XVI. Abbitte leisten. Ist der Apparat in Rom mit Ausnahme der kleinen Abteilung Sciclunas womöglich so mächtig, wie es einst die Münchner Prälaten um Ratzinger herum waren?

Ein Hohn für alle Opfer sexueller Gewalt

Dafür spricht, dass nicht nur Sodano, sondern auch andere Kardinäle unter Benedikt unbehelligt blieben. Kardinal Bernard Law etwa, der wegen eklatanten Versagens angesichts beispielloser sexueller Übergriffe einiger Geistlicher im Dezember 2002 vom Amt des Erzbischofs von Boston zurücktrat, wirkt heute ungeniert als Erzpriester der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom. Ein Hohn für alle Opfer sexueller Gewalt sind auch die Umtriebe des kolumbianischen Kardinals Darío Castrillón Hoyos.

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