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Ratzinger und die Missbrauchsfälle : Verbrecher in Soutane

Kleriker im Konflikt

Als Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre war Ratzinger von 1982 an für vieles zuständig, nicht aber für die Bestrafung Geistlicher, die wegen sexueller Straftaten mit dem weltlichen oder auch dem kirchlichen Recht in Konflikt geraten waren. Wenn Kleriker überhaupt in Rom namhaft gemacht wurden, was in den seltensten Fällen geschah, dann nicht in der Glaubens-, sondern der Kleruskongregation - jener Behörde, die sich womöglich noch heute dem Schutz des guten Rufes der Priester stärker verpflichtet fühlt als dem Schutz von Kindern vor Verbrechern in Soutane.

Doch als Präfekt der Glaubenskongregation sind Ratzinger die Erschütterungen der Kirche in dieser Sache nicht verborgen geblieben. Langjährige Vertraute erzählen, dass er nach dem scheinbar altersbedingten Rücktritt des Erzbischofs von Wien, Kardinal Hans-Hermann Groër, darauf gedrungen habe, die Missbrauchsvorwürfe gegen den vormaligen Benediktinermönch umfassend zu untersuchen. Allerdings vergeblich. Bis zu seinem Tod 2003 hatte Groër in der engsten Umgebung von Papst Johannes Paul II. Rückhalt: bei Stanislaw Dziwisz, damals Sekretär von Johannes Paul II. und heute Erzbischof von Krakau, und bei Angelo Sodano. Der Italiener war als Kardinalstaatsekretär viele Jahre der oberste Diplomat der Kirche und lag in gesellschaftlich umstrittenen Fragen wie der gesetzlichen Schwangerenberatung auf einer weicheren Linie als „Panzerkardinal“ Ratzinger.

Dieselben Namen hört man, wenn man danach fragt, wem Maciel Degollado, der Gründer der „Legionäre Christi“, seinen privilegierten Zugang zu Papst Johannes Paul II. verdankte. Ob sich Dziwisz und Sodano eher von dem gewaltigen Zulauf junger Männer zu dieser 1941 in Mexiko gegründeten Bewegung beeindrucken ließen oder von Maciels Fähigkeit, Geld aus dem Boden zu stampfen? Eins schließt das andere nicht aus.

Strafverfolgung von Kinderschändern der Kleruskongregation entwunden

Ratzinger jedenfalls erhielt schon in den neunziger Jahren Informationen, die ihn veranlassten, die Lebensweise des Ordensgründers untersuchen zu lassen. Doch er biss auf Granit. Erst im Jahr 2001 neigte sich die Waage zu seinen Gunsten. Wie es Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation vermochte, die Zuständigkeit für die Strafverfolgung von geistlichen Kinderschändern der Kleruskongregation zu entwinden und in seiner Behörde anzusiedeln, ist bis heute ungeklärt - und ungeklärt ist auch, was Ratzinger zu diesem Schritt bewogen hat.

Hatte er aus seinen regelmäßigen Gesprächen mit Bischöfen aus aller Welt den Eindruck gewonnen, dass die Kleruskongregation auf die Verfolgung und Bestrafung von Kinderschändern keinen Gedanken verschwendete? Oder sah er voraus, dass die Missbrauchsfälle, die bis dahin vorwiegend in angelsächsischen Ländern ans Licht gekommen waren, die moralische Autorität der Kirche bedrohten? Oder war er schon damals davon überzeugt, dass die „Sünde“ die Kirche selbst zu zerstören drohe? Oder wusste er gar, dass Maciel sich über Jahrzehnte hinweg an Seminaristen seiner „Legionäre“ vergangen und überdies in den achtziger Jahren gleich mehrere Kinder mit mehreren Frauen gezeugt hatte? Der amerikanische Journalist Jason Berry ist sicher, dass die vatikanische Glaubenskongregation schon 1998 mit dem Doppelleben Maciels befasst wurde. Aber damals hielten „andere“ bis hinauf zu Papst Johannes Paul II. die Hand über den Mexikaner.

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