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Papstbesuch : Öffentliche Religion

Papst Benedikt XVI. bei der Messe im Olympiastadion in Berlin Bild: dpa

Papst Benedikt XVI. zelebriert in seinem Heimatland ein Hochamt der öffentlichen Religion. Wenn er von der Ökologie des Menschen spricht, dann in dem Wissen, dass es außerhalb dieses Glaubens keine Vernunft und kein Heil gibt.

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          Ein Mann in Weiß mit roten Schuhen am Rednerpult des Bundestages, die Spitzen der Verfassungsorgane dieser Republik Seit’ an Seit’ Chörale singend, auf den Rängen des Olympiastadions Menschen aller Generationen und Hautfarben lateinische Worte rezitierend, dann ein Kloster in Erfurt, aus dem vor fünfhundert Jahren ein Reformator hervorging – die Bilder vom Besuch des Papstes Benedikt XVI. in Deutschland wollen so gar nicht zu der Erzählung passen, nach der die Modernität eines Staates und einer Gesellschaft sich darin erweist, dass sich die Sphären von Politik und Religion trennen und religiöse Überzeugungen bestenfalls Privatsache sind.

          Wie schon im April 2005 wird in diesen Tagen die Ahnung zur Gewissheit, dass es um die Religion womöglich anders bestellt ist, als es die Gebildeten unter deren Verächtern lange als unabänderlich bezeichnet haben. Vor sechs Jahren gaben Papst Johannes Paul II. mehr Staats- und Religionsführer das Geleit, als sich in der Weltgeschichte je an einem Ort versammelt hatten. Jetzt zelebriert Papst Benedikt XVI. in seinem Heimatland ein Hochamt der öffentlichen Religion.

          Sinnangebot an die persönliche Lebensführung

          Dazu musste Religion nicht wiederkehren. Auch in den säkularisiertesten Gesellschaften des Westens sind religiös begründete Gewissheiten stets wirkmächtig gewesen. Die Idee der unverfügbaren Würde aller Menschen ist aus dem Christentum hervorgegangen und hat in allen westlichen Ländern Verfassungsrang. Religion war auch noch immer da, ehe der Umgang mit muslimisch geprägten Bevölkerungsgruppen zu einem Thema der europäischen Religions- und Integrationspolitik wurde. Wie sehr die abendländische Religions- und Konfessionsgeschichte in die Verfasstheit Europas eingeschrieben ist, geben die Konflikte auf dem Balkan zu erkennen. Bis heute verlaufen die politischen Loyalitäten entlang der jahrhundertealten Spannungslinien orthodox, muslimisch und katholisch geprägter Kulturen.

          Die Erweiterung der EG und später der EU um die orthodox geprägten Staaten Griechenland, Rumänien und Bulgarien hat den zunächst lateinisch-westlich geprägten Staatenbund in eine – politisch fragile – Ökumene von Ost und West verwandelt. Was aber mit einer Vollmitgliedschaft der Türkei auf dem Spiel stünde, lässt sich daran ermessen, dass sich der Begriff Europa als politische Selbstbeschreibung des westlichen Zipfels der eurasischen Landmasse erst im 16. Jahrhundert angesichts der existenzbedrohenden Expansion des Osmanischen Reiches durchsetzte.

          Wenn aber die Religion nicht erst wiederkehren musste, weil sie nie abwesend war, dann heißt das nicht, dass die Religion nicht einem gleichfalls historischen Gestaltwandel ausgesetzt wäre. Dieser zeigt sich nicht nur in der Aggressivität, mit der in vermeintlich liberal-aufgeklärten Gesellschaften auf die öffentliche Manifestation von Religion reagiert wird. Dabei ist der christliche Glaube längst ein Sinnangebot an die persönliche Lebensführung unter vielen geworden. Verstörender ist eher die Einstellung immer größerer Teile der Eliten dieses Landes, die in den Kirchen bestenfalls noch Kulturmächte erkennen wollen, deren Funktionäre und Angestellte als Agenten einer „stellvertretenden Religion“ kultische und soziale Dienstleistungen zu erbringen haben.

          Absurdes Theater auf öffentlicher Bühne

          Freilich fehlt es in beiden „Volkskirchen“ nicht an Kräften, die eher der Selbstsäkularisierung als der Durchdringung der Gesellschaft im Geist des Christentums Vorschub leisten – bis hin zu dem Paradox, dass sich mittlerweile Erwartungen an das Orientierungs- und Handlungswissen der Kirchen richten, die diese wegen Inkompetenz des Führungspersonals und saturierter Lethargie nicht mehr erfüllen können. Dass die Zahl der Bürger, die ihren Glauben als Mitglieder einer Kirche öffentlich machen, stetig sinkt, ist vermutlich irreversibel. Dieser Trend ist im Raum der evangelischen Kirche lange Zeit ausgeprägter gewesen als in der katholischen. Mittlerweile scheint der Überdruss an einer als dysfunktional empfundenen Organisations- und Rechtskultur des Katholizismus zu ebenso großen Aversionen zu führen wie die Auflösung des protestantischen Ethos in ein Konglomerat von Beliebigkeiten.

          Was haben die Bilder dieser Tage angesichts der fortschreitenden Entkernung der Kirchen dann zu bedeuten? Zeigen sie nicht absurdes Theater auf öffentlicher Bühne, wie das private Festhalten an einer Verwurzelung im Glauben manchmal Züge des „credo quia absurdum“ trägt? Nein, die Bilder, mehr noch die Worte dieser Tage, so anachronistisch sie auch zunächst anmuten, sind mittlerweile das einzige Antidot gegen die Zerstörung des kulturellen Gedächtnisses eines ganzen Kontinentes. Und gegen eine Amnesie hinsichtlich der Herkunft Europas aus dem Geist von Glaube, Vernunft und Recht. Nur in dieser Herkunft liegt Zukunft. Wenn Benedikt von der Ökologie des Menschen spricht, von einer Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann, dann in dem Wissen, dass es außerhalb dieses Glaubens keine Vernunft und kein Heil gibt. Moderner kann eine öffentliche Religion nicht sein.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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