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Papstbesuch in Berlin : Trotz und Gottvertrauen

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Ein Willkommensplakat der polnischen Gemeinde in Berlin für Papst Benedikt XVI. Bild: dapd

Immer neue Bedrohungen seit Bismarcks Kulturkampf haben dem Berliner Katholizismus ein ganz eigenes Aroma verliehen. Die „Hauptstadt des Atheismus“ empfängt den Papst im Olympiastadion - und alle Karten sind vergeben.

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          Der Papst kommt nach Berlin und die Kirche sucht sich für den Gottesdienst einen Ort aus, an dem sich nur wenige versammeln und noch weniger ihn sehen können: Das verstanden viele als Gleichnis über den Berliner Katholizismus. Ja, so sei es hier, kleingeistig bis zur Duckmäuserei, phantasielos, weltfremd. Überall auf der Welt sei der Papst ein Star, dem die Menschen zuströmten; in Berlin aber hätten seine Leute Angst, es werde niemand kommen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD, katholisch) ließ es sich nicht nehmen, spöttisch zu erklären, er würde für diesen Gast ein größeres Format wählen. Nun wird es das Olympiastadion, die 70.000 Karten sind vergeben, und es gibt einen neuen Bischof, um den Papst willkommen zu heißen.

          Berlin sei die Hauptstadt des Atheismus, heißt es oft. Missionierende Gruppen sind hier jedenfalls die Atheisten, nicht Christen, Juden oder Muslime. Vor allem die politische Linke fühlt sich vom Papstbesuch herausgefordert, Kritik an ihm und der Kirche, an Sexualmoral und Fehlverhalten möglichst scharf und für alle sichtbar vorzutragen. Zugleich aber bewegt sich der Katholizismus in Berlin politisch aus der engen Nische des fast Privaten heraus.

          Zu Mauerzeiten fanden in etlichen Ost-Berliner Gemeinden Fronleichnamsprozessionen innerhalb der Kirche statt, und in West-Berlin sah man allenfalls im Auto der prominenten Konvertitin Hanna-Renate Laurien (CDU) mal das Gebetbuch auf der Hutablage. Doch beim – gescheiterten – Volksbegehren „Pro Reli“, mit dem der Religionsunterricht als ordentliches Schulfach eingeführt werden sollte, lernte die Öffentlichkeit vor zwei Jahren engagierte und argumentationsfreudige Katholiken kennen, und diese knüpften ihrerseits mit Protestanten und Muslimen engere Kontakte.

          Über zwanzig Prozent der Berliner Katholiken sind fremdsprachig

          Fast 400.000 Gläubige hat das Erzbistum Berlin, die meisten von ihnen leben in Berlin, 123 in Sachsen-Anhalt, 13.000 in Vorpommern, 65.000 in Brandenburg. In Ost-Berlin bilden sie fünf Prozent, in West-Berlin elf Prozent der Gesamtbevölkerung: Berlin ist Diaspora. Der fast 240 Jahre alte Dom St. Hedwig war der erste katholische Kirchbau seit der Reformation. Über zwanzig Prozent der hiesigen Katholiken sind fremdsprachig, polnisch, portugiesisch, indonesisch. Bistum ist Berlin erst seit 1930, seit 1994 ist es Erzbistum. Bis 1930 erledigte trotz der starken Zuzüge von Katholiken etwa aus Schlesien eine „Delegatur für Brandenburg und Pommern“ des Fürstbistums Breslau die katholischen Angelegenheiten. Preußen blieb auch nach dem Konkordat mit dem Vatikan protestantisch geprägt.

          Zum Minderheitenstatus kamen die politischen Zäsuren und aufeinander folgenden Ausnahmezustände hinzu. Erst die eine Diktatur, dann die andere, die Teilung schließlich und der Mauerbau – und schließlich, als glückliche Wendung nach der friedlichen Revolution, die Wiedervereinigung. „Erstaunlich bruchlos“, sagt Michael Höhle, Pfarrer der Gemeinde Heilige Familie in Prenzlauer Berg und Vorsitzender des Diözesangeschichtsvereins, seien Ost- und West-Kirche wieder zusammengegangen. Höhle wurde eine Woche vor dem Mauerbau getauft, im Jahr 1989 zum Priester geweiht. Seine Pfarrei ist eine typische Berliner Nachrevolutionsgemeinde: Es wird wesentlich mehr getauft als beerdigt, die Fluktuation ist immens, von 6000 bis 7000 Mitgliedern kommen oder gehen 1200 bis 1500 im Jahr.

          Die können uns bedrücken, aber nicht vernichten

          Die immer neuen Bedrohungen seit Bismarcks Kulturkampf haben in Höhles Augen dem Berliner Katholizismus ein eigenes Aroma aus „Trotz und Gottvertrauen“ verliehen, das besonders stark in Ostdeutschland spürbar sei: Die können uns bedrücken, aber nicht vernichten, sei die Grundstimmung unter den Gläubigen. Zu den Trouvaillen des Historikers Höhle gehört ein kurzer Text des Jesuiten Franz Rauterkus, der 1931 im „Märkischen Kalender“ erschien, „Zur Charakteristik des Berliner Katholizismus“. „Recht verstanden ist der Berliner Katholik katholisch aus Opposition“, heißt es darin, und: „Der Diaspora-Katholik drängt auf Gründung einer Pfarrei, auf die Errichtung einer Kirche, und er ist dann von einer Opferwilligkeit, wie er sie sich selber früher nie zugetraut hätte“. Zwei Zeugnisse dieser Aussage, moderne Backsteinkirchen für die rasch wachsenden Gemeinden in Berlins Nordosten, gehören zu Höhles Pfarrei, St. Augustinus von 1928 und Heilige Familie von 1930.

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