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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Gottes Zorn und unsere Höllenfahrt

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Bild: Verlag

Dieter Hildebrandt polemisiert gegen das Berliner Schloss, Das Buch Benedikts XVI. über Jesus von Nazareth wird debattiert. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          6 Min.

          Wird die katholische Kirche immer protestantischer? Der Soziologe Peter Berger hat diese polemische Formel auf ihren empirischen Gehalt hin überprüft. Und gleichzeitig den Relativismus-Verdacht, unter den kirchlicherseits der Zeitgeist gestellt wird, von einem Zeitalter der Relativität unterschieden. Damit leistet Berger einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung der Säkularisierungsdebatte.

          Berger ist einer breiten Öffentlichkeit durch seinen gemeinsam mit Thomas Luckmann verfassten soziologischen Longseller „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ bekannt. Sein Text zur Frage der Protestantisierung ist die Rede, die er im vorigen Jahr unter dem Titel „Dialog zwischen religiösen Traditionen in einem Zeitalter der Relativität“ in Tübingen hielt, als ihm von der Evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität der Dr. Leopold-Lucas-Preis verliehen worden war.

          Relativierung nicht im Sinne einer Beliebigkeit

          Bergers Kernaussage zur Protestantisierungs-These lautet: „Katholische Beobachter der eigenen Kirche haben den (für gewöhnlich abwertend gebrauchten) Begriff der ,Protestantisierung' eingeführt, um einige Entwicklungen der neuesten Zeit zu beschreiben. Diese Reaktion ist leicht nachvollziehbar, und bis zu einem gewissen Punkt könnte sogar ein nicht zur katholischen Kirche gehörender Beobachter diesen Begriff akzeptieren (wenn auch wohl kaum in abwertendem Sinne). Allerdings wäre es ein großer Fehler zu glauben, dass die Veränderungen auf protestantischen Einfluss oder protestantische Propaganda zurückzuführen seien.“

          Vielmehr - und hier entfaltet Berger sein eigentliches Thema - ist es die wachsende Pluralität (die nicht mit der Säkularisierung zu verwechseln sei), welche eine Relativierung eigener Überzeugungen mit sich bringe. Relativierung nicht im Sinne einer Beliebigkeit, sondern im Sinne eines Abgleichs des Eigenen mit Fremdem. „Anders ausgedrückt, werden Weltanschauungen, Wertesysteme und Lebensweisen nicht mehr ohne weiteres als selbstverständlich erachtet. Dabei muss betont werden, dass diese Entwicklung nicht nur den religiösen Bereich, sondern alle kognitiven und normativen Definitionen der Wirklichkeit betrifft. Allerdings betrifft sie die Religion mit aussergewöhnlicher Härte.“

          Ein erhöhter Entscheidungsbedarf

          Der Befund lautet schlichtweg: Man kann, anders als früher, nicht mehr unter sich bleiben. Am Beispiel eines fiktiven württembergischen Dorfbewohners erklärt Berger: „Vor zweihundert Jahren hatte unser fiktiver Dorfbewohner vielleicht die Möglichkeit, sich zwischen einer pietistischen und einer weniger rigorosen lutherischen Gemeine zu entscheiden. Heutzutage könnte er auch Buddhist werden.“ All das schafft einen erhöhten Entscheidungsbedarf und macht Überzeugungen nicht obsolet, aber doch deutlich voraussetzungsreicher als in Zeiten, da Religion ein Schicksal war. Insofern, so Bergers Fazit, führt die Annahme einer zielgerichteten Protestantiserung des Katholischen in die Irre. „Wohl oder übel“ habe die katholische Kirche akzeptieren müssen, dass sie sich zu einer „freiwilligen Gemeinschaft“ entwickelte und deswegen auch manche Patchwork-Neigungen in Kauf genommen. „Sie tat das nicht, weil sie von der protestantischen Theologie beeinflusst worden wäre oder weil sie eine kongregationalistische Kirchenstruktur nachahmen wollte, sondern weil sie die empirischen Entwicklungen in ihrer Umgebung bewältigen musste.“

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