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Der Papst und die Ökumene : Unterschiedliche Bewertung

Papst Benedikt XVI. neben dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider im Augustinerkloster in Erfurt: „Keine ökumenische Gastgeschenke” Bild: dpa

Benedikt XVI. sieht die Moderne in düsteren Farben. Ursache liberaler Verirrungen ist für ihn maßgeblich der Protestantismus. Deshalb sucht der Papst im Verhältnis zu den evangelischen Kirchen weiter die Abgrenzung.

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          Wenn Menschen wie verwandelt aus einer Kirche kommen, gilt das gemeinhin als gutes Zeichen. Beim ökumenischen Gottesdienst mit Benedikt XVI. am Freitag allerdings war es weniger die innere Erbauung, sondern Enttäuschung und Ernüchterung, die den evangelischen Teilnehmern hernach ins Gesicht geschrieben war.

          Dabei hatten sie in Erfurt soeben einem Ereignis beigewohnt, das man wohl historisch nennen darf: Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche besuchte jenen Ort, an dem Martin Luther vor 500 Jahren gewirkt hat. Zumindest im räumlichen Sinne ist der Papst den Protestanten damit entgegengekommen. In einer Welt, in der Bilder mehr und Begriffe weniger zählen, darf man das nicht geringschätzen. Es ist anzunehmen, dass im größeren Teil der Öffentlichkeit die wenig versöhnlichen Worte, die der Papst in Erfurt vorgetragen hat, von den versöhnlichen Bildern dieser Begegnung überdeckt worden sind.

          Die Ökumene der Symbole wird aber auch in Zukunft eine Ökumene der Begriffe nicht ersetzen können. Diese erfordert eine harte Arbeit an theologischen Fragen – darauf ist nicht zuletzt aus dem Vatikan wieder und wieder hingewiesen worden. Doch gerade in dieser Hinsicht hat Benedikt in Erfurt noch die geringsten Erwartungen unterboten.

          Wohl niemand in der EKD hatte auf handfeste Fortschritte in Fragen des gemeinsamen Abendmahles konfessionsverschiedener Ehepartner oder der Übernahme des Taufpatenamts durch evangelische Christen gehofft. Aber damit, dass der Papst mit Blick auf das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 kaum etwas über Martin Luther zu sagen wusste, hat wohl ebenfalls keiner gerechnet.

          Geradezu konfrontativ wirkte die Bemerkung Benedikts, „ökumenische Gastgeschenke“ könne es nicht geben, weil der Glaube keine Verhandlungssache sei. Zu keinem Zeitpunkt ist in einer evangelischen Kirche gelehrt worden, dass das Evangelium Gegenstand von Verhandlungen werden könnte. Was für Benedikt hinsichtlich der evangelischen Kirchen als wertloser, „selbstgemachter Glaube“ gilt, kann er mit Blick auf die orthodoxen Kirchen eine „Weiterarbeit an der Klärung theologischer Differenzen“ nennen. So geschehen am Samstag in Freiburg, als er den orthodoxen Geistlichen sagte, dass „der Tag nicht zu ferne ist, an dem wir wieder gemeinsam Eucharistie feiern können“.

          Die Beziehungen der älteren Führungskräfte der EKD – Schneider (Rheinland), Fischer (Baden), Friedrich (Bayern), Weber (Braunschweig) – zu Kollegen in der Deutschen Bischofskonferenz sind gefestigt und vertrauensvoll genug, dass sie auch trotz solcher und anderer Einlassungen aus Rom nicht die Fassung verlieren werden. Auch nach der Zusammenkunft in Erfurt werden sie ihren Willen zur Gemeinsamkeit nicht aufgeben. Schwerer könnte jedoch auf längere Sicht wiegen, dass die kommende Generation der EKD in Erfurt Zeuge der ungebrochenen Selbstgewissheit des Vatikans geworden ist.

          Ruf nach einer „Entweltlichung“ der Kirche

          Benedikt hat auch während seines Besuchs in seinem Heimatland an keiner Stelle die Bereitschaft erkennen lassen, bei der Durchsetzung einer möglichst einheitlichen, starken römisch-katholischen Identität in aller Welt die lokalen Kosten dieses Unterfangens zu berücksichtigen. In Rom lässt man sich offensichtlich nicht von der auch für viele nicht-katholische Christen bedrückenden Realität beirren, dass die katholische Kirche nicht nur in Deutschland dramatisch an Ansehen verloren hat.

          Benedikts Ruf nach einer „Entweltlichung“ der Kirche könnte wahr werden, wenn sich nach einem Wechsel der politischen Mehrheitsverhältnisse Politiker daranmachen, das Verhältnis des Staates zu den Kirchen zu verändern. Die evangelischen Kirchen würden dann vollumfänglich in Mithaftung genommen. Auch das ist ein Aspekt der Ökumene.

          Sorgen in den evangelischen Bischofskanzleien dürfte auch das Vorgehen des Vatikans bei der Wiederbesetzung von Bischofssitzen bereiten. In manchen Bistümern kommt es bereits zu einem gezielten Rückbau des ökumenisch Erreichten. Benedikt schafft mit seiner Personalpolitik Fakten, die weit über das Ende seines Pontifikats hinausreichen dürften. Nicht auszuschließen ist deshalb, dass der Bestand an Gemeinsamkeiten auf längere Sicht eher weniger als mehr werden wird. Gerade in ethischen Fragen laufen die Dinge auseinander: Der Rigorismus, der für die katholische Morallehre bestimmend geworden ist, sowie Benedikts negatives Bild von der Moderne sind kein Boden für einen Konsens.

          Überhaupt ist die Bedeutung der unterschiedlichen Bewertung der Gegenwart kaum zu überschätzen. Benedikt zeichnet die Moderne in den düstersten Farben. Sie ist für ihn ein Ort struktureller Kaltherzigkeit, in dem das Wort Gottes ungehört verhallt. Die humanitären Errungenschaften der Gegenwart fallen demgegenüber kaum ins Gewicht.

          Und ähnlich wie seine Regensburger Rede konnte man auch seine Rede im Bundestag so lesen, dass es letztlich der Protestantismus ist, auf den die liberalen Verirrungen zurückgehen. Man mag das für unzutreffend oder eine Überschätzung des religiösen Moments halten. Aber es erklärt, warum der Papst im Verhältnis zu den evangelischen Kirchen nicht die Übereinstimmung, sondern die Abgrenzung sucht.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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