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Berlin vor dem Papstbesuch : Ätzender, verletzender, massiver

  • -Aktualisiert am

Berlin Kreuzberg: Plakat gegen den Papstbesuch „Not Welcome” Bild: REUTERS

Das Bündnis gegen den Papst rechnet für ihre Demonstration mit 10.000 Teilnehmern. Neu ist, dass bei dem Protest an die gedacht wird, die er verletzen könnte: an die Gläubigen.

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          Der Protest gegen den Papst ist nichts für Laien. So hat der Berliner Verleger Bruno Gmünder jemanden eingestellt, der die Demonstration „gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes“ professionell mit vorbereiten hilft. Seit dem 15. Februar hält Pascal Ferro hauptamtlich die Fäden in der Hand. Das Bündnis „Der Papst kommt!“ traf sich im Berliner DGB-Haus, es wuchs seit Februar von 20 Organisationen auf mehr als 60.

          Die Kritik am Papst werde, prognostizierte die frühere Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John, „ätzender, verletzender, zotiger, massiver und persönlicher ausfallen als sonst“. Ihre Überlegungen veröffentlichte sie unter der Überschrift „Willkommen in der Hochburg des missionarischen ,Antichrist“, was die geläufige Auffassung von Berlin als „Hauptstadt des Atheismus“ noch steigerte. Zotiger als andernorts wird es unter Papstkritikern gewiss zugehen, Berlin ist schließlich auch die Hauptstadt der kämpferischen Schwulen. Der „CSD“ bildet das Vorbild für die Demonstration gegen den Papst, große Wagen werden fahren, von „DJs“ wird Musik „aufgelegt“.

          Hoffen auf 20.000 Demonstranten

          Das Bündnis gegen den Papst rechnet für die Demonstration vom Potsdamer Platz zur Hedwigskathedrale mit 10.000 Teilnehmern. Gehofft wird auf doppelt so viele. In der vergangenen Woche berichtete Gmünder von hunderttausend gefälschten Eintrittskarten für den Gottesdienst im Olympiastadion; interessierten jungen Männern in Schwarz reichte er einige. Gmünder, der schwule Reiseführer, Literatur und Pornografie verlegt, habe sie nicht drucken lassen, sagte Ferro: „Das glaube ich nicht.“

          Berlin-Mitte: Auf einem Plakat wird für den Kirchenaustritt geworben. Im Hintergrund ein riesiges Poster mit Papst Benedikt XVI. am Axel-Springer-Haus
          Berlin-Mitte: Auf einem Plakat wird für den Kirchenaustritt geworben. Im Hintergrund ein riesiges Poster mit Papst Benedikt XVI. am Axel-Springer-Haus : Bild: dpa

          Das Bündnis umfasst die üblichen Verdächtigen. Der Berliner Landesverband der Linkspartei unterstützt die Demonstration, ebenso der Bundesverband der „Grünen Jugend“, die Berliner Arbeitsgemeinschaft der Grünen „QueerGrün“, die Jusos und die Schwusos Berlin, die „Laizisten in der SPD“ sowie die „schwulen Lehrer“ in der GEW und die Homosexuellengruppen von DGB und Verdi. Ferner sind Organisationen wie Terre des Femmes, Pro Familia, der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sowie der Verein „Christopher Street Day“ und etliche atheistische Gruppen und Organisationen wie die Giordano-Bruno-Stiftung maßgeblich an der Vorbereitung des Anti-Papst-Protests beteiligt.

          Es wird an die gedacht, die der Protest verletzen könnte

          Neu am Berliner Protest gegen den Papst ist nicht, dass er schrill und geschmacklos sein wird und lauter als anderswo. Neu ist, dass bei denen, die ihn vorbereiten, an die gedacht wird, die er verletzen könnte, an die Gläubigen, die, anders als etwa in den siebziger Jahren, offenbar auch in den eigenen Reihen vertreten und erkennbar sind.

          Position zu beziehen gegen tatsächliche und vermeintliche Positionen des Papstes, das erfuhren die Aktivisten, ist nicht so einfach. Denn dass eine Vertreterin von Terre des Femmes reden solle, wollten Vertreterinnen einer Prostituiertengruppe nicht dulden: Terre des Femmes habe sogar eine regelrechte Kampagne gegen Prostitution gemacht. Über die Haltungen des Papstes und der Kirche herrschten gelegentlich nebulöse Vorstellungen. So gelang es nicht, die Verknüpfung „katholisch – Aids – Afrika“ in einen kausalen oder schuldhaften Zusammenhang zu rücken.

          Als das Motto der Veranstaltung bestimmt werden sollte, neigten sich die Sympathien zu „Glaubst du noch oder denkst du schon?“ Das hatte Pro Familia vorgeschlagen. Es intervenierte Günter Dworek, Mitarbeiter der Grünen-Bundestagsfraktion, und gab zu bedenken, das Bündnis wende sich ausdrücklich auch an Gläubige: „Ziel ist nicht, gegen den Glauben zu demonstrieren.“ Andere stimmten zu: Das sei ein „arroganter Satz, der diffamiert und diskriminiert“. Und so verlor nicht nur die Ikea-Inspiration, sondern auch der geheimnisvolle Max-Frisch-Satz „Ohne Kirche – keine Hölle“, und es setzte sich das nüchterne Motto durch: „Keine Macht den Dogmen“.

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