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Benedikt XVI. : Professor Papst

Papst Benedikt XVI. nach seiner Rede im Freiburger Konzerthaus am vergangenen Sonntag Bild: dapd

Papst Benedikt XVI. ist dem Professor Joseph Ratzinger treu geblieben: Seine „Freiburger Rede“ über den Zustand der Kirche in Deutschland hat er fast wörtlich vor allem mit Vorträgen und Aufsätzen aus dem Jahr 1969 bestritten.

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          In die Planung seines ersten Besuchs in Deutschland als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche griff Papst Benedikt XVI. zweimal persönlich ein. Zum einen sicherte der Papst dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche, Präses Nikolaus Schneider, zu, während seines Besuchs im Kernland der Reformation Luthers einen „stärkeren Akzent“ zu setzen als zunächst geplant. So sollte es kommen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Formal bestand dieser Akzent darin, mit den Repräsentanten der EKD an einem symbolträchtigen Ort zusammenzukommen, nämlich in jenem ehemaligen Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt, in dem der Mönch Martin Luther gelebt und gelehrt hatte. Der inhaltliche Akzent bestand darin, dass der Papst den Forderungen der Evangelischen nach einem Entgegenkommen auf dem Feld der Sakramentenspendung „weniger als wenig“ entsprach und damit nicht die Forderung als solche abwies. Zudem ließ sich seinen Worten im ehemaligen Kapitelsaal und in der Klosterkirche nicht entnehmen, dass er einem ökumenischen Dialog mit Repräsentanten der Kirchen der Reformation derzeit irgendeinen Sinn abgewinnen kann. Vielmehr war seinen Worten zu entnehmen, dass der Papst das Maß der gemeinsamen Überzeugungen zwischen evangelischer und katholischer Seite eher im Schwinden als im Wachsen begriffen sieht.

          Benedikt sieht auf evangelischer Seite nicht nur ein Verständnis der Würde des Menschen preisgegeben, das den unbedingten Schutz des Lebens von dem Moment der Zeugung bis zum Tod verlangt. Auch die Unauflöslichkeit der Ehe und damit ein zentrales Element der Lehre von der Ehe als einem von Gott gestifteten Heilszeichen (Sakrament) sowie das Verständnis von Familie als einer Gemeinschaft von Vater, Mutter und Kindern sieht Benedikt in der Praxis der reformatorischen Kirchen weniger denn je gewahrt.

          Annäherung zwischen Katholiken und Orthodoxen

          Indes teilen die katholische Kirche und die seit dem Hochmittelalter getrennten Kirchen der Orthodoxie nach wie vor die Lehre von der Kirche und den Sakramenten - was Papst Benedikt die Prognose stellen ließ, dass der Tag nicht mehr fern sei, an dem Katholiken und Orthodoxe gemeinsam das Herrenmahl feiern könnten. Die ungleich wärmeren Worte des Papstes an die Repräsentanten der etwa 1,5 Millionen orthodoxen Christen in Deutschland speisten sich auch aus der Gewissheit, dass die Gemeinsamkeiten zwischen dem Lehramt der katholischen Kirche und der Orthodoxie in ethischen Fragen größer sind als mit den „liberalen“ Protestanten.

          Aussagen beider Seiten etwa über den Verfall der Werte in westlichen Gesellschaften oder das „entchristlichte“ und das „von innen her leere“ Europa unterscheiden sich nur in Nuancen. Dass viele Kirchen der Orthodoxie, allen voran die russische, ungleich stärker staatlich reglementiert, wenn nicht korrumpiert sind, trübt Benedikts Sicht auf die Kirchen in Ost- und Südosteuropa nicht. Nicht bekannt ist auch, dass sich der Papst jemals an der Praxis der Orthodoxie gestört hat, eine zweite Eheschließung unter bestimmten Umständen kirchlich anzuerkennen. Deutschen Bischöfen, die vor Jahren ebensolches erwogen, hielt Benedikt in seiner Zeit als Kardinal Ratzinger und damaliger Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre hingegen vor, sie stünden mit Überlegungen wie diesen außerhalb der Lehre der Kirche.

          Verzicht auf ihre „materielle und politische Last“

          Der zweite Eingriff des Papstes bestand in dem Wunsch, die viertägige Reise mit einer programmatischen Rede über die Lage der katholischen Kirche in Deutschland zu beenden. Die knapp zwanzig Minuten währende Ansprache vor 1300 geladenen Gästen aus der gesamten Bundesrepublik mit Bundespräsident Wulff an der Spitze, diente dem Papst dazu, die in seinen Augen in zu vielen Strukturen erstarrte und von zu wenig „Geist“ erfüllte Kirche in Deutschland zur Erneuerung aufzurufen. Unabdingbar sei dazu der Verzicht auf ihre „materielle und politische Last“. Worin diese Last im Einzelnen bestehe, sagte der Papst nicht.

          Allerdings bediente er sich zur Ausschmückung seines Gedankengangs zweimal des Wortes „Privilegien“. Dieser Begriff aber ist seit langem ein politischer Kampfbegriff von Gegnern des herkömmlichen Verhältnisses von Staat und Kirche in Deutschland, etwa der Linkspartei sowie einigen Gruppen innerhalb der SPD und der Grünen. In Mode ist in diesen Gruppen vor allem die Eliminierung des Status der katholischen (und evangelischen) Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts und damit ein Ende der Finanzierung der Kirchen durch eine mit staatlicher Hilfe eingetriebene Kirchensteuer. Zur Disposition gestellt werden aber auch der Status des konfessionellen Religionsunterrichts als grundgesetzlich geschütztes Pflichtfach an öffentlichen Schulen sowie die Existenz theologischer Fakultäten an staatlichen Hochschulen. Hat der Papst sich also mit seiner „Freiburger Rede“ zum Sprachrohr ausgerechnet jener Politiker gemacht, die ihm nicht einmal im Bundestag zuhören wollten, und damit der katholischen Kirche in Deutschland einen Schlag versetzt, der die evangelische Kirche gleichermaßen beträfe?

          Viele Passagen aus seinem Buch „Das neue Volk Gottes“ (1969)

          In der Tat verließ Benedikt XVI. das Freiburger Konzerthaus als designierter Kronzeuge all jener politischen Kräfte, die das Staatskirchenrecht abschaffen und die Stellung der beiden Kirchen in der Gesellschaft schwächen wollen. Doch wie im Jahr 2006 in Regensburg, so sprach auch in Freiburg aus Papst Benedikt der Professor Joseph Ratzinger. Viele Passagen der Rede wie auch der Predigt am Sonntagvormittag hat er fast wörtlich seinem Buch „Das neue Volk Gottes“ entnommen, einer Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen aus dem Jahr 1969.

          Damals schrieb der Professor: „Es wird der Kirche auf Dauer nicht erspart bleiben, Stück für Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden. Tatsächlich wird ihre missionarische Kraft durch solch äußere Verluste nur wachsen können.“ Der Papst variierte am Sonntag diese These mit den Worten: „Die geschichtlichen Beispiele zeigen: Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage.“ Unter „Entweltlichung“ verstand Ratzinger schon damals die Trennung von politischer und kirchlicher Sphäre, etwa durch die Enteignung von Kirchengütern. Den Begriff „Entweltlichung“ hatte er in den sechziger Jahren von dem evangelischen Neutestamentler Rudolf Bultmann übernommen und dem zunächst rein theologischen Bedeutungsgehalt eine praktisch-politische Wendung gegeben.

          Auch das unziemlich „Weltliche“ der Kirche bezeichnete Ratzinger schon damals als „Privileg“. Im Dezember 1969 sagte der Theologieprofessor Ratzinger im Hessischen Rundfunk: „Aus der Krise wird auch dieses Mal eine Kirche von morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen . . . Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, viele Privilegien in der Gesellschaft verlieren.“

          In der fast wörtlichen Übereinstimmung von Texten aus dem Jahr 1969 und dem Jahr 2011 ist Papst Benedikt XVI. dem Professor Joseph Ratzinger daher treu geblieben. Doch lohnt es sich, seine Aufsätze und Vorträge aus den sechziger Jahren als Ganzes zu lesen. So sagte er im Rundfunk auch voraus, die Kirche werde im Jahr 2000 „auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen“. Diese Passage hat der Papst nach der Relecture seiner früheren Werke ignoriert, desgleichen die Warnung des Professors vor einer „in verkehrter Weise forcierten“ Zurücknahme äußerer Positionen. Manche Vorteile seien durchaus „wertvoll“, urteilte Ratzinger im Jahr 1969.

          Für den Papst erweist sich etwa der Wert des Privilegs Kirchensteuer unter anderem darin, dass die Deutsche Bischofskonferenz dem Vatikan 8,5 Millionen Euro im Jahr schenkt. Ob die Entweltlichung der Kirche gemäß den Worten von Papst Benedikt wohl diesmal an ihrer Spitze in Rom beginnt?

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