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Benedikt XVI. : Professor Papst

Allerdings bediente er sich zur Ausschmückung seines Gedankengangs zweimal des Wortes „Privilegien“. Dieser Begriff aber ist seit langem ein politischer Kampfbegriff von Gegnern des herkömmlichen Verhältnisses von Staat und Kirche in Deutschland, etwa der Linkspartei sowie einigen Gruppen innerhalb der SPD und der Grünen. In Mode ist in diesen Gruppen vor allem die Eliminierung des Status der katholischen (und evangelischen) Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts und damit ein Ende der Finanzierung der Kirchen durch eine mit staatlicher Hilfe eingetriebene Kirchensteuer. Zur Disposition gestellt werden aber auch der Status des konfessionellen Religionsunterrichts als grundgesetzlich geschütztes Pflichtfach an öffentlichen Schulen sowie die Existenz theologischer Fakultäten an staatlichen Hochschulen. Hat der Papst sich also mit seiner „Freiburger Rede“ zum Sprachrohr ausgerechnet jener Politiker gemacht, die ihm nicht einmal im Bundestag zuhören wollten, und damit der katholischen Kirche in Deutschland einen Schlag versetzt, der die evangelische Kirche gleichermaßen beträfe?

Viele Passagen aus seinem Buch „Das neue Volk Gottes“ (1969)

In der Tat verließ Benedikt XVI. das Freiburger Konzerthaus als designierter Kronzeuge all jener politischen Kräfte, die das Staatskirchenrecht abschaffen und die Stellung der beiden Kirchen in der Gesellschaft schwächen wollen. Doch wie im Jahr 2006 in Regensburg, so sprach auch in Freiburg aus Papst Benedikt der Professor Joseph Ratzinger. Viele Passagen der Rede wie auch der Predigt am Sonntagvormittag hat er fast wörtlich seinem Buch „Das neue Volk Gottes“ entnommen, einer Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen aus dem Jahr 1969.

Damals schrieb der Professor: „Es wird der Kirche auf Dauer nicht erspart bleiben, Stück für Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden. Tatsächlich wird ihre missionarische Kraft durch solch äußere Verluste nur wachsen können.“ Der Papst variierte am Sonntag diese These mit den Worten: „Die geschichtlichen Beispiele zeigen: Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage.“ Unter „Entweltlichung“ verstand Ratzinger schon damals die Trennung von politischer und kirchlicher Sphäre, etwa durch die Enteignung von Kirchengütern. Den Begriff „Entweltlichung“ hatte er in den sechziger Jahren von dem evangelischen Neutestamentler Rudolf Bultmann übernommen und dem zunächst rein theologischen Bedeutungsgehalt eine praktisch-politische Wendung gegeben.

Auch das unziemlich „Weltliche“ der Kirche bezeichnete Ratzinger schon damals als „Privileg“. Im Dezember 1969 sagte der Theologieprofessor Ratzinger im Hessischen Rundfunk: „Aus der Krise wird auch dieses Mal eine Kirche von morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen . . . Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, viele Privilegien in der Gesellschaft verlieren.“

In der fast wörtlichen Übereinstimmung von Texten aus dem Jahr 1969 und dem Jahr 2011 ist Papst Benedikt XVI. dem Professor Joseph Ratzinger daher treu geblieben. Doch lohnt es sich, seine Aufsätze und Vorträge aus den sechziger Jahren als Ganzes zu lesen. So sagte er im Rundfunk auch voraus, die Kirche werde im Jahr 2000 „auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen“. Diese Passage hat der Papst nach der Relecture seiner früheren Werke ignoriert, desgleichen die Warnung des Professors vor einer „in verkehrter Weise forcierten“ Zurücknahme äußerer Positionen. Manche Vorteile seien durchaus „wertvoll“, urteilte Ratzinger im Jahr 1969.

Für den Papst erweist sich etwa der Wert des Privilegs Kirchensteuer unter anderem darin, dass die Deutsche Bischofskonferenz dem Vatikan 8,5 Millionen Euro im Jahr schenkt. Ob die Entweltlichung der Kirche gemäß den Worten von Papst Benedikt wohl diesmal an ihrer Spitze in Rom beginnt?

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