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Benedikt XVI. in Berlin : Der erste Applaus

  • -Aktualisiert am

Benedikt XVI. und Bundespräsident Wulff vor dem Schloss Bellevue Bild: dapd

Der Papst ist in Deutschland eingetroffen. Seine erste Ansprache hält er im Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten. „Die Kirche ist keine Parallelgesellschaft“, sagt Wulff.

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          Es ist 10.16 Uhr, da brandet im Park von Schloss Bellevue das erste Mal Applaus auf: Das Flugzeug des Papstes ist gelandet. Die Gäste des Bundespräsidenten - Bürger und jene Bischöfe, die nicht zur Delegation des Papstes gehören - können das Geschehen auf einer Leinwand verfolgen.

          Eine Viertelstunde später verlässt Benedikt XVI. die Maschine, wieder applaudieren die Menschen - in der Erwartung, den Papst bald persönlich zu sehen. Denn hier, an seinem Amtssitz, wird Bundespräsident Christian Wulff das Kirchenoberhaupt offiziell begrüßen, nachdem er, seine Frau und Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn schon am Flughafen empfangen hatten.

          Ein Platz für die „Auserwählten“

          Zu sehen gibt es aber auch im Park etwas: Gegen 10.45 Uhr marschiert der Teil einer Ehrenformation der Bundeswehr vorbei. An drei Masten vor dem Schloss hängen die Flaggen Deutschlands, des Vatikans und Europas. Manche machen Erinnerungsfotos - Gruppenbild mit ihrem Bischof, die Tribüne, das Schloss. „Wir gehören zu den Auserwählten“, sagt ein Schüler aus Berlin stolz, ein Alevit. „Es ist das erste Mal, dass ich den Papst live sehe.“ Gemeinsam mit seinen Schulfreunden - Christen und Muslimen - dürfen sie im Schloss Bellevue dabei sein.

          Der Papst wird von den Gästen im Garten von Schloss Bellevue empfangen
          Der Papst wird von den Gästen im Garten von Schloss Bellevue empfangen : Bild: dpa

          Auch die Bischöfe schauen konzentriert auf die Leinwand. Der Münchener Erzbischof, Reinhard Kardinal Marx, sieht in dem Besuch des Papstes eine „große Chance“, da „fast die ganze Gesellschaft“ in diesen Tagen auf das Thema Religion aufmerksam werde. Für die Gesellschaft wichtige Werte erwüchsen auch aus dem Glauben, fügt er hinzu. „Wir brauchen etwas, das uns zusammenhält, und das muss mehr sein als eine Fußball-Weltmeisterschaft.“ Mit ähnlichen Worten wird dies der Papst später auch hervorheben.

          Wulff: Kirche ist keine Parallelgesellschaft

          Um 10.50 Uhr setzt sich der Fahrzeugkonvoi vom Flughafen Tegel in Bewegung, eine halbe Stunde später fährt der Papst vor dem Schloss Bellevue vor. Dort heißt Wulff ihn noch einmal willkommen, danach trägt sich Benedikt XVI. im Gästebuch ein. Dann betreten sie den Park des Schlosses. Für beide ist ein kleines Podest aufgebaut, auf dem ein Pult und zwei Stühle stehen. Noch ist der rote Teppich zwischen dem Podest und dem Schloss nicht aufgerollt.

          Um 11.10 Uhr kommt die ganze Ehrenformation der Bundeswehr. Nach einigen Befehlen haben die Soldaten ihren Platz eingenommen. Wieder Applaus, als der Papst vor dem Schloss - zunächst auf der zum Park abgelegenen Seite - eintrifft. Dann kommen Benedikt XVI. und Wulff in den großen Garten. Der Bundespräsident heißt den Papst “von ganzem Herzen“ willkommen, und würdigt die Verdienste der katholischen Kirche und aller Christen um die Einheit Deutschlands.

          Er spricht aber auch kritische Themen an, etwa den Umgang der Kirche mit Brüchen in der Lebensgeschichte von Menschen - in den Sinn kommen dem Zuhörer wiederverheiratete Geschiedene -, das Fehlverhalten von Amtsträgern - man denkt sofort an den Missbrauchsskandal - und die Kirchenspaltung.

          „Die Kirche ist keine Parallelgesellschaft, sondern lebt mitten in der Welt und Zeit“, sagt Wulff und gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass der Besuch des Papstes den Menschen Orientierung gebe. In einer Zeit voller Unfrieden und Unsicherheit wachse die Sehnsucht nach Sinn.

          Papst: Zusammenleben braucht verbindliche Basis

          Der Papst gibt in seiner Antwort das Motto seiner Reise vor: Er wolle in erster Linie mit Menschen zusammentreffen und über Gott sprechen. „Religion ist eine der Grundlagen für ein gelingendes Miteinander“, sagt er angesichts einer „zunehmenden Gleichgültigkeit“ in der Gesellschaft der Religion gegenüber. „Freiheit braucht die Rückbindung an einer höhere Instanz. Dass es Werte gibt, die durch nichts und niemanden manipulierbar sind, ist die eigentliche Gewähr unserer Freiheit.“

          Hervor hebt er aber auch, dass Freiheit nicht ohne Solidarität mit anderen Menschen gelebt werden könne. Der Papst mahnt eine „tiefgreifende kulturelle Erneuerung“ und die „Wiederentdeckung von Grundwerten“ an, auf denen eine bessere Zukunft aufzubauen sei. Einen „kleinen Beitrag“ dazu zu leisten, sei sein Wunsch für seinen Aufenthalt in Deutschland.

          Gegen 12.15 Uhr verlässt der Papst nach einem persönlichen Gespräch mit dem Bundespräsidenten das Schloss Bellevue wieder - die Bundeskanzlerin wartet auf ihn. Sein viertägiger Besuch hat begonnen.

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