https://www.faz.net/-gpf-6koe5

Papstbesuch in Großbritannien : Zum ersten Mal seit Heinrich VIII.

  • Aktualisiert am

Erste Station seiner Reise: der Papst in Edinburgh Bild: AFP

Ein historischer Tag: Papst Benedikt XVI. ist in Schottland eingetroffen. Es ist der erste offizielle Staatsbesuch eines Papstes in Großbritannien seit der Abspaltung der anglikanischen Kirche im 16. Jahrhundert. Doch Benedikt erwartet nur wenig Jubel - viele auf der Insel kritisieren seinen Besuch scharf.

          3 Min.

          Papst Benedikt XVI. ist am Donnerstag in Großbritannien eingetroffen. Der viertägige Staatsbesuch ist die wichtigste und heikelste Reise des Jahres. So fällt der erste offizielle Besuch eines Papstes im Vereinigten Königreich in eine schwierige Zeit: Seit Monaten belastet der Skandal um sexuellen Missbrauch hinter Kirchenmauern die katholische Kirche schwer.

          Benedikt verließ Rom am frühen Morgen vom Flughafen Ciampino aus. Der Ehemann von Queen Elizabeth II., Prinz Philip, empfing den Heiligen Vater am Flughafen im schottischen Edinburgh. Danach wird er von Queen Elizabeth II. in ihrem schottischen Palast Holyrood empfangen. Die viertägige Visite in England und Schottland ist der erste Staatsbesuch eines katholischen Kirchenoberhaupts in Großbritannien seit der Abspaltung der anglikanischen Kirche im 16. Jahrhundert. Papst Johannes Paul II. war 1982 lediglich im Rahmen eines sogenannten Pastoralbesuchs ins Vereinigte Königreich gekommen.

          Seligsprechung John Henry Newmans

          Das Verhältnis zur anglikanischen Kirche, deren Oberhaupt die britische Königin Elizabeth II. ist, befindet sich zurzeit auf einem Tiefpunkt. Benedikt hatte jüngst konservativen Anglikanern die Aufnahme in die katholische Kirche unter Beibehaltung ihrer liturgischen Traditionen angeboten.

          Pilger kommen in Bellahouston Park in Glasgow an. Sie wollen an einer Messe teilnehmen, die der Past halten wird

          Den 83 Jahre alten Papst erwartet ein dichtes Programm. Jeweils zwei Etappen in Schottland und in England mit insgesamt 13 Ansprachen stehen bis zum Sonntag an. Bei den vier großen öffentlichen Auftritten werden insgesamt mehr als 250.000 Gläubige erwartet. Als Höhepunkt der Reise gilt die Seligsprechung John Henry Newmans (1801-1890), eines Wanderers zwischen der anglikanischen und der katholischen Kirche.

          Am frühen Donnerstagabend werden 60.000 Gläubige zu einer Freiluftmesse in Glasgow erwartet, wo der Papst einen krebskranken neunjährigen Jungen segnen will. Auf dem Weg nach Schottland äußerte sich Benedikt XVI. zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Die Berichte darüber seien „ein Schock“ für ihn gewesen. Er habe „mit großer Traurigkeit“ reagiert. Die Kirche sei mit Blick auf pädophile Priester „nicht wachsam genug“ gewesen, räumte der Papst ein.

          Weiter heftige Proteste gegen Besuch

          Der Besuch des Papstes wird in Großbritannien seit Wochen heftig diskutiert. Während Premierminister Cameron den Papst vorab in einer Videobotschaft als willkommenen Helfer zur Stärkung des Miteinanders in der britischen Gesellschaft lobte, kündigte der frühere Erste Minister der nordirischen Autonomieregierung, der protestantische Pfarrer Ian Paisley, für diesen Donnerstag eine Gegenkundgebung in Edinburgh an - am Rande der Strecke, die der Papst durch die Stadt zurückzulegen hat. Gegen die offizielle Würdigung des Papstes als Staatsoberhaupt protestierten am Mittwoch auch 50 Intellektuelle, Autoren und Politiker. Zu den Unterzeichnern gehören die Bestsellerautoren Terry Pratchett, Ken Follett und Philip Pullman, der Schauspieler Stephen Fry, die ehemalige Kulturstaatsministerin Tessa Blackstone, der Regisseur Jonathan Miller, die Naturwissenschaftler Richard Dawkins, Steve Jones, Lewis Wolpert und der Nobelpreisträger Harry Kroto.

          Als Papst, europäischem Bürger und Oberhaupt einer Kirche mit vielen Anhängern in Großbritannien stehe es Benedikt XVI. selbstverständlich frei, „unser Land zu betreten und zu bereisen“, schreiben die Verfasser gnädig; doch sei er Oberhaupt eines Staates und einer Organisation, sie sich der Verteilung von Kondomen widersetze und in armen Ländern der Verbreitung von Aids Vorschub leiste, die Rassentrennung in Schulen fördere, die selbst den gefährdetsten Frauen die Abtreibung verweigere, die die Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen ablehne und die es versäume, die vielen Fälle des Kindesmissbrauchs in ihren eigenen Reihen aufzuarbeiten.

          Feindseliger Ton

          Außerdem werfen die Unterzeichner dem Vatikan vor, zahlreiche wichtige Menschenrechtsverträge nicht unterzeichnet und mit mehreren Staaten Konkordate abgeschlossen zu haben, welche die Menschenrechte der Bürger dieser Staaten beeinträchtigten. Dass sich der Heilige Stuhl als Staat und der Papst als Staatsoberhaupt ausgäben, sei bloß eine bequeme Fiktion, die den internationalen Einfluss des Vatikans verstärke, wettern die Unterzeichner.

          Sie treffen damit den aggressiven und feindseligen Ton, den Aktivisten, Interessengruppen und viele Medien in ihrer Kommentierung des Papstbesuches anschlagen. Es ist bezeichnend, dass die BBC, deren Generaldirektor Mark Thompson selbst katholischen Glaubens ist, die Gegner des Papstbesuches stets als besorgte Menschenrechtsaktivisten darstellt, während jene Stimmen, die sich gegen die geplante Moschee am Ground Zero aussprechen, als Ultrakonservative oder Rechte abgestempelt werden. Der öffentlich-rechtliche Sender forderte die Briten auf, zu der Frage Stellung zu nehmen, ob der Papstbesuch angesichts der Wirtschaftskrise berechtigt sei. Von den Kosten, die auf den Steuerzahler entfallen, ist in der kritischen Berichterstattung immer wieder die Rede, wobei die Zahl von angeblich bis zu zwölf Millionen Pfund oft übertrieben wird. Die theologische Denkfabrik Theos ermittelte unlängst, dass 76 Prozent der Briten fänden, der Papstbesuch solle nicht vom Staat teilfinanziert werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klein und furchteinflößend: Papierfischchen lieben Zellulosefasern.

          Sorge vor Schädlingen : Insekten im Museum

          Alle Museen fürchten Insekten, die ihre Sammlungen als Nahrungsquelle sehen. Trotzdem spricht kaum jemand in der Branche über Schädlingsbefall. Wer es tut, muss mit Konsequenzen rechnen.

          Angefasst und ausprobiert : Das kann das Motorola Razr

          Wer das neue Motorola Razr in die Hand bekommt, reißt erst einmal die Klappe auf und sucht wie bei anderen faltbaren Smartphones die Falte in der Mitte. Wir haben aber auch noch anderes ausprobiert.
          Für viele wünschenswert: Eine Hebamme wiegt im Rahmen der Nachsorge ein Baby.

          „Social Freezing“ : Den Kinderwunsch auf Eis gelegt

          Für Frauen, die sich für das Einfrieren unbefruchteter Eizellen entscheiden, spielen oft das Fehlen eines Partners oder Karrierepläne eine Rolle. Die Methode wird immer häufiger nachgefragt, vor allem bei Akademikerinnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.