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Papst-Vorlesung : Zentralrat der Muslime fordert Entschuldigung

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Merkel: Kritiker verkennen Intention

Auch die britischen Muslime drangen auf eine Klarstellung. Der Muslim Council of Britain (MCB) - die Dachorganisation der rund 250 muslimischen Gruppen in Großbritannien - erklärte: „Von einem religiösen Führer wie dem Papst hätte man erwarten können, daß er mit Verantwortungsbewußtsein handelt und spricht und im Interesse von Wahrheit und Harmonie zwischen den Anhängern des Islams und des Katholizismus die Ansichten des byzantinischen Kaisers zurückweist.“ Der Präsident des französischen Muslim-Dachverbandes CFCM, Dalil Boubakeur, verlangte ebenfalls „eine Klarstellung“. Man dürfe den Islam, eine Offenbarungsreligion, nicht mit dem Islamismus verwechseln, der keine Religion ist, sondern politische Ideologie, sagte Boubakeur. In Deutschland gab es ein unterschiedliches Echo.

Merkel sagte: „Wer den Papst kritisiert, verkennt die Intention seiner Rede. Sie ist eine Einladung zum Dialog der Religionen, und der Papst hat sich ausdrücklich für diesen Dialog eingesetzt, den auch ich befürworte und für dringend notwendig halte.“ Was Benedikt XVI. deutlich mache, sei „eine entschiedene und kompromißlose Absage an jegliche Anwendung von Gewalt im Namen der Religion“, fügte sie hinzu.

Beck: „merkwürdig einseitig und geschichtsblind“

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sagte, es gebe überhaupt keinen Grund für Kritik. Ein Regierungssprecher in Berlin verwies auf die Vatikanerklärung, nach der der Papst den Islam respektiere und den Dialog mit anderen Religionen vorantreiben wolle. Der Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Beck bezeichnete die Papst-Worte als „merkwürdig einseitig und geschichtsblind“.

Vatikansprecher Federico Lombardi wies die Kritik aus der islamischen Welt zurück. Er sagte, dem Papst sei es um eine „klare und radikale Zurückweisung einer religiösen Motivation von Gewalt“ gegangen. Der Papst habe die „Sensibilität islamischer Gläubiger“ nicht verletzen wollen.

„Falsches Verständnis des Islams“

Benedikt XVI. hatte in einer Vorlesung an der Universität Regensburg gesagt, Religion dürfe niemals zur Rechtfertigung von Gewalt mißbraucht werden oder gar selbst zur Gewalt aufrufen. Er zitierte aus einem Buch, das einen Disput zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos und einem gelehrten Perser über den Dschihad und die Bekehrung durch Gewalt wiedergibt. Dort hieß es an einer Stelle, Mohammed habe der Welt nur Schlechtes und Inhumanes gebracht. Benedikt machte dabei klar, daß er nur zitierte. (FAZ.NET dokumentiert das vom Vatikan autorisierte Manuskript der Vorlesung: Dokumentation: Die umstrittene Rede des Papstes)

Der Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft, Mohammed Mahdi Akef, hat eine Entschuldigung des Papstes verlangt. Die Bemerkung zeuge von einem falschen Verständnis des Islams, sagte Akef. Er sei erstaunt, daß der höchste Vertreter der katholischen Kirche, der Einfluß auf die öffentliche Meinung des Westens habe, sich so äußere.

Verärgerung unter deutschen Muslimen

Auch führende Muslime in Deutschland und der Türkei reagierten verärgert. Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, nannte die Aussagen des Papstes „irritierend und höchst bedauerlich“. Benedikt habe zu Beginn des Besuchs an die Politik appelliert, den Dialog der Kulturen und Religionen zu verstärken. Seine Vorlesung in Regensburg sei allerdings „kein positiver Beitrag dazu“, sagte Kizilkaya.

Auch der oberste islamische Geistliche in der Türkei, Ali Bardakoglu, forderte den Papst auf, seine Äußerungen zurückzunehmen und sich zu entschuldigen. Er fühle sich von den Bemerkungen beleidigt, sagte der Vorsitzende des Direktorats für religiöse Angelegenheiten laut der Nachrichtenagentur Anadolu. Benedikt XVI. will im November die Türkei besuchen. (Siehe auch: Türkei fordert vom Papst eine Entschuldigung)

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