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Rücktritt von Benedikt XVI. : Nach dem Papst ist vor dem Papst

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Diese Europäer würden sich auf keinen Kardinal ihres Kontinents einigen wollen, wird einerseits gesagt. Aus Frankreich aber kommt der Wunsch, Jean-Louis Tauran zum Papst zu wählen; der 69 Jahre alte Kardinal leitet den päpstlichen Rat für interreligiösen Dialog. Gerade noch wurden dem 68 Jahre alten Erzbischof von Wien, Christoph von Schönborn, gute Chancen beigemessen - mittlerweile jedoch gilt er schon wieder als Außenseiter. Aus Südamerika kommen 21 Kardinäle, 14 aus Nordamerika, elf aus Asien und Afrika, ein Kardinal reist aus Ozeanien an.

Zwei Welten stoßen beim Konklave aufeinander: die zumeist als konservativ geltenden 31 Kardinäle der Kurie, denen die zentrale Befehlsgewalt Roms und die Kontinuität am Herzen liegen, und die anderen aus aller Welt, die mit ihren jeweiligen Sorgen und Besonderheiten mehr für eine kollegial geführte Kirche eintreten. Schon beim Konklave des Jahres 2005 sei dieser Gegensatz spürbar gewesen, heißt es nun. Auch wenn die Europäer im Kollegium der wahlberechtigten Kardinäle noch die Mehrheit haben, würde ein afrikanischer, lateinamerikanischer oder asiatischer Pontifex niemanden überraschen. Aber es dürfe kein nordamerikanischer Papst werden, wird gesagt: Diese Kirche sei ohnehin schon so einflussreich.

Asien hat mit dem 55 Jahre alten, von Benedikt XVI. geschätzten Erzbischof von Manila, Luis Antonio Tagle, einen Favoriten im Konklave. Aber aus Afrika gelten mindestens drei Kandidaten als „papabile“. Gute Chancen werden dem nigerianischen Kardinal Francis Arinze zugemessen, obwohl er schon 80 Jahre alt ist. Jünger ist der 1945 geborene Kardinal Robert Sarah aus Guinea, der das päpstliche Sozialwerk Cor Unum in Rom leitet. 64 Jahre alt ist Kurienkardinal Peter Turkson aus Ghana. Benedikt selbst soll an Turkson gedacht haben, als er einmal davon sprach, es sei doch „eine interessante Idee“, erstmals einen „dunkelhäutigen Papst“ auf dem Heiligen Stuhl zu heben.

In Rom favorisieren viele Marc Quellet

Benedikt machte Turkson 2009 zum Präsidenten des päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden. Turkson spricht viele Sprachen, nicht zuletzt Hebräisch. Die Lateinamerikaner setzen hingegen auf den 63 Jahre alten Brasilianer Pedro Odilo Scherer, den Erzbischof von São Paulo, der deutsche Vorfahren hat. Er hat nicht zuletzt wegen seines Studiums an der Jesuitenhochschule in Rom, der Gregoriana, gute Kontakte in die Hauptstadt der Weltkirche. Er wurde 2007 von Benedikt XVI. zum Kardinal ernannt. Der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, gilt aber auch als Kandidat.

Viele in Rom favorisieren den kanadischen Kardinal Marc Ouellet, der seit 2010 Präfekt der Bischofskongregation ist. Der 68 Jahre alte Ouellet ist - wie der scheidende Papst - Schüler des schweizerischen Theologen Hans Urs von Balthasar. Ouellet war früher Erzbischof von Québec und Chef der kanadischen Bischofskonferenz. Er wird als Kandidat favorisiert, weil er die Kardinäle aus den Vereinigten Staaten und aus Südamerika für sich gewinnen und zugleich eine Brücke zwischen der neuen und der alten Welt bilden könnte - denn nach seinen Studien in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá und im heimatlichen Montreal verbrachte Ouellet auch Studienjahre in Rom, Innsbruck und Passau.

Er kehrte dann für einige Zeit als Rektor eines Priesterseminars nach Kolumbien zurück. Immer wieder wurde er in den vergangenen Monaten zum Papst zur Audienz gerufen, denn ihm obliegt die Kontrolle des hohen Klerus nach den Missbrauchsskandalen der Vergangenheit. Ouellet genießt aber nicht nur das päpstliche Vertrauen, er gehört auch zu den Kardinälen, die sich gegenüber der Welt öffnen. Die Liste der Kandidaten für das höchste Amt der Weltkirche erscheint nur einen Tag nach der Rücktrittsankündigung Benedikts nahezu unerschöpflich.

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