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Katholische Kirche : Ort des Ausgleichs

Papst Benedikt XVI. spricht nach der Generalaudienz auf den Petersplatz zu den Gläubigen Bild: dpa

Der Rückzug Papst Benedikts XVI. als Akt einsichtsvoller Selbstbescheidung steht im eindrucksvollen Kontrast zum öffentlichen Sterben Johannes Pauls II. vor acht Jahren. Doch über dem einen wie dem anderen Ende des Pontifikats liegen dieselben Schatten.

          Was für ein Kontrast! Vor acht Jahren das öffentliche Sterben Papst Johannes Pauls II. als letzte Station eines langen Leidens, jetzt der Rückzug Papst Benedikts XVI. vom Amt des Bischofs von Rom als formvollendeter Akt einsichtsvoller Selbstbescheidung. Doch über dem einen wie dem anderen Ende des Pontifikats liegen dieselben Schatten: Wie wird es weitergehen mit der Führung der Weltkirche? Und wie steht es um Grund und Grenzen der Aufgabe des Bischofs von Rom als Zeichen der Einheit der Christenheit?

          Letztere Frage hatte Papst Johannes Paul II. schon im Jahr 1995 in seiner Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ aufgeworfen. Das Echo in den Kirchen der Reformation war kaum messbar, das im Raum der Orthodoxie bescheiden. Noch bescheidener aber war das Echo in der katholischen Kirche auf die Aufforderung des Papstes, in einen Reflexionsprozess über die Stellung des Bischofs von Rom einzutreten.

          Als hätte sich die vielbeschworene Papsttreue nicht in Gehorsam bewähren können, nahm der Kult um die Person fast blasphemische Formen an - bis dahin, dass sich Papst Benedikt auch im Ruhestand als „Seine Heiligkeit“ anreden lassen will. Dass es in diesem Klima unmöglich war, über neue Formen kollegialer Führung der Kirche auch nur halblaut nachzudenken, versteht sich von selbst.

          In der Endphase des Pontifikats von Johannes Paul II. hieß es, dieses Joch müsse sein Nachfolger auf sich nehmen. Der aber dachte nicht daran, sondern erinnerte sich bis zum vorletzten Tag seines Pontifikats nicht einmal an seine wegweisenden Überlegungen über Primat und Episkopat aus früheren Jahren - gar nicht zu reden von der Einhaltung elementarer Regeln guter Regierungsführung, wie sie sein Vorgänger in der Konstitution „Pastor bonus“ festgelegt hatte.

          Benedikt XVI. ist der erste Papst seit Jahrhunderten, der sein Pontifikat freiwillig beendet Bilderstrecke

          Je auf ihre Weise haben beide Päpste die Krise der Autorität in der Kirche und der Autorität der Kirche in der Welt verschärft. Der eine, indem er die Machtfrage stellte, ohne von der Macht zu lassen, der andere, indem er von der Macht ließ, ohne die Machtfrage zu stellen.

          Nun wird dem Nachfolger aufgegeben sein, das „wozu“ und das „wie“ des Petrusamtes in der Kirche auszubuchstabieren. Gewiss ist nur eines. Wenn es einen Ort des Ausgleichs gibt zwischen den zentrifugalen Kräften einer in den Ländern des Südens wachsenden und in den Ländern des Nordens implodierenden Kirche, dann ist es Rom.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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