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Die letzten Tage als Papst : Mittags spielt er gern Klavier

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Mit Milde die Schuldigen geschützt

Schon vor Jahren dachte Benedikt zumindest theoretisch über Rücktritt nach. Das bestätigte sein Bruder Georg; und so stand es eben auch 2010 im Gesprächsbuch „Licht der Welt“. Im März 2012 sprach er mit dem greisen Fidel Castro auf Kuba über Amtsaufgabe, Verzicht und Tod. Der Comandante soll das Thema aufgebracht haben. Aber seit Vatileaks und der Veröffentlichung des Buches von Gianluigi Nuzzi „Sua Santità - Le Carte Segrete di Benedetto XVI.“ im Jahr 2012 mit gestohlenen Texten wurde die Überlegung zu einem konkreten Plan. Im Wunsch nach Transparenz beschloss der Papst zwar einen Strafprozess, doch blieb der auf den Vatikan beschränkt und wurde nicht auf gerichtliche Untersuchungen in Italien ausgedehnt, etwa um zu klären, wer außer Nuzzi noch Dokumente bekommen hatte.

Schon um sechs Uhr in der Früh steht der Papst auf

Die vom Papst eingesetzte Kommission vernahm Bischöfe und Purpurträger der Kurie, aber ihr Bericht blieb unveröffentlicht. Kardinäle kamen später erschüttert aus privaten Audienzen mit dem Papst und sagten, es hätten sich darin Abgründe von Hass, Missgunst und Menschenverachtung aufgetan. Der Papst aber schützte mit Milde die Schuldigen, amnestierte den „Raben“, erkannte sein Scheitern und beschloss den Abschied.

Zurück zu seiner Routine: Um elf Uhr beginnen mittwochs die Generalaudienz oder Privataudienzen. Staatsoberhäupter und Regierungschefs haben das Recht, alleine empfangen zu werden; das gilt auch für deutsche Ministerpräsidenten. Botschafter übergeben ihr Beglaubigungsschreiben; Bischöfe werden empfangen. Alle fünf Jahren wird von den nationalen Bischofskonferenzen ein Besuch im Vatikan erwartet, bei dem die Probleme der jeweiligen Kirche besprochen werden. Bisweilen lässt sich der Papst eine Landkarte geben, um besser folgen zu können. Jedes Jahr dürfte er 800 Bischöfe empfangen haben.

Orangensaft, Fanta oder ein Glas Wein

Zwischen 13 und 14 Uhr ist Mittagspause. Benedikt isst ein wenig, vor allem ruht er oder spielt Klavier. Früher hatte er dafür bisweilen eine Begleiterin, jetzt spielt er allein. Zur Mittagspause gehörte bis vor kurzem der tägliche Spaziergang in den vatikanischen Gärten. Im vergangenen Jahr bekam der Papst noch ein Elektroauto geschenkt, um leichter dorthin zu kommen. Seitdem ihm das Gehen noch schwerer fällt, wurden die Spaziergänge mit dem Rosenkranz seltener.

Nach der Mittagspause stehen die nächsten Audienzen an; meist kommen jetzt die Kardinäle der Kurie; am häufigsten wohl der bisher zweite Mann beim Heiligen Stuhl, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Immer wieder ist er von engen Mitarbeitern kritisiert worden: Er sei seinem Posten nicht gewachsen, interessiere sich nur für Italien und spreche nur dessen Sprache; er sei für Korruption empfänglich und lasse den Papst vielfach allein. Der aber hielt dem 78 Jahre alten Mitarbeiter aus seiner Zeit in der Glaubenskongregation bis zum Schluss die Treue.

Am frühen Abend zieht sich der Papst zum Gebet zurück und nimmt sein Abendbrot ein. Er habe mittlerweile nur noch wenig Hunger, heißt es aus seiner Küche. Aber er „isst noch genug“. Es werde jetzt viel mit Milch und Eiern gekocht, außerhalb der Fastenzeit meist Fleisch. Als einmal ein Arzt fragte, ob der Papst auch genug trinke, hieß es, er möge weiter Orangensaft oder Fanta und auch mal ein Glas süßlichen Weins. Um 20 Uhr schaut die „päpstliche Familie“ die italienischen Fernsehnachrichten; die Serie „Kommissar Rex“ war lange beliebt.

Ohne „Rabe“ und Bertone

Dann zieht sich der Papst zurück - meist wieder hinter den Schreibtisch, wo er ganz er selbst sein kann, ohne „Rabe“ und Bertone. Benedikt XVI. hat bisher ein gutes Gedächtnis gehabt. Er konnte sich in den Büchern bisweilen Textstellen bis zur Seitenzahl merken. Mittlerweile lässt er täglich twittern und schreibt selbst dafür den Text. Dafür aber nutzt er den Bleistift, mit dem er in kleinster Schrift kritzelt. Am Montag, als Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt erklärte, erlosch sein Licht im Arbeitszimmer erst gegen 22 Uhr, und eine Stunde danach konnten späte Pilger auf dem Petersplatz sehen, wie auch in seinem Schlafzimmer das Licht erlosch.

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