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Der Papst und der Protestantismus : Zu Ende, aber nicht vorbei

Skeptiker in Sachen Ökumene sahen sich bestätigt: Johannes Pauls II. beschränke sein versöhnendes Handeln auf nette Gesten, eigentlich rühre der polnische Papst gemeinsam mit seinem deutschen „Panzerkardinal“ im Vatikan Beton an. Als 2005 Ratzinger die Nachfolge Johannes Pauls II. antrat, erwiderten darauf die Optimisten in Sachen Ökumene, die bisherige Härte Ratzingers sei vor allem seinem Amt an der Spitze der einstigen Inquisition geschuldet gewesen. Als Papst könne er nun ungleich freier hantieren.

„Drei Wellen“ der „Enthellenisierung“

Am 12. September 2006 gibt der neue Papst selbst die Antwort in diesem Streit. In der Aula Magna der Regensburger Universität, an der er bis 1977 gelehrt hat, bringt Benedikt sein geschichtsphilosophisches und religionspolitisches Denken prägnant auf den Punkt. Die öffentliche Diskussion über die Passagen zum Islam lenkt damals davon ab, dass Benedikt damals den Protestantismus als seinen ideenpolitischen Gegenspieler seines Pontifikats identifiziert. Ratzinger legt dar, das Christentum habe seine legitime Gestalt erst auf europäischem Boden gefunden, in der Vermählung mit dem griechischen Geist. So wie das Erbe Jerusalems und das Erbe Athens für Benedikt in Rom fortleben, so finden auch Glaube und Vernunft dort ihre Einheit.

Verteidigen muss sich dieses hellenisierte Christentum nach Benedikt gegen „drei Wellen“ der „Enthellenisierung“. Alle drei sind engstens mit der evangelischen Kirche verbunden. Die erste Welle sei die Reformation selbst: Luthers Lehre und Kants davon abgeleitete Forderung, das Wissen aufzuheben, um dem Glauben Platz zu schaffen. Die zweite Enthellenisierungswelle sei die liberale Theologie eines Adolf von Harnack, die dritte die Pfingstkirchen als ekstatische Enkel der Reformation. Benedikt macht in allen dreien „Beliebigkeit“ und „uns bedrohende Pathologien der Religion und der Vernunft“ aus. So spricht ein Kenner, aber sicher kein Freund des Protestantismus.

Von der Regensburger Rede laufen die geistige Fäden zu Benedikts ständigen Warnungen vor einer „Diktatur des Relativismus“ sowie zur Erfurter Warnung an die Protestanten, ein „selbstgemachter Glauben“ sei „wertlos“. Entsprechend verhalten fallen nach den vielen Enttäuschungen am Montag die Reaktionen der evangelischen Kirchen auf Benedikts Rückzugsankündigung aus. Präses Schneider zollt „großen Respekt“, der Kasseler Bischof Hein ergänzt seine Respektbekundung um den Wunsch, die römische Kirche möge „vor der Wahl eines neuen Papstes gründlich über das Papstamt und seine Füllung nachdenke“. Daraus spricht nicht nur Ernüchterung über das Pontifikat des deutschen Papstes, sondern auch Befürchtungen für die Zukunft. Denn zum einen ist keineswegs ausgemacht, dass Benedikts Nachfolger ökumenisch aufgeschlossenerer sein wird. Zum anderen kann man sich in Deutschland nicht einmal des künftigen römischen Desinteresses sicher sein. Benedikt hat sein Feld in dieser Hinsicht in den vergangenen Monaten bestellt: Mit dem Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller steht seit dem Sommer ein Deutscher an der Spitze der Glaubenskongregation, der zwar ebenfalls ein Kenner, aber sicher auch kein Freund der evangelischen Kirche ist. Und Benedikts erst vor kurzem zum Kurienerzbischof erhobener Privatsekretär Georg Gänswein wird vermutlich auch etwas dazu beitragen wollen, dass das Ende des Pontifikat Benedikts noch lange nicht bedeutet, dass es auch schon vorbei ist.

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