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Papst in der Türkei : Kein Kreuzfahrer

Der Papst läßt eine Friedenstaube aufsteigen Bild: dpa

Ein wenig schüchtern wirkte Papst Benedikt auf seiner Pastoralreise in die Türkei, nicht wie ein strahlender Eroberer. Manch ein Türke mußte sein Weltbild gehörig korrigieren. FAZ.NET-Spezial.

          Kleine Gesten haben die Wahrnehmung verändert. Nahezu alle Zeitungen zeigten am Mittwoch den Papst, wie er vor dem Sterbehaus der Jungfrau eine türkische Flagge in der Hand hielt und sagte, er liebe die Türken. Sie alle berichten von seinen Aufrufen zum Dialog und Frieden und davon, daß er das Ave Maria auf türkisch gebetet habe. Selbst die schwierigsten Laute des Türkischen habe er gut ausgesprochen, staunt ein Nachbar. Und daß er überhaupt 16 Sprachen spreche, das erhöht noch mal die Ehrfurcht vor diesem Mann in Weiß.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Erfahren wird man wohl nie, ob er sich in seinen Gesprächen mit Staatspräsident Sezer und Ministerpräsident Erdogan wirklich für eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU eingesetzt hat. Das behaupten seine Gesprächspartner. Unbestritten hat er der Türkei auf ihrem Weg nach Europa und bei der Übernahme europäischer Normen alles Gute gewünscht. Ungesagt blieb möglicherweise, wo der Weg enden solle. Sollte die Interpretation ein Mißverständnis gewesen sein, war es eines zum Nutzen beider. Die Türken danken dem Papst, in Tagen für die Türkei aufmunternde Worte gefunden zu haben, in denen der Wind aus Brüssel wieder kalt weht. Die Balance von kritischen und aufmunternden Worten ist wiederhergestellt.

          Lob für Erdogan

          Gelohnt hat es sich auch für Erdogan, daß er sich beim Gipfeltreffen der Nato wegen des Treffens mit dem Papst verspätet hat. Seine Regierung wirkt nicht mehr so souverän, die kritischen Stimmen mehren sich. Daß er den Papst nach anfänglichem Zaudern doch empfangen hat und ihn sogar am Flugzeug begrüßte, hat ihm zu Hause viele Pluspunkte eingebracht. Das Bild mit ihm und dem Papst ging um die Welt, nicht jenes des Papstes nachher bei Staatspräsidenten Sezer. „Gewissenhaft“, aber auch „verantwortungsvoll, klug und realistisch“ habe sich Erdogan verhalten, schreibt Mehmet Barlas im Massenblatt „Sabah“. Der Chefredakteur von „Hürriyet“, Ertugrul Özkök, reiht Erdogan nun endgültig in die „fortschrittliche Türkei“ ein. Mit dieser Geste habe er sich von den Islamisten losgesagt, die als kleines Häuflein gegen den Papst demonstriert hatten. Denen habe Erdogan den vom „Propheten Muhammad gelehrten Anstand“ entgegengehalten, ergänzte die regierungsnahe Zeitung „Zaman“.

          Messe in der Heilig-Geist-Kathedrale von Istanbul

          Mit viel Beifall kommentieren die bürgerlichen Medien der Türkei den Besuch des Papstes. Bei ihrer Ablehnung bleibt lediglich die islamistische Hetzpresse, vertreten durch Zeitungen wie „Vakit“ und „Milli Gazete“. Jeder wolle dazu beitragen, daß dieser Besuch ein Erfolg werde, äußert der liberale Politikwissenschaftler Sahin Alpay. Verärgert zeigt sich die Zeitung „Hürriyet“, daß die angeblichen „Massendemonstrationen“ in der ausländischen Presse mehr Aufmerksamkeit gefunden hätten als in der Türkei. Die ausländische Presse habe „Gefahren“ herbeigeschworen und die Möglichkeit eines Attentats. Über Gebühr habe sie die Bilder eines „Meetings“ verschleierter Frauen und bärtiger Männer vergrößert. Dabei hatte bei der Minidemonstration weniger als 1 Promille der Bevölkerung Istanbuls gegen den Besuch demonstriert.

          Friedensreligion Islam

          Positiv verlief der Auftakt in Ankara. Dort überbrückte Papst Benedikt XVI. mit seinen Gesten die Distanz, auf die die Türken ihm gegenüber gegangen waren. Nach dem Interview des Kardinals, in dem er der Türkei die Europa-Tauglichkeit abgesprochen hatte, fand er warme Worte für den Weg der Türkei. Nach seiner Regensburger Rede suchte er mit dem Spitzenvertreter des türkischen Islam, Bardakoglu, den Dialog. Wichtig war das Treffen mit dem Papst auch für Bardakoglu. Den Leiter einer staatlichen Behörde hat es als geistlichen Führer aufgewertet. Entspannt saßen sie nebeneinander, freundschaftlich nahm Bardakoglu die Hand des Gastes, um sich gemeinsam um 180 Grad zu den Fotografen zu drehen. Bardakoglu skizzierte den Islam als Religion des Friedens - und gab seinen Theologen indirekt die Anweisung, sich mit den Stellen im Koran auseinanderzusetzen, die auch eine andere Interpretation zulassen.

          Der Papst wiederum zitierte eine Aussage seines Vorgängers Gregor VII. von 1076, daß Christen und Muslime an denselben Gott glaubten, aber das auf verschiedene Weise. Papst Johannes Paul II. habe ermöglicht, daß man sich zusammensetzte, sagt Felix Körner, in Ankara lebender und lehrender deutscher Jesuit. Papst Benedikt XVI. setze sich nun mit dem Anderen auseinander; er begreife die Unterschiede als Herausforderung für eine weitere Auseinandersetzung und eine spirituelle Weiterentwicklung.

          „Wir sind ein modernes Land“

          Die Welt hat sich seit 1979 verändert, als Johannes Paul II. die Türkei besuchte. Europa ist seither zusammengewachsen, und seit dem 11. September 2001 nimmt die Kluft zwischen der christlichen und der islamischen Welt zu. Taha Akyol, meinungsbildender Kolumnist der Zeitung „Milliyet“, interpretiert den Besuch des Papstes als Zeichen, daß ein Zusammenleben in gegenseitigem Respekt möglich sei. Sein Kollege Güneri Civaoglu fragt rhetorisch, welches andere muslimische Land der Papst derzeit besuchen könne. Die Türkei zeigte der Welt, wie anders sie sei und daß sie für einen Ausgleich der Zivilisationen sorge.

          Lediglich genervte Autofahrer wollen in diesen Tagen nicht in dieses Loblied einstimmen. Der ohnehin chaotische Verkehr Istanbuls ist in diesen Tagen ganz zusammengebrochen. Wichtige Verkehrsadern sind für jeglichen Verkehr geschlossen. Der Unmut richtet sich eher gegen den Papst als gegen die übervorsichtige Polizei. „Wir sind ein modernes Land“, schimpft einer aus seinem Auto. „Wieso benutzt der Papst denn nicht einen Hubschrauber?“ will er wissen. Und eine Autofahrerin klagt die Behörden an, weshalb sie eine Einschränkung schon wieder nicht rechtzeitig mitgeteilt hätten. Der Verkehr ist für einige Tage komplizierter geworden. In der Türkei herrscht aber die Stimmung vor, wieder einmal gerade rechtzeitig die Kurve gekriegt zu haben.

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