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Papst Franziskus und Boris Johnson : Der Kapitalismus, Wurzel des Bösen?

Londons Bürgermeister Boris Johnson und Papst Franziskus Bild: Reuters, AFP

Der eine predigt Barmherzigkeit, der andere mahnt, die Cornflakes-Packung nicht zu lange zu schütteln: Papst Franziskus und Londons Bürgermeister Boris Johnson streiten über Gier, Armut und Wettbewerb. Ein fiktives Gespräch

          4 Min.

          Franziskus: Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung. Diese Wirtschaft tötet.

          Andreas Kuther
          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Johnson: Ob es Ihnen passt oder nicht, die freie Marktwirtschaft is the only show in town.

          Franziskus: Ebenso wie das Gebot „Du sollst nicht töten“ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“ sagen.

          Johnson: Ding Dong! Marx is dead! Ding Dong! Communism’s dead!

          Franziskus: Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt.

          Johnson: Niemand kann die Härte dieses Wettbewerbs ignorieren oder die Ungleichheit, die er unweigerlich schafft; und ich fürchte, diese brutale ökonomische Zentrifuge wirkt auf Menschen ein, die von ihren reinen Fähigkeiten her schon sehr weit davon entfernt sind, ebenbürtig zu sein, wenn auch nicht von ihrem spirituellen Wert her.

          Franziskus: Die Ausgeschlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“.

          Johnson: Was auch immer Sie von IQ-Tests halten – in einer Diskussion über Gleichheit ist es relevant, dass 16 Prozent unserer Spezies einen IQ unter 85 haben, während zwei Prozent einen über 130 haben. Je heftiger Sie die Packung schütteln, desto leichter wird es manchen Cornflakes gelingen, an die Spitze zu kommen. Und aus dem einen oder anderen Grund – wegen der Gier der Vorstandsetagen oder, wie mir versichert wird, wegen des natürlichen und gottgegebenen Talents der Vorstandsetagen-Bewohner – wird die Gehaltslücke zwischen Spitzen-Cornflakes und Bodensatz-Cornflakes größer denn je.

          Franziskus: Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung.

          Johnson: Gerard Lyons, mein Wirtschaftsberater, denkt, wir könnten nächstes Jahr ein Wachstum von vier Prozent erwarten.

          Papst Franziskus bei seiner Generalaudienz

          Franziskus: Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen.

          Johnson: Wir haben alle nach dem Crash von 2008 auf den Paradigmenwechsel gewartet. Die Linke wurde in die Mitte der Bühne geschoben und verpasste ihren Einsatz. Die politische Geschichte erreichte einen Wendepunkt, und die Wende fand nicht statt. Was wirklich auffiel in den letzten fünf, sechs Jahren: Niemandem von der Linken ist etwas eingefallen, wie man eine Wirtschaft anders als kapitalistisch organisieren kann.

          Franziskus: Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Konsums, aber es stellt sich heraus, dass der zügellose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Ungleichheit, das soziale Gefüge doppelt schädigt.

          Johnson: Es war der Boom der 1980er Jahre in der Londoner City, der die Restaurants und Tapas-Bars finanzierte und die Welt der Kunst, auch der Musicals, und es war dieser Wandel in der Lebensqualität in London, der die Menschen zurück in die City brachte.

          Franziskus: Die Stadt erzeugt eine Art ständiger Ambivalenz. Während sie nämlich ihren Bürgern unendlich viele Möglichkeiten bietet, erscheinen auch zahlreiche Schwierigkeiten für die volle Lebensentfaltung vieler. Dieser Widerspruch verursacht erschütterndes Leiden.

          Johnson: Ich glaube nicht, dass ökonomische Gleichheit möglich ist, ein Maß an Ungleichheit ist unabdingbar für den Geist des Neides, der, wie die Gier, ein wertvoller Ansporn ist für ökonomische Aktivität.

          Franziskus: Die Anbetung des goldenen Kalbs hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.

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