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Äußerungen des Papstes : In der Sprache der Straße

Papst Franziskus nimmt ein Bad in der Menge: Das Kirchenoberhaupt sucht die Nähe zum Volk - auch in seiner Sprache. Bild: dpa

Papst Franziskus versteckt sich nicht hinter Floskeln und Formeln. Er spricht stattdessen von „Karnickeln“, von „geistlichem Alzheimer“. Was bedeutet das für die Weltkirche?

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          Buenos Aires, Teatro Colón, Anfang August 2013. Der Moderator der Glitzergala, während der die argentinischen Fernseh- und Radiopreise vergeben werden, ist sichtlich verlegen. Ein Ehrenpreis geht an eine Serie, die in einem kirchlichen Fernsehsender ausgestrahlt wurde und deren Handlung darin bestand, dass sich drei in dunkles Tuch gewandete Männer in gedämpftem Ton über Bibelstellen unterhielten. Zwei der Männer sind anwesend, der jüdische Rabbiner Abraham Skorka und der protestantische Geistliche Marcelo Figueroa. Der dritte ist an jenem Abend unabkömmlich. Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, lebt seit einigen Monaten unter dem Namen Papst Franziskus in Rom.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Gut möglich, dass der Preis „Premio honorífico Martín Fierro“ der Nischensendung niemals zuerkannt worden wäre, hätten die Kardinäle der Weltkirche den immerhin 76 Jahre alten Argentinier nicht am 13. März 2013 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt. Ganz sicher aber ist, dass Jorge Mario Bergoglio für seine Schauspielkünste niemals ausgezeichnet worden wäre, so, wie er mit hängenden Schultern, einem fast triefäugigen Blick und einer fast nuscheligen Stimme viel Frommes in die Kamera sagte.

          Viele der geistlichen Texte des Papstes sind undurchdringlich

          Noch emotionsloser, ja fast unnahbar erschien der 1987 zum Bischof geweihte Jesuit sogar, wenn er vor einem großen Auditorium predigen musste, notorisch ungeliebte Pressekonferenzen abhielt oder sich gar einem Verhör wegen seiner Rolle während der Militärdiktatur der siebziger Jahre unterziehen musste. Wegen einer hermetischen, mit vielen unausgesprochenen Bezügen zu biblischen und geistlichen Texten operierenden Sprache sind viele der geistlichen Texte fast undurchdringlich, die sich aus den siebziger und achtziger Jahren erhalten haben. Weder suchte er je die offene Bühne, noch führte er das große Wort, weder in Buenos Aires noch im Vatikan.

          Volksnah und unter einfachen Gläubigen: Papst Franziskus am vergangenen Sonntag in Manila.

          Mit dieser Erfahrung mochte sich auch manch ein Kardinal getröstet haben, als sich während des Konklaves nach dem Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI. die Waage zugunsten des Mannes neigte, der 2005 der Kandidat derer gewesen war, die die Wahl Joseph Kardinal Ratzingers verhindern wollten. Doch schon die ersten Stunden nach der Wahl sollten alle eines Besseren belehren, die in Jorge Mario Bergoglio nur einen kraft- und konturenlosen Mann hatten erkennen können.

          Unkonventionell und unorthodox

          Das schlichte „Buona sera“, mit dem Papst Franziskus die erwartungsvoll schweigende Menge auf dem Petersplatz augenblicklich für sich einnahm, der Hinweis auf seine Herkunft vom „Ende der Welt“, der Verzicht auf jede Geste, die als triumphalistisch hätte auslegt werden können bis hin zu seiner Verbeugung vor dem Volk und der Bitte um das Gebet ließen erahnen, dass für die katholische Kirche eine neue Zeitrechnung angebrochen war.

          Seither hat Franziskus die Erwartungen der einen und die Befürchtungen der anderen weit übertroffen. Die zunächst nur mündlich weitergegebenen Berichte über die improvisierten Ansprachen während des morgendlichen Gottesdienstes in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta ließen schnell erkennen, dass Jorge Mario Bergoglio auch als Papst nicht daran dachte, sich der oft formelhaften Sprache der akademischen Theologie zu bedienen. Der Stoff seiner Betrachtungen war das Leben mit all seinen Brüchen und Widersprüchen, seine Sprache die der Bibel als einem Buch, dem nichts Menschliches fremd ist, sein Blick der eines Hirten, der seine Schafe in erster Linie nicht überwacht und auch nicht bewacht, sondern der bei seiner Herde wacht und sie begleitet.

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