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Äußerungen des Papstes : In der Sprache der Straße

Vor dieser empathischen Seite hatten ihn in Argentinien nicht viele kennengelernt. Neben den Priestern und Ordensleuten, die er in geistlichen Übungen unterwies und die sich ihm anvertrauten, waren es am ehesten die einfachen Menschen, die ihn in den achtziger Jahren als Pfarrer einer Pfarrei im Großraum Buenos Aires oder gar als Beichtvater erlebt hatten: unkonventionell, ja bisweilen wohl auch unorthodox, aber stets bemüht, die „Knoten“ in jenem Leben zu lösen, so wie er es einst in Augsburg in der Darstellung der Gottesmutter Maria als „Knotenlöserin“ gesehen hatte. Heute ist die Kirche San José de Talar mit der Nachbildung dieses Marienbildes, das Bergoglio nach seinem Deutschland-Aufenthalt im Jahr 1986 als Postkarte nach Argentinien mitgenommen hatte, in Buenos Aires ein Ort, der Tag für Tag Hunderte, wenn nicht Tausende anzieht.

Papst Franziskus: „Verbeulte Kirche“ und „geistliches Alzheimer“ der Kirche

Als öffentliche Person gab es diesen warmherzigen, emphatischen Bergoglio bis zum März 2013 indes nicht, und schon gar nicht als Gesprächspartner von Journalisten. Als Erzbischof war er für die nichtkirchlichen Medien in Buenos Aires grundsätzlich nicht zu sprechen, als Kardinal in Rom so gut wie gar nicht. Mit dieser Maxime hat Papst Franziskus gründlicher gebrochen als mit allem, was ihn bis zum 13. März 2013 charakterisiert hatte.

Am Protokoll und mitunter auch am Pressesprecher vorbei sucht er die Öffentlichkeit, wo und wie es nur geht, und das mit vollem Risiko. So veröffentlicht einer der bekanntesten Agnostiker Italiens ein unautorisiertes Gedächtnisprotokoll eines langen Gesprächs; in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ erklärt er aller Welt, ihm sei eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist; gleichzeitig liest er einer Wirtschaft die Leviten, die „tötet“; die Kurie kann sich vor Weihnachten Warnungen vor „geistlichem Alzheimer“ anhören. Aus improvisierten Pressekonferenzen an Bord von Flugzeugen verbreiteten sich missverständliche, ja anstößige Formulierungen wie die, dass jemand, der eine Mutter beleidigt, damit rechnen muss, einen in die Fresse zu kriegen, oder dass manche Menschen glaubten „mit Verlaub“, dass Katholiken glaubten, sich vermehren zu müssen wie die Karnickel.

Die offene Sprache des Papstes erinnert an seine Herkunft

Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten ist Papst Franziskus` Sache nicht. Zu viel steht für seine Kirche und ihre Botschaft auf dem Spiel, als dass er seine Anliegen hinter Floskeln und Formeln verstecken wollte. Denn Rom und Europa sind nur noch im übertragenen Sinn das Zentrum dieser Kirche.

Die meisten der rund 1,3 Milliarden Katholiken leben dort, wo er aufgewachsen ist: im Süden der Erdkugel. Aus und zu ihnen spricht er, wenn er sich der bildreichen, griffigen Sprache der italienischen Heimat seiner Vorfahren und seiner Kindheit und Jugend in den Straßen von Buenos Aires bedient, um eine Sicht auf die Welt und die Kirche zu formulieren, die sich aus der Erfahrung an der Peripherie speist - sei es der Blick aus den „villas miserias“ von Buenos Aires auf die Luxusmeilen dieser Stadt, sei es der Blick des Südens auf den Norden, sei es der Blick Jesu, den er einst zu seinem Wahlspruch als Bischof gemacht hat: „Miserando atque eligendo“. Jesus hatte einen Zöllner gesehen, Abschaum. Und als er ihn aus Barmherzigkeit gewählt ansah (miserando atque eligendo), sagte er zu ihm: Folge mir.

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