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Vatikan : Papst: Die Kirche soll nicht so kleinlich sein

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Papst Franziskus: Besondere Hilfe für Geschiedene. Bild: dpa

Franziskus rüttelt mit seinem Schreiben über Ehe und Familie, das heute im Vatikan vorgestellt wird, zwar nicht am Lehrgebäude der katholischen Kirche. Doch er schafft Freiräume für Gläubige und Seelsorger – und redet der Kirche ins Gewissen.

          Papst Franziskus gibt in seinem nachsynodalen Schreiben keine lehramtliche Antwort auf die strittigen Fragen der Familienpastoral. Von einer Synode oder dieser Exhortation dürfe aber auch „keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwartet werden“, schreibt er vielmehr; zumal nicht „alle doktrinären, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden“ sollten.

          Der Papst fordert aber seine Priester auf, Gesetze nicht „wie Felsblöcke auf Menschen zu werfen“, sondern mit Jesu Augen „bedingungslos Barmherzigkeit zu üben“. Pastoren müssten psychologisch besser geschult die unterschiedliche Lage des Einzelnen unterscheiden lernen und das Gewissen stärker berücksichtigen.

          In dem am Freitag im Vatikan vorgestellten Schreiben über die „Freude der Liebe“ (Amoris Leatitia) versucht der Papst, Bewahrer der Lehre und Anwälte einer offeneren Pastoral zu versöhnen, nachdem deren Streit die katholische Kirche seit der außerordentlichen Familiensynode 2014 und der ordentlichen 2015 zu spalten droht. Zu diesem Zweck bestätigt der Papst sein Bemühen um die Einheit der Lehre, doch die Kirche sei eben nicht im Besitz der „ganzen Wahrheit“.

          Ein Lob an die erotische Liebe

          Das Dogma lasse „verschiedene Interpretationen einiger Aspekte zu“, so dass in jedem Land bessere Lösungen je nach Tradition und Lage gefunden werden könnten. Im Mittelpunkt seines Schreibens steht ein unverkrampft lebensbejahendes Lob der erotischen Liebe in einer Ehe, über die man offen sprechen soll; denn sie sei ein Geschenk Gottes.

          Nicht zufällig stellte der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn den Text vor. Dieser Kardinal trat während der jüngsten Familiensynode als Brückenbauer auf und brachte im deutschen Sprachzirkel den Chef der Glaubenskongregation Kardinal Gerhard Ludwig Müller mit dem von Papst geförderten Anwalt einer neuen Pastoral, Ex-Kurienkardinal Walter Kasper, zusammen.

          Schönborns Überlegungen zur „Gradualität bei der Beurteilung menschlichen Handlungen“ finden sich im Text wieder. Geprägt von der Spiritualität von Johannes Paul II. wird Schönborn nicht zuletzt von den polnischen Bischöfen geachtet, die Kaspers Einstellung kritisieren. Zugleich war Schönborn der einzige Synodenvater, der im Herbst von Altpapst Benedikt XVI. empfangen wurde, während es den Franziskus-Kritikern nicht gelang, Benedikt für sich zu gewinnen.

          „Es gibt Ehen, in denen Trennung unvermeidlich ist“

          In dem nachsynodalen Schreiben kann sich aber auch Kardinal Kasper im Kapitel zur Barmherzigkeit wiederfinden, während Kardinal Müllers Ideen bei Überlegungen zum evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer durchschimmern. Mehrfach wiederholt der Papst, dass es „kleinlich“ sei, bei der Abwägung stehenzubleiben, „ob das Handeln einer Person einem Gesetz oder einer allgemeinen Norm entspricht“. Das reiche nicht aus, „um eine völlige Treue gegenüber Gott im konkreten Leben eines Menschen zu erkennen“.

          Gegen das Bischofslager der Beharrung schreibt er, es sei möglich, „mitten in einer objektiven Situation der Sünde in Gottes Gnade zu leben“, zu lieben und zu wachsen, vorausgesetzt „man erhält dafür kirchliche Hilfe.“ Andernorts heißt es in dem Schreiben, in den schwierigen Situationen, die die „am meisten Bedürftigen“ erleben, müsse die Kirche besonders achtsam sein, um zu verstehen und zu trösten, „und sie muss vermeiden, diesen Menschen eine Reihe von Vorschriften aufzuerlegen, so als seien sie felsenstark.“

          In Überlegungen zu dem auf beiden Synoden besonders umstrittenen Zugang der wiederverheiratet Geschiedenen zur Eucharistie, stellt der Papst fest, dass es Ehen gäbe, „in denen die Trennung unvermeidlich ist. Manchmal kann es sogar moralisch notwendig werden, wenn es darum geht, den schwächeren Ehepartner oder Kinder vor schlimmeren Verletzungen zu bewahren.“ Geschiedenen in einer neuen Verbindung seien dann keineswegs exkommuniziert.

          Geschiedene bedürfen besonderer Hilfe

          Deswegen müssten sie in ihrer Teilnahme am Leben der Gemeinschaft besonders gefördert werden. Diese Fürsorge bedeute für das Leben der christlichen Gemeinschaft „keine Schwächung ihres Glaubens und ihres Zeugnisses im Hinblick auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Im Gegenteil. Sie bringt gerade in dieser Fürsorge ihre Nächstenliebe zum Ausdruck“, zitiert der Papst aus der Synodenzusammenfassung von 2014.

          In Bezug auf Zulassung zur Eucharistie könne man von ihm „keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten.“ Wohl aber wolle er „zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“ ermutigen; denn „die Folgen oder Wirkungen einer Norm sind nicht notwendig immer dieselben.“ Mehr als 40 Mal in dem Text spricht der Jesuitenpapst von der „Unterscheidung“ der Situationen und Gedanken (Geister) und lädt die Priester in Anlehnung an Vorstellungen von Kardinal Kasper ein, die Betroffenen entsprechend der Lehre und der Richtlinien des Bischofs zu begleiten. Dabei gehe es um „Nachdenken und Reue“ sowie um die „Erforschung des Gewissens“.

          Wie könne die Kirche zum Beispiel geschiedenen „Eltern raten, alles zu tun, um ihre Kinder zu christlichem Leben zu erziehen und ihnen Vorbild eines überzeugten und praktizierten Glaubens zu sein, wenn wir sie vom engen Leben der Gemeinde fernhalten.“ In so einer Lage trage das Gespräch mit dem Priester „im Forum internum zur Bildung einer rechten Beurteilung bei.“ Die Kirche müsse mit Demut, Diskretion sowie mit der Liebe zu Kirche und Lehre agieren; der Priester dürfe nicht schnell irgendwelche Ausnahmen geben oder „sakramentale Privilegien“ erteilen.

          Papst lehnt Gleichstellung homosexueller Paare und der Ehe ab

          Beim Abschnitt zu homosexuellen Partnerschaften geht der Papst keinen Schritt über die Synodenpapiere hinaus. Menschen gleichgeschlechtlicher Orientierung, heißt es nur – wie in der Relatio finalis aus der letzten Bischofsversammlung – müssten in demselben Maße respektiert und inklusiv behandelt werden wie jeder und jede andere auch.

          Franziskus lehnt aber alle „Pläne“ ab, Verbindungen zwischen homosexuellen Paaren der Ehe gleichzustellen. „Es gibt keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn.“ Darum sei es unannehmbar, dass auf die Ortskirchen in dieser Frage Druck ausgeübt wird und dass internationale Organisationen Finanzhilfen für arme Länder mit einer Einführung der Ehe und der Person des gleichen Geschlechts in ihrer Gesetzgebung abhängig machten, schreibt der Papst.

          Wenig später in seiner Exhortation erinnert Franziskus daran, dass die Kirche während ihrer gesamten Geschichte vom Disput zwischen „Ausgrenzen und Einschließen“ begleitet wurde, und dass letztlich stets Jesu Vorbild und sein Evangelium den Weg der Barmherzigkeit und Eingliederung gewiesen habe. Christi Liebe und mithin die Liebe der Kirche „ist immer unverdient, bedingungslos und gegenleistungsfrei.“

          Daher seien Urteile zu vermeiden, welche die Komplexität der verschiedenen Situationen nicht berücksichtigen. Bisweilen stelle „die Kirche der Barmherzigkeit zu viele Bedingungen, so dass wir sie gleichsam aushöhlen, sie um ihren Sinn bringen und so auf übelste Weise das Evangelium verflüssigen“, schreibt der Papst und wettert gegen eine „kalte Schreibtischmoral“.

          „Begehren oder Ablehnung sind weder sündhaft noch tadelnswert“

          Im Zentrum des nachsynodalen Schreibens aber steht das päpstliche Loblied auf die Liebe in der Ehe; es geht dem Papst dabei nicht nur um Caritas, sondern zunächst einmal um Eros und Amore. Der Wunsch eine Familie zu gründen, sei der Entschluss, „ein Teil von Gottes Traum zu sein, mit ihm zu träumen, mit ihm aufzubauen, sich gemeinsam mit ihm in dieses Abenteuer zu stürzen und eine Welt aufzubauen, wo keiner sich allein fühlt“, zitiert sich der Papst aus seiner Gebetswache in Philadelphia im vergangenen September und sagt zugleich an einer anderen Stelle, dieser Traum bringe seine alltäglichen Probleme und Krisen mit sich.

          Es wäre darum falsch, wenn gerade zölibatär lebende Menschen die Ehe idealisierten. Die Kirche dürfe im Gespräch mit den Eheleuten die „Bodenhaftung“ nicht verlieren. Jesus selbst bringe das Gesetz der Liebe auf die Erde, die Selbstaufgabe und die Zärtlichkeit, die das Grundgesetz einer Ehe sein sollten, wo jeder dem anderen bedingungslos verzeiht und sich verantwortungsvoll und großherzig für ihn einsetzt. Papst Franziskus wendet sich gegen die traditionelle Vorstellung, dass der Mann der Frau zu dienen habe.

          Überall, auch am Arbeitsplatz, hätten Mann und Frau eine identische Würde. Ehe müsse die Ernsthaftigkeit der Identifikation mit den jeweiligen Gegenüber bezeugen. „Dabei reicht Liebe ohne Lust und Leidenschaft nicht aus, um die Vereinigung der menschlichen Herzen mit Gott zu symbolisieren“, schreibt der Papst. Begierden, Gefühle, Emotionen, „Begehren oder Ablehnung sind weder sündhaft noch tadelnswert“. Gott selbst habe die Geschlechtlichkeit erschaffen als ein wunderbares Geschenk für seine Geschöpfe. Sexualität ist nicht Mittel zur Befriedigung oder Vergnügung,sondern eine zwischenmenschliche Sprache, bei der der andere in seinem heiligen und unantastbaren Wert ernst genommen wird“, schreibt der Papst.

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