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Papstreise in die Türkei : Ausgestreckte Hand

  • -Aktualisiert am

Papst auf Reisen: Franziskus (hier auf einem Foto im August dieses Jahres) Bild: dpa

Papst Franziskus beginnt seinen Besuch in der Türkei - auch um den Dialog der katholischen Kirche mit dem Islam weiterzuführen. Dieser hatte einst unter dem zentralen Begriff „Respekt“ begonnen. Und sich immer wieder verändert.

          Papst Franziskus ist in der Türkei eingetroffen. Dort will er auch den Islam-Dialog weiterführen, dem sich die katholische Weltkirche seit dem II. Vatikanischen Konzil verpflichtet hat. Sie führt den Dialog aber nicht um jeden Preis. So hat der Rat für das interreligiöse Gespräch an der Via della Conciliazione in Rom die Abwege des „pervertierten Islams“ beim „Islamischen Staat (IS)“ genau beobachtet, bis seinem Präsidenten Jean-Louis Kardinal Tauran, der viele Jahre lang „Außenminister“ des Vatikans war, am 12. August der Kragen platzte. In elf Punkten prangerte er die IS-Grausamkeiten als „schwerwiegenden Verstoß gegen die Menschheit und Gott, ihren Schöpfer“, an, die sich „mit nichts - schon gar nicht mit Religion - rechtfertigen“ ließen. Deswegen fordere er alle Menschen guten Willens, „vor allem Muslime“, auf, „entschieden, mutig, einstimmig und eindeutig“ diese Verbrechen zu verurteilen. Denn welche Glaubwürdigkeit hätten die Religionen, und welchen Sinn hätte „ein interreligiöser Dialog, den man die letzten Jahre geduldig geführt hat“.

          Die Drohung wirkte. Zunächst reichten die nur langsam erscheinenden, vagen Distanzierungen gegen „Übertreibungen“ des „IS-Kalifats“ nicht. Der Vatikan ließ sie unbeantwortet, bis am 19. September 126 islamische Gelehrte das brutale IS-Regime als „haram“ bezeichneten, also als sündhaft und unislamisch. Rom nahm die Antwort als glaubwürdig und ernsthaft an und lud zum dritten Katholisch-Muslimischen Forum, das kürzlich zu Ende ging.

          Dieses Forum wird vom Büro der Deutschen Bischofskonferenz Cibedo (Christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle) organisiert. Es ist aus römischer Sicht der wichtigste Treffpunkt der beiden Religionen; auch wenn Taurans Rat und das vatikanische Staatssekretariat mit muslimischen Staaten und Organisationen auch weitere Kontakte pflegt, manche aus Tradition über diverse Orden. Dieser Tage besuchte Tauran Teheran und forderte beim 9. Kolloquium des Iranischen Zentrums für Interreligiösen Dialog mit den Katholiken „Fairness gegenüber Andersgläubigen“ ein. Das Schlussdokument verurteilte „jede Art von Extremismus und Gewalt im Namen der Religion“. Auch Laiengruppen wie die Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom wirken für die Kirche. Derzeit versucht die Gruppe, einen humanitären Korridor ins belagerte Aleppo in Syrien zu organisieren, um eine bessere Versorgung zu sichern.

          Die Weltgebetstreffen für den Frieden, die Johannes Paul II. 1986 in Assisi ins Leben rief, schließen Muslime ein. In frischer Erinnerung ist das Gebetstreffen, zu dem Papst Franziskus Israels Präsidenten Simon Peres und den Chef der Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, im Juni in den Vatikangarten bat. Dort beteten die Vertreter der muslimischen, jüdischen und christlichen Religionen „als Brüder zu ihrem gemeinsamen Vater im Himmel“ um Frieden, hieß es. Franziskus habe sich dabei weniger als Oberhirte seiner Kirche gesehen denn als religiöser Mensch, der Muslime und Juden zudem auffordert, auch für ihn selbst zu beten. Mit diesem Gestus verbindender religiöser „Repräsentanz“ vor dem einigen Gott - wie Islamwissenschaftler Felix Körner an der Jesuitenhochschule Gregoriana in Rom sagt - will Franziskus am Samstag auch in der Blauen Moschee von Istanbul in stiller Einkehr und im Respekt vor dem Islam verharren.

          Respekt ist das zentrale Wort in der Geburtsakte des Dialogs, der Erklärung Nostra Aetate (In unserer Zeit), die 1965 das II. Vatikanische Konzil verkündete: „Mit Hochachtung“ betrachte die Kirche die Muslime, „die den alleinigen Gott anbeten“, heißt es dort. Sie versuchten wie die Christen, sich „mit ganzer Seele seinen verborgenen Ratschlüssen zu unterwerfen, so wie sich Abraham Gott unterwarf“, und sie verehren auch Jesus, „den sie allerdings nicht als Gott anerkennen“, sondern lediglich als Propheten, und „seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen“.

          Für Körner begann der Dialog mit dem Islam mit dieser „Respekterweisung“, die sich aus der Erfahrung mit dem Islam ergab, die der spätere Papst Johannes XXIII. als Nuntius in den dreißiger Jahren und bis in den Zweiten Weltkrieg hinein in der Türkei gemacht hatte.

          Papst Paul VI. steht, so Körner, für die „Realisation“, die praktische Umsetzung dieses Respekts: Er richtete an Pfingsten 1964 das „Sekretariat für Nicht-Christen“ ein, das unter Papst Johannes Paul II. 1988 das Dikasterium wurde, das heute Tauran leitet. Dieser leitet einen Dialog, der sich auf die praktischen Fragen des Lebens und Sterbens genauso bezieht wie auf den theologischen Diskurs. Die Kirche sehe sich bereichert und bisweilen zur Schärfung der eigenen Identität herausgefordert, heißt es in Taurans Rat. Das lange Pontifikat von Johannes Paul II. steht für Körner unter dem Stichwort „Relation“, habe doch die von Rom in alle Richtungen des Islams ausgestreckte Hand die Beziehungen vertieft. Johannes Paul II. war der erste Papst, der - in Damaskus - in einer Moschee niederkniete. Als er starb, hingen in der Türkei die Flaggen auf halbmast.

          Die Ära Benedikts XVI. steht nach Körner unter dem Motto „Reflexion“. Sie begann 2006 mit der von Muslimen als Provokation empfundenen Regensburger Rede, in welcher der deutsche Papst und Theologieprofessor einen byzantinischen Kaiser des Mittelalters mit den Worten zitiert hatte, Muhammad habe „wenig Neues“ gebracht außer der Verbreitung des Glaubens mit dem Schwert. Bei seinem Türkei-Besuch aber konnte der Papst von seinem Dialogwillen überzeugen; danach gründete er bald das Forum, das 2008 erstmals und wieder im Jahr 2011 in Jordanien an der Taufstelle Jesu tagte.

          Papst Benedikt ging es um Wahrheit, Toleranz und Gewissensfreiheit. Muslime täten sich schwer, das Recht zum Religionswechsel anzuerkennen, sagte er im Gesprächsbuch „Licht der Welt“ 2010; aber man stehe als Zeugen zusammen gegen den Unglauben.

          Papst Franziskus geht diesen Weg weiter, fordert den offenen Dialog im Freimut der Apostel, die Parrhesia, und schließt selbst Gespräche mit dem IS nicht von vorneherein aus, könne so größeres Leid vermieden werden. Man dürfe niemals eine Sache verloren geben: „Nie!“

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