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Papst Franziskus : Die Sturzgefahr wächst

Papst Franziskus geht es um eine grundlegende Reform des Vatikans Bild: dpa

Papst Franziskus hat den römischen Lauf der Dinge gehörig aus dem Tritt gebracht. 2015 will der Kirchenführer das Reformtempo weiter steigern – kritisch beäugt von vielen Kardinälen und Bischöfen. Das ist nicht ohne Risiko. Ein Kommentar.

          Jesuiten singen nicht, so heißt es seit Jahrhunderten. Statt dessen Denkfalten auf der Stirn und undurchdringliche Mienen. Was man über die Mitglieder der „Gesellschaft Jesu“ ebenfalls weiß: Wer durch die Schule der „Geistlichen Übungen“ geht, die Ignatius von Loyola im 16. Jahrhundert hinterlassen hat, der kann zu einer inneren Freiheit gelangen, die alle Grenzen übersteigt. Jorge Mario Bergoglio ist Jesuit, seit fast sechzig Jahren. Und seit nunmehr fast zwei Jahren Papst. Seither übersteigt er die vermeintlichen Grenzen der katholischen Kirche.

          Was für ein Jahr! Schon der Auftakt 2014 brachte den römischen Lauf der Dinge gehörig aus dem Tritt. Schluss mit Übermacht der Italiener im Kardinalskollegium, die unter seinem Vorgänger Benedikt skandalöse Ausmaße angenommen hatte. Franziskus zog Haiti Venedig vor und die Philippinen Turin. Erneuerung der Kirche von der Peripherie her. Das Finale des Jahres wurde nachgerade furios. Franziskus nutzte die Weihnachtsansprache an die Mitglieder der Kurie zu einer Bußpredigt wider den Klerikalismus, wie sie im Vatikan aus dem Mund eines Papstes noch nie zu hören war.

          In der Zwischenzeit neue Töne und fremde Rhythmen in Serie. Im Frühjahr ging ein Bild um die Welt. Es zeigte Franziskus politisch unkorrekt an der Sperrmauer in Bethlehem. Im Sommer die erste Reise nach Korea und damit auf jenen Kontinent, um den Benedikt einen großen Bogen gemacht hatte. Entscheidet sich dort die Zukunft der Kirche? Nebenher wird der eine oder andere Günstling Benedikts aus Kurien- und anderen Ämtern entfernt, Franziskus besetzt Bischofsstühle höchstpersönlich mit Männern, denen er zutraut, dass sie den Geist seines Pontifikats verkörpern: sensible Hirten, nicht doktrinäre Einpeitscher. Fast nebenher eine erste grundlegende Reform der Finanzen des Vatikans. Zug um Zug wird ein jahrhundertealtes Beziehungsgeflecht zerschnitten, in dem die Kirche eher Opfer als Täter ist.

          Schluss mit Lebenslügen und Doppelmoral

          Im Herbst die erste Synode seit Menschengedenken, in der sich Bischöfe und Kardinäle in Anwesenheit des Papstes in freier Diskussion üben müssen. Zur Vorbereitung hatte das Kirchenvolk weltweit dokumentieren müssen, wie tief in Sachen Ehe und Familie die Kluft zwischen Lehre und Leben ist. Schluss mit Lebenslügen und Doppelmoral. Wenige Wochen später zollte das Europaparlament dem Mann vom Ende der Welt von weit links bis weit rechts Respekt wie noch keinem Kirchenführer zuvor. Wenigstens einer, der Europa und seine Werte noch nicht aufgegeben hat. Kurz vor Weihnachten hat Präsident Obama allen Grund, dem Argentinier zu danken. Franziskus persönlich hat die historische Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba vermittelt.

          So viel Bewegung macht schwindelig. Mehr noch: Die Sturzgefahr wächst, im eigentlichen wie im übertragenen Sinn. Seine Schritte wirken von Mal zu Mal unsicherer, aber der Rhythmus des Jahres 2015 dürfte kaum ein anderer werden, der Takt noch schneller. Bei aller äußeren Ruhe wirkt Franziskus wie ein Getriebener. Vor wenigen Wochen ist er 78 Jahre alt geworden.

          Sri Lanka, die Philippinen, Frankreich, Afrika, Lateinamerika und die Vereinigten Staaten will der Papst besuchen. Die Ernennung neuer Kardinäle im Februar muss ein weiterer Schritt auf dem Weg der personellen Erneuerung sein, auch die Bischofsernennungen, nicht zu vergessen die Reform der Kurie, im Oktober steht der mutmaßlich alles entscheidende zweite Teil der Bischofssynode über Ehe und Familie an.

          Entmystifizierung des Papstamtes

          Alles entscheidend! Das denken sich auch die Kardinäle und Bischöfe, denen Franziskus mittlerweile eher als Hasardeur denn als Erneuerer vorkommt, als einer, der die Würde des Papstamtes in den Schmutz zieht und die Herzstücke der Lehre der Kirche wie die über die Unauflöslichkeit der Ehe im Namen der Barmherzigkeit dem alles zersetzenden Zeitgeist ausliefert. Wie viele es sind, ist schwer zu ermessen. Sollen sie sich ohne Not zu erkennen geben, solange die Zeit eher gegen Franziskus arbeitet als gegen sie?

          Ihre erste Stunde schlägt im Herbst 2015. Sollte über das Synodendokument wieder Punkt für Punkt abgestimmt werden, reichte eine Sperrminorität von einem Drittel und einer Stimme, um alles zu Makulatur zu machen, was nach Franziskus aussieht. Übers Jahr, im Dezember 2016, würde Franziskus 80 Jahre alt. Zwei Mal schon hat er öffentlich mit dem Amtsverzicht à la Benedikt geliebäugelt. Aus seiner Sicht ist ein solcher Schritt unausweichlich, um das Papstamt unwiderruflich zu entmystifizieren. Daher fürchten seine Gegner den Amtsverzicht noch mehr als dass sie ihn herbeisehnen.

          Wenn aber nicht die Zeit für Franziskus arbeitet, wer oder was dann? Sicher viele Jesuiten, sehr viele. Sie haben sich noch nie zu erkennen gegeben. Sicher auch Bischöfe und Kardinäle. Zu erkennen sind sie kaum. Bleiben die zahllosen Christen weltweit, die Tag um Tag darum beten, dass die Tage von Franziskus noch lange nicht gezählt sein mögen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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