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Papst : Ein Subversiver

Geradezu tollkühn ist, dass der Papst zwei Dinge beim Namen genannt hat, die sich im Vatikan ausgebreitet haben: organisierte Korruption und homosexuelle Seilschaften.

          Was Papst Franziskus seit seiner überraschenden Wahl die Welt über sein Leben, seinen Glauben und seine Kirche wissen lassen möchte, das vertraut er oft spontan den Gläubigen an, in deren Gemeinschaft er in der Früh die Messe feiert. Mitarbeiter des Papstes formen aus den oft knappen, bildreichen Sätzen dann eine kurze Tagesbotschaft und verbreiten diese über die Nachrichtenkanäle des Vatikan.

          Nur vor diesem Hintergrund kann als gewiss gelten, dass jene Äußerungen den Tatsachen entsprechen, die jetzt auf einer chilenischen Website in Form eines Protokolls einer etwa einstündigen Begegnung einer Delegation lateinamerikanischer Ordensleute veröffentlicht wurden - mutmaßlich ohne Wissen und gegen den Willen des Papstes. Bis in die Wortwahl und den Satzbau hinein sind die meisten Sätze, die dem Papst in den Mund gelegt werden, als Kernbotschaften von Predigten und Katechesen längst offiziell beglaubigt: Die Kritik an der Vergötzung der Börsen und der Finanzmärkte etwa, oder der Topos von den Armen als dem wahren Evangelium, auch die drastische Mahnung des Papstes, die Kirche solle eher die Fenster aufreißen und dabei auch Fehler machen als im eigenen Mief zu ersticken.

          Franziskus macht Ernst

          Doch damit nicht genug. Das unverblümte Eingeständnis des Papstes, er sei für Verwaltungsdinge wie eine Kurienreform ganz und gar nicht geschaffen, weshalb er sich der Unterstützung einer Gruppe fähiger Kardinäle versichert habe, ist Zeugnis einer Größe, wie man sie in der Kirche selten findet. Papst Benedikt XVI. wählte in später Erkenntnis seines Unvermögens, die Kirche zu leiten, den Rücktritt. Franziskus macht von Beginn an Ernst mit der Kollegialität. Geradezu tollkühn ist indes, dass Franziskus zwei Dinge beim Namen genannt hat, die sich wie Metastasen im Vatikan (und nicht nur dort) ausgebreitet haben: organisierte Korruption und homosexuelle Seilschaften. Seine Gedanken brechen mit den Worten ab, man müsse sehen, was sich machen lasse.

          In Lateinamerika wäre ein Kirchenmann nach solchen Worten noch vor kurzem seines Lebens nicht mehr sicher gewesen, sondern als „Subversiver“ dem Tod geweiht. Man kann nur hoffen, dass sich das Wort nicht auf diese Weise bewahrheitet, die Zukunft der Kirche liege in Lateinamerika. Manch ein Kardinal, der es gut mit Franziskus meint, ist sich da nicht so sicher.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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