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Papst Benedikt XVI. und die Piusbrüderschaft : Der unbedarfte Brückenbauer

Papst Benedikt XVI Papst hat das Ansehen seines Amtes und seiner Kirche von innen her beschädigt Bild: ddp

Benedikt XVI. wusste, was er tat und mit wem er es zu tun hatte. Die Piusbruderschaft hatte den Papst, dessen Albtraum es ist, dass die Kirchenspaltung während seines Pontifikats unumkehrbar werden könnte, in der Hand. In diesem Fall hat er sein Amt als Brückenbauer zu wörtlich genommen.

          Warum hat Papst Benedikt XVI. vier verbotenerweise zu Bischöfen geweihte Mitglieder der Priesterbruderschaft Pius X. in die Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen? Die Antwort auf diese Frage ist ebenso einfach wie das Motiv des deutschen Papstes lauter: Benedikt hat seinen Auftrag beim Wort genommen, Brückenbauer (pontifex) zu sein.

          Joseph Kardinal Ratzinger wurde im April 2005 im Alter von 78 Jahren zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt. Nach menschlichem Ermessen ist ihm nicht viel Zeit gegeben, um der Kirche Wege in die Zukunft zu weisen. So trat schon bald sein Bemühen hervor, manche Wunden zu heilen, die sich Katholiken seit den Tagen des II. Vatikanischen Konzils geschlagen hatten und die nicht verheilen wollten. Wenige Monate nach dem Beginn seines Pontifikats kam es zu einem Wiedersehen mit Hans Küng, kurz zuvor hat Benedikt den Lefebvre-Bischof Fellay in Privataudienz empfangen. So weit, so gut – oder doch nicht?

          Er wusste, was er tat

          Die Piusbruderschaft hatte den Papst, dessen Albtraum es ist, dass die Kirchenspaltung während seines Pontifikats unumkehrbar werden könnte, in der Hand. Nun diktiert sie ihre Bedingungen: Erst die Rehabilitierung der sogenannten „tridentinischen“ Messe. So geschehen am 7. Juli 2007. Dann die Aufhebung der Exkommunikation. So geschehen am 21. Januar 2009.

          Benedikt wusste, was er tat und mit wem er es zu tun hatte. Niemand im Vatikan kennt die Piusbruderschaft länger und wohl auch besser als er. Im Auftrag Johannes Pauls II. hat Joseph Kardinal Ratzinger im Frühjahr 1988 höchstpersönlich mit dem abtrünnigen Erzbischof Lefebvre verhandelt, um ihn davon abzubringen, Bischofsweihen vorzunehmen. Die Übereinkunft war unterzeichnet, doch dann weihte Lefebvre vier Priester zu Bischöfen. Ratzingers Mission war gescheitert. Fortan war die Existenz der Lefebvre-Bewegung nicht nur ein Makel am Leib der Kirche, sondern eine persönliche Niederlage des Joseph Ratzinger.

          Der Wunsch, diese Scharte auszuwetzen, wurde übermächtig. Darüber entging dem Papst und seinen Kurienkardinälen wohl, dass einer der vier Bischöfe der Piusbruderschaft seit Jahren den Massenmord an den europäischen Juden mit Argumenten bestreitet, die in den Kreisen der Holocaust-Leugner bestens eingeführt sind und durch den iranischen Präsidenten Ahmadineschad selbst in der internationalen Politik wieder salonfähig gemacht wurden.

          Zweifel an seiner Fähigkeit, zu leiten und zu führen

          Es ist absurd, die Aufhebung der Exkommunikation des Lefebvre-Bischofs Williamson als Ausweis römischen oder gar päpstlichen Antisemitismus zu deuten. Zu erklären ist dieser Schritt nicht mit klammheimlichen Sympathien für Holocaust-Leugner, sondern mit an Chaos grenzenden Zuständen in der vatikanischen Kurie.

          Seit zwei Jahren haben sich die Leiter der vatikanischen Behörden nicht mehr zu gemeinsamen Beratungen getroffen; das Staatssekretariat ist nicht einmal in der Lage, die päpstlichen Botschaften in aller Welt rechtzeitig über relevante Vorgänge im Vatikan zu informieren; über den Zugang zum Papst wachen der Sekretär und der eine oder andere Kardinal.

          Freunde der Freunde des Papstes – siehe die Vorgänge im österreichischen Linz – dürfen sich immer Hoffnung auf Bischofssitze machen. Benedikt schreibt derweil Bücher. Die Zweifel an seiner Fähigkeit, zu leiten und zu führen (donum regiminis), jene unabdingbare Voraussetzung für das Bischofsamt, sind seit 2005 nicht kleiner, sondern größer geworden.

          Die Brücke war geschlagen, doch betreten hat sie nur der Papst. Er ist dem Wunsch der vier Lefebvre-Bischöfe nach Aufhebung der Exkommunikation nachgekommen, ohne Bedingungen zu stellen. Weder haben die vier in ihrem Bittbrief vom Dezember Reue für ihren Abfall von der Kirche gezeigt noch die für alle Katholiken verbindliche Lehre von der Autorität des Papstes und der Konzilien anerkannt.

          In vielen Dingen der Welt unbedarfter Papst

          Stattdessen ist der Papst den Abtrünnigen weit entgegengekommen – weiter, als Johannes Paul II. gehen wollte. Das ist sein gutes Recht, aber war es seine heilige Pflicht? Benedikt gewährte Bischöfen Gemeinschaft, die wesentliche Texte des II. Vatikanischen Konzils als Irrlehre und die Verfassung der Kirche als Teufelswerk ablehnen. Die Ideen der Freiheit (Religionsfreiheit), Gleichheit (Kollegialität in der Kirche) und Brüderlichkeit (Ökumene, interreligiöser Dialog) gelten diesen Leuten als Machenschaft der ewigen Feinde der Kirche – von den Juden über die Freimaurer bis zu den Demokraten; als Kniefall vor der gottlosen Moderne.

          Nicht mit der vermeintlichen Billigung vulgärsten Antisemitismus, nicht mit heimlichem Wohlwollen gegenüber dem in der Lefebvre-Bewegung fortlebenden katholischen Antijudaismus, sondern mit der bedingungslosen Unterwerfung unter die Piusbruderschaft hat ein theologisch hochgebildeter, aber in vielen Dingen der Welt unbedarfter Papst das Ansehen seines Amtes und seiner Kirche von innen her beschädigt, wie es von außen nicht hätte geschehen können. Das ist die kirchlich-theologische Dimension dieses ungeheuren Vorgangs. Die politische steht auf einem anderen Blatt.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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