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Papst Benedikt XVI. in Frankreich : Frieden mit der Laizität

Der Papst wird zum 150. Jubiläum der Marienerscheinung im Wallfahrtsort Lourdes erwartet Bild: dpa

Frankreich gilt als „älteste Tochter“ der Kirche und zugleich auch als schwierigste. Papst Benedikt XVI. wird an diesem Freitag nach Paris reisen und besucht damit ein Land, dessen Präsident Sarkozy zur Besinnung auf christliche Wurzeln aufruft.

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          Die erste Reise Papst Benedikts XVI. nach Frankreich steht unter dem Vorzeichen der von Präsident Sarkozy gewünschten Rückbesinnung auf die „christlichen Wurzeln“ des Landes. Mehr als hundert Jahre nach der 1905 vereinbarten „Trennung von Kirche und Staat“ wirbt der Staatspräsident um gläubige Bürger: „Ein Mensch, der glaubt, ist ein Mensch, der hofft. Die Republik braucht Männer und Frauen, die hoffen.“ Sarkozys Plädoyer für eine „positive Laizität“, für das er viel Kritik erntete, steht in krassem Gegensatz zur gesellschaftlichen Entwicklung. Es wirkt fast so, als wolle Sarkozy den Papst in seinen politischen Kampf gegen die fortschreitende Säkularisierung einbinden.

          Denn die „älteste Tochter der Kirche“ - der Titel geht auf die Taufe des Frankenkönigs Chlodwig am Ende des fünften Jahrhunderts zurück - ist lange schon ein Sorgenkind. Frankreichs Kirchen leeren sich, immer mehr Gotteshäuser werden geschlossen. Das Handbuch der katholischen Kirche 2008 weist nurmehr fünf Prozent praktizierende Katholiken aus. Die Zahl der Priester geht zurück, es mangelt an Nachwuchs. Nur noch knapp hundert Priester werden jährlich geweiht.

          Immer weniger Franzosen lassen sich kirchlich trauen

          Besonders zu spüren ist der Niedergang des Katholizismus aber im gesellschaftlichen Werteempfinden. „Frankreich, was hast du aus deinen Taufversprechen gemacht?“, fragte Papst Johannes Paul II., als er 1980 erstmals in dem Land war, das 1975 Abtreibungen auf Krankenschein eingeführt hatte. Die freizügige Abtreibungsregelung findet heute breite Akzeptanz. In den öffentlichen Oberschulen verabreichen Schulkrankenschwestern die „Pille danach“ an junge Mädchen.

          Immer weniger Franzosen lassen sich kirchlich trauen oder ihre Kinder taufen. 2007 wurden zum ersten Mal mehr außereheliche als eheliche Kinder geboren. Als Erfolgsmodell wird der „Pacs“ genannte Zivilrechtsvertrag gefeiert, mit dem eheähnliche Lebensverhältnisse auch gleichgeschlechtlicher Partner seit 1999 anerkannt werden. Sarkozy möchte Scheidungen ohne Familienrichter einführen, was die Banalisierung der Ehe weiter vorantreiben dürfte, und erreichen, dass einvernehmliche Scheidungen künftig wie ein schlichter notarieller Akt vollzogen werden.

          Mit dem Laizitätsgebot hingegen hat sich die Kirche besser arrangiert, als es von außen manchmal den Anschein hat. Längst werden die Gesetze über die Trennung von Kirche und Staat nicht mehr so rigide ausgelegt wie vor gut einem Jahrhundert. Das hat vor allem einen Grund: Die katholische Kirche ist zum Verbündeten des Staates geworden, wenn es gilt, die republikanische Ordnung und deren Grundwerte zu verteidigen. Denn das erprobte Miteinander von Staat und Religionen im Einwanderungsland Frankreich wird zunehmend von der strenggläubigen muslimischen Minderheit bedroht.

          Positive Zusammenarbeit zwischen katholischer Kirche und Staat

          Diese Muslime wollen sich nicht damit abfinden, dass die Republik ihnen im Namen der Laizität eine gewisse religiöse Neutralität im öffentlichen Leben, in Klassenzimmern und Amtsstuben auferlegt. Sie versuchen, ihre Töchter verschleiert in die Schulen zu schicken, verlangen Halal-Fleisch in Schulkantinen und getrennte Badezeiten in öffentlichen Schwimmbädern; sie weigern sich, ihre Frauen von männlichen Ärzten in staatlichen Krankenhäusern untersuchen zu lassen. Auch das Justizsystem muss sich solcher Versuche erwehren, etwa wenn ein Muslim eine Ehe annullieren will, weil seine Frau bei der Hochzeit nicht mehr Jungfrau war.

          Über die positive Zusammenarbeit zwischen katholischer Kirche und Staat verlieren beide Seiten nicht viele Worte. Zwar hilft der Staat nicht über den Einzug von Kirchensteuern oder mit direkten Subventionen (mit Ausnahme des früheren Elsass-Lothringens); er trägt aber zur Finanzierung der katholischen Privatschulen bei, die jeder fünfte Schüler besucht. Die 1995 geweihte Kathedrale in Evry erhielt ebenso Millionenzuschüsse aus dem Kulturetat wie das restaurierte Collège des Bernardins in Paris, das Papst Benedikt an diesem Freitag eröffnen wird.

          Die Franzosen begeistern sich immer mehr für Pilgerfahrten

          Frankreich unterhält zur Kirche ein paradoxes Verhältnis, das niemand besser verkörpert als Nicolas Sarkozy. Den (zweifach geschiedenen) Präsidenten fasziniert mehr die Ausstrahlung und Kraft gläubiger Menschen, als dass er bereit wäre, selbst seinen Lebenswandel der katholischen Lehre zu unterwerfen. Das hindert ihn nicht daran, wie ein moderner Kreuzfahrer aufzutreten: „Bei der Vermittlung und der Lehre der Unterscheidung zwischen Gut und Böse wird ein Lehrer niemals den Pfarrer und Pastor ersetzen können.“

          Die verwaisten Kirchen in dem Land, in dem sich einst die gekrönten Häupter mit dem Titel des „allerchristlichsten Königs“ schmückten, stehen im Kontrast zu der starken Nachfrage nach „besonderen Gotteserfahrungen“. Die Franzosen begeistern sich immer mehr für Pilgerfahrten oder Seminare in abgelegenen Klöstern. Bischof Claude Dagens, der kürzlich als „Unsterblicher“ in die Académie française gewählt wurde, wirbt dafür, dass Staat und Kirche künftig noch stärker zusammen gemeinsame Werte verteidigen. Das deutet darauf hin, dass Frankreichs Kirche ihren Frieden mit der Laizität geschlossen hat.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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