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Papst Benedikt XVI. : Ein Satz mit gewaltigem Echo

Papst Benedikt XVI.: Keine Reform, sondern eine Revolution Bild: dpa

Eine eher beiläufige Äußerung des Papstes über Kondome verändert die Lehre der Katholischen Kirche. Der Fokus Benedikts liegt nicht auf Verboten, sondern auf Verantwortung und sittlicher Pflicht. Es ist keine Reform, sondern eine Revolution.

          Papst Benedikt XVI. hat es wieder einmal geschafft: Ein einziger Satz aus seinem Mund findet seit Tagen auf allen Kontinenten ein gewaltiges Echo. Dass seine Äußerung über die Verwendung von Kondomen im Zusammenhang mit der Verbreitung von Aids als „erster Schritt der Verantwortung“ fast beiläufig gefallen ist - und wie das Mohammed-Zitat aus der Regensburger Vorlesung der Interpretation bedarf -, schmälert nicht die Bedeutung dieses Satzes.

          Im Gegenteil: Der früher oft als „Panzerkardinal“ herabgewürdigte Papst tritt in diesem Fall offenbar bewusst nicht als Verteidiger der unveränderbaren Lehre der Kirche auf; und das auf einem der umstrittensten Felder im Schnittpunkt von Kirche, Gesellschaft und Politik: der sittlichen Bewertung der künstlichen Empfängnisverhütung.

          Wie keine andere Aussage steht das uneingeschränkte Verdikt über Pille, Kondom und Sterilisation seit der Proklamation im Lehrschreiben „Humanae vitae“ Papst Pauls VI. in der katholischen Kirche für die Unvereinbarkeit von Glaube und Moderne. Gewiss, Modernitätsskepsis ist ihr gewissermaßen systemimmanent. Doch gerade den Gebildeten unter den Verächtern der Religion sollte das nicht unsympathisch sein.

          Tritt nicht als Verteidiger der unveränderbaren Lehre der Kirche auf: Papst Benedikt XVI.

          Katholische Einrichtungen in vorderster Front

          Daher wäre es nur fair, wenn wenigstens heute anerkannt würde, dass ein Großteil des Hohns und Spotts, der sich damals wegen der Enzyklika über Paul VI. ergoss, nicht gerechtfertigt war. Denn mit dem Verbot einer künstlichen Empfängnisverhütung stellte sich die katholische Kirche auch gegen jene in der sich aufgeklärt dünkenden westlichen Welt, die das Bevölkerungswachstum in der sogenannten Dritten Welt damals weniger als Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit, sondern als Bedrohung des westlichen, die Ressourcen verbrauchenden Lebensstils ansahen.

          Von ähnlicher Güte ist heute die Behauptung, die Ablehnung von Verhütungsmitteln durch das Lehramt der katholischen Kirche habe der Ausbreitung von Aids Vorschub geleistet, nicht zuletzt in Afrika. Während Politiker wie der südafrikanische Präsident Mbeki noch lange Knoblauch und Rote Beete gegen Aids empfahlen, standen katholische Einrichtungen zur Eindämmung der Epidemie jedoch längst in vorderster Front - wenn auch nicht durch das großzügige Sponsoring männlicher Promiskuität mit Großpackungen voller Gummis, sondern durch die Aufklärung über Risiken, Kampagnen für eheliche Treue, die Stärkung der Rolle der Frauen und die Sorge für Kranke und Waisen.

          Erschreckender Mangel an der Erziehung des Herzens

          Bedenkenswert sind auch jene Passagen in „Humanae vitae“, in denen Paul VI. 1968 fast prophetisch die Folgen der „sexuellen Revolution“ beschrieb: Die Außenseite dessen, was damals keusch „Aufweichung der sittlichen Zucht“ genannt wurde, müsste man heute als durchgängige Sexualisierung des Alltags, die Innenseite als einen erschreckenden Mangel an der Erziehung des Herzens beschreiben.

          Der Münchner Kardinal Marx hat recht: Die katholische Kirche ist die letzte Verfechterin des Ideals romantischer Liebe. Dass die Verteidigung dieses Ideals indes einhergehen muss mit dem kategorischen Verbot künstlicher Methoden der Empfängnisverhütung, hat selbst die Nachdenklichsten noch nie überzeugt - von den Frauen in der Kirche gar nicht zu reden.

          Gleichwohl waren „Humanae vitae“ und die Verengung der Lehre über die menschliche Sexualität auf das Thema Geburtenkontrolle erst der Anfang vom Ende. Papst Johannes Paul II. stellte die künstliche Empfängnisverhütung wiederholt auf annähernd dieselbe Stufe wie eine Abtreibung. Und öffentlich geäußerte Zweifel an der reinen Lehre von „Humanae vitae“ wurden bei der Auswahl von Theologen und Bischöfen zu einem Ausschlusskriterium. Die Folgen dieser Überdehnung der päpstlichen Autorität werden erst allmählich sichtbar. Eine davon: das intellektuelle Niveau des Episkopats einschließlich des Kardinalskollegiums ist heute so niedrig wie lange nicht. Und wenn selbst kirchenverbundene Katholiken es längst nicht mehr als Belastung ihres Gewissens empfinden, dass ihr Mühen um eine verantwortete Elternschaft in den Aussagen des Lehramtes so gut wie keine Orientierung findet, dann ist ein wesentlicher Teil des Vertrauenskapitals der Kirche verspielt.

          Keine Reform, sondern eine Revolution

          Vor diesem Hintergrund sind die jüngsten Aussagen Papst Benedikts XVI. von kaum zu überschätzender Bedeutung - zumal er sich nicht selbst korrigieren oder auch nur interpretieren musste. Weder als Erzbischof von München noch als Präfekt der Glaubenskongregation hatte sich Joseph Ratzinger jemals prononciert zu Fragen der Sexualmoral geäußert. In seinem ersten Lehrschreiben als Papst tat er es dafür umso ausführlicher. Das Hohelied der Liebe einschließlich der Sexualität, das Benedikt in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ gesungen hat, kennt in der Kirchengeschichte nicht seinesgleichen. Über Pille und Kondome hingegen kein Wort.

          Denn der Fokus des Papstes liegt nicht auf Verboten, sondern auf der „positiven Orthodoxie“, der Verantwortung von Mann und Frau füreinander und für die Weitergabe des Lebens. Dass in dieser Perspektive auch eine Güterabwägung vonnöten sein kann, und zwar nicht als Übel, sondern als sittliche Pflicht, das ist keine Reform, sondern eine Revolution.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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