https://www.faz.net/-gpf-15bie

Papst Benedikt XVI. : Das Schicksal Afrikas hängt nicht an einem Gummibeutelchen

  • -Aktualisiert am

Damit hat die Kirche - nicht nur im Hinblick auf Aids, sondern in allen Fragen des moralisch bestimmten menschlichen Lebens, kontroverse Themen der westlichen Welt sind etwa Abtreibung und Euthanasie - ein ganz anderes Ziel als der mehrheitsbewusste Gesetzgeber in einer pluralistischen Demokratie. Im Zusammenhang mit dem neuen Unterhaltsrecht, im Nachdenken über Ehe und Familie brachte es die Bundesjustizministerin Zypries (SPD) auf ihren innenpolitischen deutschen Punkt: „Die Lebenswirklichkeit hat das Familienbild der (christlichen) Union überholt.“

Das ist wohl nur die halbe Wahrheit. Denn irgendein „Bild“ von Ehe und Familie, für deren besonderen Schutz sie nach der Verfassung verantwortlich ist, wird Frau Zypries wohl auch haben, auch wenn es anders ist als das der CDU/CSU oder der Kirche. Im Extremfall - wenn man sich in einer pluralistischen Demokratie auf gar keine gemeinsamen Werte mehr einigen kann - blieben dann dem Gesetzgeber nur noch Reparaturmaßnahmen in der „Lebenswirklichkeit“ für den Fortbestand der Gesellschaft, etwa für alleinerziehende Mütter und Väter. Das kann teuer werden.

Humanisierung als päpstliche „Waffe“ gegen Aids

Die Kirche hingegen nimmt in der Tradition jeder großen Kultur und Weltreligion nicht hin, wie der Mensch - nach biblischer Lehre ein Sünder, nach Ansicht etlicher Denker „halb Engel, halb Tier“ - sich so verhalten will. Sie hat das Ziel, die Menschen mit religiös und vernunftgemäß motivierten Leitlinien, Geboten und Verboten zu sittlich verantwortetem Handeln zu bewegen. Ihre Aufgabe sieht sie nicht darin, mit dem Hinweis auf praktische technische Hilfsmittel ihre Botschaft zu unterlaufen.

So führt die Kirche seit Jahrzehnten einen Kampf gegen die bindungslose Freiheit im Geschlechtsverkehr, und versucht gemäß der Enzyklika Pauls VI. „Humanae vitae“ sexuelle Akte an die Erzeugung von Nachkommen, das heißt an ethisch verantwortliches Verhalten zurückzubinden. Diese „Humanisierung der Sexualisierung“, so sagt Benedikt, ist die päpstliche „Waffe“ gegen Aids. Man kann das Weltfremdheit nennen. Aber verwunderlich bleibt, warum die Befürworter von Kondomen - der spanische Ministerpräsident Zapatero vorneweg - auch den Papst als Werbemann einsetzen wollen und ihn für seinen Widerstand so scharf tadeln.

Plädoyer für die Würde der Frau

Die Päpste haben Ansehen und Einfluss bei den Gläubigen in Afrika, vielleicht gerade deshalb, weil sie sich nicht auf der Ebene von Kondomen bewegen. Moralische Prinzipien, die missfallen, kritisiert und bekämpft man gern mit dem Hinweis auf leichter einsichtige Werte oder Vorteile. Die Kirche hat Erfahrung darin, dass ihre Ideal-Lehren - etwa über Empfängnisverhütung und Geburtenkontrolle, über den Wert des Lebens von Anfang bis zum Ende, die Bindungsfestigkeit der Ehe und die Würde der Familie, über die Unterschiede zwischen Mann und Frau - stets mit den Hinweisen auf edle Absichten und beste Ziele attackiert werden, gern auch illustriert durch extreme Einzelfälle, die alle Ideale ad absurdum führen können. Wenn die kirchliche Skepsis gegen Kondome mit Millionen Toten, das Nein gegen die Abtreibung mit einem neun Jahre alten schwangeren Mädchen konterkariert werden, scheint die Empörung über den Papst immer gesichert.

Entrüstung hilft jedoch wenig, wenn die Zukunft eines Kontinents gesichert oder erleichtert werden soll. Benedikt hat in Afrika unbeirrt seine Rolle wahrgenommen und unverdrossen seine moralische Botschaft verkündet, auch mit einem beachtlichen Plädoyer für die Würde der Frau. Die Afrikaner erhofften sich von ihm Mut für die Zukunft und umjubelten ihn deshalb. In den Widrigkeiten des Alltags helfen ihnen die vielen unermüdlichen Mitarbeiter in den kirchlichen Einrichtungen, so weit sie können. In Kamerun und Angola, bei den Ansprachen und Predigten wurde klar, dass das Schicksal Afrikas nicht an einem Gummibeutelchen hängt. Denn Benedikt XVI. war wirklich in Afrika.

Weitere Themen

Topmeldungen

Welche Folgen Corona-Infektionen für Sportler, hier Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im September beim Spiel in der Schweiz, haben, wird derzeit erforscht.

Corona-Folgen für Sportler : „Wir werden Karrieren enden sehen“

Professor Wilhelm Bloch erforscht die Langzeitfolgen von Covid-19 für Sportler. Er erklärt, was das Virus in trainierten Körpern anrichten kann, warum er nicht zur Handball-WM geflogen wäre und ob Athleten bevorzugt geimpft werden sollten.
Ganz schön neblig: Der Covid-19-Impfstoff muss in Spezialkühlschränken aufbewahrt werden bei mehr als eisigen Temperaturen.

Corona-Impfung : Was man über mögliche Nebenwirkungen weiß

In Deutschland wird gegen Covid-19 geimpft. Die Impfstoffe sind neu und vielen nicht geheuer, sie fürchten gar Langzeitfolgen. Dabei ist über unerwünschte Begleiterscheinungen der Spritze schon viel bekannt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.