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Anschlag von Manhattan : Terrorforscher: „Schärfere Einreisebestimmungen ändern nichts“

Der Pickup-Truck des mutmaßlichen Attentäters von New York wird von einem Team der Spurensicherung in New York untersucht. Bild: AFP

Präsident Trump will den IS-Terror bekämpfen, indem er weniger Menschen nach Amerika lässt. Der Chicagoer Politikwissenschaftler Robert Pape hat Tausende Anschläge studiert. Er ist sich sicher: Das bringt nichts.

          Herr Pape, New York wurde von der stärksten Terrorattacke seit dem 11. Septembers 2001 getroffen. Was ist typisch an diesem Anschlag, was ist neu?

          Die Täter des 11. Septembers kamen nicht durch das Einwanderungssystem. Sie flogen einige Monate vor den Angriffen ins Land, um sie zu planen und auszuführen. Der Angreifer von Dienstag reiste bereits 2010 ins Land. Er hat sich höchst wahrscheinlich hier erst radikalisiert. Über die Propaganda, die der „Islamische Staat“ im Internet verbreitet.

          War er ein „einsamer Wolf“?

          Nicht unbedingt. Er könnte auch mit fünf Usbeken in Verbindung stehen, die in den vergangenen zwei Jahren wegen materieller Unterstützung des IS angeklagt wurden. Wenn er sich in so einer kleinen Gruppe quasi unter Freunden radikalisiert hätte, wäre das ein typisches Muster.

          Der Anschlag von New York erinnert einerseits an vorangegangene Attacken wie in Nizza, bei denen ebenfalls Fahrzeuge verwendet wurden. Andererseits trug der mutmaßliche Täter statt einer Kalaschnikow nur eine Paintball-Pistole und ein Luftgewehr bei sich. Warum?

          Die Fahrzeugattacken sind eindeutig durch IS-Propaganda inspiriert. So wie in Nizza, Berlin, Barcelona und London. Sie entsprechen genau den Anweisungen für Anhänger, die einen Anschlag verüben wollen. Dass der Täter von New York falsche beziehungsweise harmlose Waffen mit sich trug, könnte damit zusammenhängen, dass er hoffte, von jemandem außerhalb seiner Gruppe erschossen und ein Märtyrer zu werden. Unter radikalen Extremisten wird gerade darüber diskutiert, ob der Weg auch ins Paradies führt, wenn man sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft sprengt. Aber Genaues wissen wir noch nicht. Es gibt zahlreiche mögliche Motive, sich zu einem Terroranschlag wie in New York zu entschließen.

          Robert Pape, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Chicago und Direktor des „Chicago Project on Security and Terrorism“

          Präsident Trump hat den Fall der ehemaligen IS-Hauptstadt Raqqa als „entscheidenden Schritt“ im weltweiten Kampf gegen die Terrormiliz bezeichnet. Lag er damit falsch?

          Nein. Aber ich denke, der Fall von Raqqa ist möglicherweise Teil der generellen Motivation islamistischer Terroristen. Sie versuchen, ein verlorenes Spiel zu drehen und ergreifen verzweifelte Maßnahmen. Das ist der Grund, warum die Anschläge im Westen seit 2015 extrem zugenommen haben.

          Präsident Trump hat nun angekündigt, die Einreisebestimmungen weiter zu verschärfen und die „Green-Card-Lotterie“ abschaffen zu wollen, die jährlich 50.000 Ausländern einen dauerhaften Aufenthaltsstatus sichert. Inwiefern lassen sich dadurch vergleichbare Anschläge verhindern?

          Das fundamentale Problem ist, dass die meisten IS-Anschläge in den Vereinigten Staaten und den meisten Teilen Europas nicht durch das Einwanderungssystem ausgelöst wurden. Von den rund 170 Individuen, die hierzulande seit März 2014 wegen Anschlägen, ihrer Vorbereitung oder anderweitigen Tätigkeiten für den IS vor Gericht gestellt wurden, ist ein überwältigender Teil in den Vereinigten Staaten aufgewachsen. Zwei Drittel sind hierzulande sogar geboren. Nur die Wenigsten sind kürzer als fünf Jahre hier. Selbst wenn wir überhaupt keine Migranten mehr in die Vereinigten Staaten ließen, würde das nichts daran ändern, wie der IS Menschen rekrutiert, um Amerikaner zu töten.

          Robert Pape ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Chicago und Direktor des „Chicago Project on Security and Terrorism“.

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