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Das Archiv des Auswärtigen Amtes : Panzerschrank der Schande

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Sicher verwahrt, aber mit Lücken: Akten im Panzerkeller des Auswärtigen Amtes Bild: Lüdecke, Matthias

Vernichtete Akten, verschwundene Dokumente und zuletzt ein Persilschein für die Erschwerung des Zugangs zu Unterlagen: Wie das Politische Archiv des Auswärtigen Amts Forschungsarbeit behindert.

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          Karl Moersch wusste, wovon er sprach. Der FDP-Politiker war zwischen 1970 und 1976 erst Parlamentarischer Staatssekretär, dann Staatsminister im Auswärtigen Amt. Noch mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden erinnerte er sich in einem Beitrag für diese Zeitung an die wöchentlichen Direktorenrunden des Außenministeriums. Diese Besprechungen der Leitungsebene, eingeführt schon zur Kaiserzeit und im Jargon der Diplomaten „Morgenandachten“ genannt, seien nicht nur zu seiner Zeit, sondern über Jahrzehnte hinweg in Büchern protokolliert worden: „gescheite und weniger gescheite Beiträge aus 140 Jahren“. Allerdings, so vermutete Moersch, „dürfte im Auswärtigen Amt wenig Bereitschaft bestehen, eine derartige Geschichtsquelle besonderer Art irgendwelchen neugierigen Historikern in die Hände zu geben“.

          Hinweise auf die „Morgenandachten“ gibt es auch anderenorts, in den Quellen und der Literatur; und in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, so heißt es da, sei dort auch über den Mord an den europäischen Juden gesprochen worden. Als sich die Unabhängige Historikerkommission zur Geschichte des Auswärtigen Amts 2006 an ihre Arbeit machte, da musste ihr Interesse deshalb auch den „Morgenandachten“ gelten, zumal diese in den einschlägigen Editionen der deutschen diplomatischen Akten aus der Zeit vor und nach 1945 nicht auftauchen.

          Vernichtete Akten, verschwundene Dokumente

          Dabei wird es wohl bleiben: Denn die Protokolle der Direktorenrunden wurden, wie die Historikerkommission 2008 erfuhr, vermutlich beim Umzug des Auswärtigen Amtes von Bonn nach Berlin vernichtet.

          Vernichtete Akten, verschwundene Dokumente, nicht zugängliche Unterlagen: Für die Historikerkommission und ihre Mitarbeiter waren das Alltagserfahrungen in der mehrjährigen Forschung im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts. Die von der Spitze des Ministeriums von Anfang an gewünschte und zu Beginn der Arbeit 2005/06 zugesicherte „proaktive“ Unterstützung der Kommission hat es, institutionell gesehen, nie gegeben. Von individuellen Ausnahmen abgesehen, regierte im Politischen Archiv und insbesondere bei dessen Leiter der innere Vorbehalt.

          Als sich im Frühjahr 2008 Hinweise auf gezielte Desinformation mehrten, wäre es fast zu einem öffentlichen Eklat gekommen. Außenminister Steinmeier musste intervenieren und auf die Leitung des Archivs seines Hauses einwirken, dass der Historikerkommission künftig die bestmögliche Unterstützung zuteil werde. Die Kommission hat ihre schwierigen Erfahrungen mit dem Politischen Archiv im Nachwort ihres Buches nur angedeutet. Aber sie hat auf die „Defizite in der Erschließung der Bestände“ und die im AA-Archiv herrschenden „eingeschliffenen strukturellen Sonderbedingungen“ hingewiesen.

          Der „mutige Magaziner“

          Diese Kritik blieb nicht ohne Wirkung. Zumindest für einen Moment entstand in der interessierten Öffentlichkeit eine Diskussion darüber, ob es nicht besser wäre, die Akten des Auswärtigen Amts - so wie die aller anderen Bundesministerien - in die Obhut des Bundesarchivs zu geben. Solchermaßen unter Druck, entschloss sich das Politische Archiv zum Handeln: Ein Magazinarbeiter wurde vorgeschickt, der bei der Präsentation des Buches im überfüllten Europasaal des Auswärtigen Amtes der Kommission das Recht zur Kritik am Politischen Archiv absprach. Die Herren Professoren Conze und Frei seien doch nur einen Tag im Archiv gewesen.

          Dieser Inszenierung vom Oktober 2010 folgte zwölf Monate später ein zweites Rührstück. Aus Anlass des 2011 erstmals vergebenen „Innovationspreises“ des Deutschen Beamtenbunds erfand man rasch noch einen „Spezialpreis Zivilcourage“. Dieser Preis ging an jenen „mutigen Magaziner“, der es gewagt habe, gegen die beiden „Großordinarien“ das Wort zu erheben. Wie gut, dass Zivilcourage im Deutschland der Gegenwart so einfach ist.

          Auch eine Nutzerbefragung setzte das Politische Archiv nach der Publikation von „Das Amt“ in Gang. Deren Ergebnisse fanden ihren Weg sogar in diese Zeitung. In „einzigartiger Weise“ (F.A.Z. vom 16.3.2012) mehre das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes den „positiven Eindruck“, den man sich im In- und Ausland vom Auswärtigen Amt beziehungsweise von Deutschland mache. Das sind große Worte. Sie beruhen auf einer Expertise, die drei Absolventinnen des Bachelor-Studiengangs Archivwissenschaft an der Fachhochschule Potsdam erstellt haben.

          Befragt hatte man ehemalige Archivbesucher, deren E-Mail-Adressen der Auftraggeber der Studie, das Politische Archiv, dem Auftragnehmer zur Verfügung gestellt hatte. Weniger als die Hälfte der angeschriebenen Benutzer nahm an der Umfrage teil, und angeschrieben wurde nur, wer das Archiv nach dem 1. Januar 2010 besucht hatte. Und obwohl die von der Unabhängigen Historikerkommission geäußerte Kritik zweifellos der Grund für den Begutachtungsauftrag war, hielten es die angehenden Archivarinnen oder ihre Betreuerin, eine Professorin für Archivwissenschaft, nicht für nötig, die Kommission nach ihren Erfahrungen mit dem Politischen Archiv zu befragen, um diese womöglich in die Konzeption der Umfrage einfließen zu lassen.

          Beiträge zur Vertuschung

          Das Politische Archiv spielte in der „Vertuschung“ (Christopher Browning) der NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amts und vieler seiner Angehörigen nach 1945 eine entscheidende Rolle. Zunächst war es, wie die Historikerin Astrid Eckert vor wenigen Jahren in einer preisgekrönten Studie zeigte, das Interesse des Archivs, die von den Vereinigten Staaten und Großbritannien 1945 beschlagnahmten Akten schnellstmöglich wieder nach Deutschland zu bringen - auch weil man wissen wollte, welche Dokumente denn überhaupt erhalten waren und wen sie womöglich belasteten.

          Befasst war mit dieser Frage nicht zuletzt der ehemalige Diplomat Peter Klassen, der während des Krieges „Judenreferent“ der Kulturabteilung der deutschen Botschaft in Paris gewesen war, ein schlimmer antisemitischer Propagandist. Als das ruchbar wurde und Großbritannien die Zusammenarbeit verweigerte, leitete das Amt wegen der „optischen Belastung“ die Kündigung ein. Doch Klassen entging der Suspendierung nicht nur - offensichtlich gut vernetzt, stieg er wenig später zum Archivleiter auf. In seine Zeit fiel auch der Diensteintritt von Heinz Günther Sasse. Der hatte während des „Dritten Reiches“ im „Kriegsschuldreferat“ des Amtes gearbeitet, war also, von Klassen protegiert, der richtige Mann, als es um 1960 wieder darum ging, gegen die „Kriegsschuldlüge“, diesmal vertreten von Fritz Fischer, zu kämpfen.

          Aber dabei blieb es nicht. Ende der sechziger Jahre wurde das Politische Archiv zum Verbündeten zahlreicher in juristische Bedrängnis geratener „alter Kameraden“, nunmehr mit Sasse an der Spitze und tatkräftig unterstützt von dem jungen „national gesonnenen Historiker Dr. Gehling“, wie es in einem Memorandum aus dem Umfeld des ehemaligen SS-Spitzenfunktionärs Werner Best hieß. (Dessen Personalakte im AA ist übrigens nur noch ein Torso, sein Antrag auf „Wiederverwendung“ verschollen.)

          Arbeit am Gechichtsbild

          Das alles ist seit Jahren bekannt. Doch das Wirken von Heinz Günther Sasse geht darin nicht auf. Zum hundertjährigen Bestehen des Amtes 1970 verfasste er eine offiziöse Geschichte des Ministeriums. Sie prägte mit ihrem Akzent auf der „starken Beteiligung“ deutscher Diplomaten am Widerstand des 20. Juli das Geschichtsbild, die Traditionspflege und die Selbstdarstellung des Außenamtes bis in die neunziger Jahre.

          Außenminister war 1970 Walter Scheel, der noch vor wenigen Wochen in dieser Zeitung sein ministerielles Interesse an der Arbeit des Politischen Archivs unterstrich und betonte, „nie den geringsten Zweifel“ an dessen „Verlässlichkeit und fachlicher Kompetenz“ vernommen zu haben. Im gleichen Beitrag verharmlost Scheel nicht nur die NSDAP-Mitgliedschaft des 2004 gestorbenen Botschafters Franz Krapf (am Ende des amtsinternen Streits um dessen Nachruf stand die Einsetzung der Historikerkommission), sondern auch dessen Zugehörigkeit zu SS und SD als „Jugendverirrung“ - das alte Geschichtsbild des Auswärtigen Amts.

          Geschichtsbilder freilich werden nicht nur geprägt, sie prägen auch selbst und wirken dadurch fort. Als 1990 im Außenministerium darüber diskutiert wurde, ob eine Biographie über den 1942 als NS-Gegner hingerichteten Diplomaten Rudolf von Scheliha in den Amtsräumen der Öffentlichkeit vorgestellt werden solle, sprach sich ein Archivreferent in einem internen Vermerk dagegen aus. Das Amt solle nicht einen Verlag in seiner Buchwerbung unterstützen. Außerdem sei das Buch nicht frei von „methodischen Fehlern“; und sein Verfasser - Ulrich Sahm, ostpolitischer Berater Willy Brandts und in den siebziger Jahren Botschafter der Bundesrepublik in Moskau - könne nicht beweisen, dass Scheliha keinen Landesverrat zugunsten der Sowjetunion begangen habe. Der Name des Referenten: Ludwig Biewer, seit 2003 Leiter des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts.

          Wie man auf Distanz geht . . .

          Der Vortragende Legationsrat Erster Klasse Biewer war einer der wenigen aktiven AA-Angehörigen, die im Februar 2005 die Todesanzeige für Botschafter a.D. Franz Krapf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unterzeichneten, mit der weit über hundert „Mumien“, ehemalige hochrangige deutsche Diplomaten, ihren Protest gegen die von Minister Joschka Fischer mit Blick auf ehemalige NSDAP-Mitglieder geänderte amtsinterne „Nachrufpraxis“ zum Ausdruck brachten.

          Dass Biewer die Berufung einer Unabhängigen Historikerkommission durch Fischer nicht begrüßte, kann vor diesem Hintergrund kaum überraschen. Aber dass der Leiter des AA-Archivs bei einem ganztägigen Symposion fehlte, mit dem das Auswärtige Amt im Herbst 2005 die Einsetzung der Historikerkommission begleitete, rief bei den zum Teil von weither angereisten Historikern und Archivaren doch Erstaunen hervor.

          Während das Bundesarchiv durch seinen Präsidenten vertreten war, der zusammen mit einem Abteilungsleiter die einschlägigen Bestände des Hauses benannte und der Kommission alle Unterstützung zusicherte, referierte für das Politische Archiv ein früherer Mitarbeiter der Forschungsstelle Ludwigsburg, der auch mit den Personalakten des AA-Archivs zu tun gehabt hatte und nun davor warnte, in diesen Beständen Überraschungen zu erwarten. Die Leitungsebene des Auswärtigen Amtes hatte sich ein Signal des Aufbruchs und der Aufklärungsbereitschaft erwartet - das Politische Archiv demonstrierte Distanz.

          . . . und sich quer legt

          Dennoch dauerte es eine Zeit, bis der Kommission und ihren im Politischen Archiv recherchierenden wissenschaftlichen Mitarbeitern bewusst wurde, wie sie in ihrer Forschung nicht nur nicht unterstützt, sondern zum Teil sogar behindert wurden. Gewiss, Zeichen persönlicher Hilfsbereitschaft einzelner Archivmitarbeiter gegenüber der Kommission und ihrem Anliegen hat es immer wieder gegeben: Hinweise auf Findmittel oder Bestandsübersichten zum Beispiel, von denen in den Besprechungen der Kommission mit der Archivleitung nicht die Rede gewesen war.

          Aber gerade diese punktuellen Begebenheiten ließen im Laufe der Zeit nur das Unbehagen wachsen und den immer stärker werdenden Eindruck entstehen, nicht aktiv und umfassend von der Archivspitze unterstützt zu werden. Das gilt beispielsweise für den Hinweis der Archivleitung, es sei aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht möglich, der Kommission Personalakten von Personen vorzulegen, die noch nicht oder vor weniger als 30 Jahren verstorben seien.

          Dabei enthalten die einschlägigen Bestimmungen des Bundesarchivgesetzes eine Regelung, die es ermöglicht, Sperrfristen zu verkürzen, wenn es sich um das „Amtshandeln“ von Personen handelt oder um „Persönlichkeiten der Zeitgeschichte“. Hier existieren Ermessensspielräume, die von den Archivaren genutzt werden können - oder eben auch nicht.

          Praxis des Wegsperrens

          Wenn es dem Ansehen des Politischen Archivs aufzuhelfen scheint, werden diese Spielräume freilich genutzt. So fanden nach Abschluss der Kommissionsarbeit und in der einsetzenden Kampagne gegen „Das Amt“ und die Unabhängige Historikerkommission im Herbst 2010 personenbezogene Akteninformationen über Marga Henseler, die 2003 durch Briefe an Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer die „Nachrufaffäre“ ins Rollen gebracht hatte, den Weg in die Presse. Einziges Ziel: die 91-jährige ehemalige Amtsangehörige zu diskreditieren. Im Feuilleton dieser Zeitung war damals denn auch von einem „Gipfel der Infamie“ die Rede.

          In dem Maße, in dem die Mitarbeiter der Kommission sich mit den - von der Archivleitung immer wieder als „unergiebig“charakterisierten - Personalakten vertraut machen konnten, verdichteten sich allerdings die Hinweise, dass es auch im Auswärtigen Amt jahrzehntelang eine Praxis der Aktenführung gegeben hatte, wie sie in Italien in den neunziger Jahren unter dem Stichwort „Schrank der Schande“ aufgeflogen ist. Dort waren Akten über deutsche Kriegsverbrechen drei Jahrzehnte lang in einem Schrank weggeschlossen und damit der Benutzung entzogen worden.

          Auch im Bonner Amt waren kompromittierende Unterlagen, beispielsweise zu dem viel diskutierten Fall Nüßlein, dessen geschönter Nachruf die Beschwerden Marga Henselers ausgelöst hatte, den regulären Personalakten entnommen, in geheimen Dossiers zusammengefasst und in einem Panzerschrank in der Personalabteilung weggesperrt worden. Was immer die Motive hinter dieser Praxis gewesen sein mögen, und in Zeiten des Kalten Krieges mag auch der Schutz vor Erpressungen und nachrichtendienstlichen Anwerbungsrisiken eine Rolle gespielt haben: Statt die erkennbaren Lücken und kryptischen Notizen in den regulären Personalakten nach bestem Gewissen zu erklären, bestritt die Archivleitung zunächst die Existenz solcher Sonderakten. Später behauptete man, die Unterlagen seien vernichtet worden.

          Eine Frage der Standards

          Denn es stellte sich heraus: Die Dokumente waren nachweislich schon 1967 dem Politischen Archiv übergeben worden. Es handele sich dabei, so hieß es in dem Vermerk der Personalabteilung für das Archiv, um Vorgänge, die sich „nicht zur Weitergabe an die zuständige Registratur oder zur Beifügung in die Personalakten“ eigneten.

          Und weiter erschien es damals „zweckmäßig, nicht nachträglich diese Akten in die zuständigen Registraturen zu bringen, sondern so, wie sie bisher ohne Registrierung im Vorzimmer DZ (Direktor der Zentralabteilung) verwahrt worden sind, nunmehr im Politischen Archiv zu asservieren“. Auch später wurden die Unterlagen weder registriert noch in die regulären Archivbestände integriert. Was aber nicht in den - offiziellen - Akten ist, ist bekanntlich auch nicht in der Welt.

          In anderen Fällen zeigte sich, dass Archivare des AA belastende NS-Dokumente aus Drittarchiven, die in die Amtsunterlagen eingegangen waren, aus den Akten entfernt und vernichtet hatten. Das sei, so hieß es später, gängige Praxis. Für die Frage, welche Informationen man im Auswärtigen Amt über die NS-Belastung einzelner Diplomaten zu welchem Zeitpunkt hatte, ist diese Praxis indes hochproblematisch. Ob sie „hohen archivarischen Standards“ genügt, wie sie jetzt das Potsdamer Gutachten dem Politischen Archiv attestiert, mag man bezweifeln. Dass die Nutzerbefragung derartige Themen einschloss, gewiss auch.

          Verloren in einem Aktenwust

          Ebenfalls erst Jahre nach Beginn ihrer Arbeit und nach der Intervention von Minister Steinmeier im Frühjahr 2008 informierte die Archivleitung die Kommissionsmitglieder darüber, dass es einen umfangreichen Sonderbestand segregierter, weil zu „Verschlusssachen“ (VS) gestempelter Akten gebe, der, bislang völlig unerschlossen, für die Kommission von Interesse sein könnte.

          Um dies zu klären, wurde für die beiden deutschen Kommissionsmitglieder eine Sicherheitsüberprüfung eingeleitet. Monate später konnten Conze und Frei Einsicht in die bislang gesperrten VS-Listen nehmen - an jenem später zitierten „einzigen Tag“, den die beiden Kommissionsmitglieder im Politischen Archiv verbrachten. Denn die systematische Aktenrecherche war ansonsten von Anfang an Aufgabe der wissenschaftlichen Mitarbeiter der Kommission gewesen.

          Aber es zeigte sich sogleich die Aussichtslosigkeit des Unterfangens, aus einem riesigen Wust von unzusammenhängendem und oft banalem VS-Schriftgut potentiell relevante Einzelakten zu identifizieren und ihre Deklassifizierung auf den Weg zu bringen. Ein forschungsfreundliches Archiv hätte - aus eigenem Entschluss - schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte früher auf die Freigabe der Akten hinwirken müssen, spätestens jedoch mit Beginn der Arbeit der Kommission. Es ist zu hoffen, dass wenigstens die künftige Forschung diese Aktenbestände auswerten kann.

          Ein Persilschein für die Behinderung von Forschung

          Archive sind geschichtspolitische Akteure. Das in Archiven gespeicherte Wissen gibt denen, die über sie bestimmen, Macht. Für diese Erkenntnis muss man nicht Foucault gelesen haben. Macht aber bedarf der Kontrolle, die es offensichtlich im Hinblick auf das Politische Archiv des Auswärtigen Amts über Jahrzehnte - auch als Ergebnis seines Sonderstatus außerhalb der Strukturen des Bundesarchivs - nicht in ausreichendem Maße gegeben hat.

          Das Politische Archiv hat kritische Forschung über die NS-Vergangenheit des Amtes und den Umgang mit dieser Vergangenheit nach 1945 behindert, und die Archivleitung hat dies im Zusammenhang mit der Arbeit der Unabhängigen Historikerkommission noch einmal versucht. Das Potsdamer Gutachten sollte vor diesem Hintergrund entlastend wirken, kritische Stimmen und belastende Informationen waren deshalb nicht gefragt.

          Der Begutachtungsauftrag, den das Politische Archiv erteilte und mit dem sich seine Leitung und ihre publizistischen Hilfstruppen jetzt brüsten, steht so betrachtet in der Tradition jener „Persilscheine“ aus der Zeit nach 1945, die sich in den dort verwahrten Akten so zahlreich finden - und an deren geschichts- und vergangenheitspolitischer Instrumentalisierung die Archivleitung über Jahrzehnte hinweg tatkräftig beteiligt war.

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