https://www.faz.net/-gpf-6zn4p

Das Archiv des Auswärtigen Amtes : Panzerschrank der Schande

  • -Aktualisiert am

Und weiter erschien es damals „zweckmäßig, nicht nachträglich diese Akten in die zuständigen Registraturen zu bringen, sondern so, wie sie bisher ohne Registrierung im Vorzimmer DZ (Direktor der Zentralabteilung) verwahrt worden sind, nunmehr im Politischen Archiv zu asservieren“. Auch später wurden die Unterlagen weder registriert noch in die regulären Archivbestände integriert. Was aber nicht in den - offiziellen - Akten ist, ist bekanntlich auch nicht in der Welt.

In anderen Fällen zeigte sich, dass Archivare des AA belastende NS-Dokumente aus Drittarchiven, die in die Amtsunterlagen eingegangen waren, aus den Akten entfernt und vernichtet hatten. Das sei, so hieß es später, gängige Praxis. Für die Frage, welche Informationen man im Auswärtigen Amt über die NS-Belastung einzelner Diplomaten zu welchem Zeitpunkt hatte, ist diese Praxis indes hochproblematisch. Ob sie „hohen archivarischen Standards“ genügt, wie sie jetzt das Potsdamer Gutachten dem Politischen Archiv attestiert, mag man bezweifeln. Dass die Nutzerbefragung derartige Themen einschloss, gewiss auch.

Verloren in einem Aktenwust

Ebenfalls erst Jahre nach Beginn ihrer Arbeit und nach der Intervention von Minister Steinmeier im Frühjahr 2008 informierte die Archivleitung die Kommissionsmitglieder darüber, dass es einen umfangreichen Sonderbestand segregierter, weil zu „Verschlusssachen“ (VS) gestempelter Akten gebe, der, bislang völlig unerschlossen, für die Kommission von Interesse sein könnte.

Um dies zu klären, wurde für die beiden deutschen Kommissionsmitglieder eine Sicherheitsüberprüfung eingeleitet. Monate später konnten Conze und Frei Einsicht in die bislang gesperrten VS-Listen nehmen - an jenem später zitierten „einzigen Tag“, den die beiden Kommissionsmitglieder im Politischen Archiv verbrachten. Denn die systematische Aktenrecherche war ansonsten von Anfang an Aufgabe der wissenschaftlichen Mitarbeiter der Kommission gewesen.

Aber es zeigte sich sogleich die Aussichtslosigkeit des Unterfangens, aus einem riesigen Wust von unzusammenhängendem und oft banalem VS-Schriftgut potentiell relevante Einzelakten zu identifizieren und ihre Deklassifizierung auf den Weg zu bringen. Ein forschungsfreundliches Archiv hätte - aus eigenem Entschluss - schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte früher auf die Freigabe der Akten hinwirken müssen, spätestens jedoch mit Beginn der Arbeit der Kommission. Es ist zu hoffen, dass wenigstens die künftige Forschung diese Aktenbestände auswerten kann.

Ein Persilschein für die Behinderung von Forschung

Archive sind geschichtspolitische Akteure. Das in Archiven gespeicherte Wissen gibt denen, die über sie bestimmen, Macht. Für diese Erkenntnis muss man nicht Foucault gelesen haben. Macht aber bedarf der Kontrolle, die es offensichtlich im Hinblick auf das Politische Archiv des Auswärtigen Amts über Jahrzehnte - auch als Ergebnis seines Sonderstatus außerhalb der Strukturen des Bundesarchivs - nicht in ausreichendem Maße gegeben hat.

Das Politische Archiv hat kritische Forschung über die NS-Vergangenheit des Amtes und den Umgang mit dieser Vergangenheit nach 1945 behindert, und die Archivleitung hat dies im Zusammenhang mit der Arbeit der Unabhängigen Historikerkommission noch einmal versucht. Das Potsdamer Gutachten sollte vor diesem Hintergrund entlastend wirken, kritische Stimmen und belastende Informationen waren deshalb nicht gefragt.

Der Begutachtungsauftrag, den das Politische Archiv erteilte und mit dem sich seine Leitung und ihre publizistischen Hilfstruppen jetzt brüsten, steht so betrachtet in der Tradition jener „Persilscheine“ aus der Zeit nach 1945, die sich in den dort verwahrten Akten so zahlreich finden - und an deren geschichts- und vergangenheitspolitischer Instrumentalisierung die Archivleitung über Jahrzehnte hinweg tatkräftig beteiligt war.

Weitere Themen

Der Killer, der aus Moskau kam

Tiergarten-Mord : Der Killer, der aus Moskau kam

Die Indizien, dass Russland hinter dem Mord im Berliner Tiergarten steckt, haben sich schnell gemehrt. Nun hat Berlin reagiert. Und aus Russland kommen widersprüchliche Angaben.

Topmeldungen

Die Kommunalwahlen in NRW sind für die SPD von existentieller Bedeutung: Die Partei kann sich nur stabilisieren, wenn ihnen ihre kommunale Basis nicht wegbricht.

Verschuldete Kommunen : Werden die Altschulden zur tickenden Zeitbombe?

Die Lösung des Altschulden-Problems hat sich die große Koalition fest vorgenommen. Gerade die von der SPD regierten Großstädte im Ruhrgebiet würden von Bundeshilfe profitieren – bisher verhält sich Nordrhein-Westfalen jedoch merkwürdig passiv.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.