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Das Archiv des Auswärtigen Amtes : Panzerschrank der Schande

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. . . und sich quer legt

Dennoch dauerte es eine Zeit, bis der Kommission und ihren im Politischen Archiv recherchierenden wissenschaftlichen Mitarbeitern bewusst wurde, wie sie in ihrer Forschung nicht nur nicht unterstützt, sondern zum Teil sogar behindert wurden. Gewiss, Zeichen persönlicher Hilfsbereitschaft einzelner Archivmitarbeiter gegenüber der Kommission und ihrem Anliegen hat es immer wieder gegeben: Hinweise auf Findmittel oder Bestandsübersichten zum Beispiel, von denen in den Besprechungen der Kommission mit der Archivleitung nicht die Rede gewesen war.

Aber gerade diese punktuellen Begebenheiten ließen im Laufe der Zeit nur das Unbehagen wachsen und den immer stärker werdenden Eindruck entstehen, nicht aktiv und umfassend von der Archivspitze unterstützt zu werden. Das gilt beispielsweise für den Hinweis der Archivleitung, es sei aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht möglich, der Kommission Personalakten von Personen vorzulegen, die noch nicht oder vor weniger als 30 Jahren verstorben seien.

Dabei enthalten die einschlägigen Bestimmungen des Bundesarchivgesetzes eine Regelung, die es ermöglicht, Sperrfristen zu verkürzen, wenn es sich um das „Amtshandeln“ von Personen handelt oder um „Persönlichkeiten der Zeitgeschichte“. Hier existieren Ermessensspielräume, die von den Archivaren genutzt werden können - oder eben auch nicht.

Praxis des Wegsperrens

Wenn es dem Ansehen des Politischen Archivs aufzuhelfen scheint, werden diese Spielräume freilich genutzt. So fanden nach Abschluss der Kommissionsarbeit und in der einsetzenden Kampagne gegen „Das Amt“ und die Unabhängige Historikerkommission im Herbst 2010 personenbezogene Akteninformationen über Marga Henseler, die 2003 durch Briefe an Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer die „Nachrufaffäre“ ins Rollen gebracht hatte, den Weg in die Presse. Einziges Ziel: die 91-jährige ehemalige Amtsangehörige zu diskreditieren. Im Feuilleton dieser Zeitung war damals denn auch von einem „Gipfel der Infamie“ die Rede.

In dem Maße, in dem die Mitarbeiter der Kommission sich mit den - von der Archivleitung immer wieder als „unergiebig“charakterisierten - Personalakten vertraut machen konnten, verdichteten sich allerdings die Hinweise, dass es auch im Auswärtigen Amt jahrzehntelang eine Praxis der Aktenführung gegeben hatte, wie sie in Italien in den neunziger Jahren unter dem Stichwort „Schrank der Schande“ aufgeflogen ist. Dort waren Akten über deutsche Kriegsverbrechen drei Jahrzehnte lang in einem Schrank weggeschlossen und damit der Benutzung entzogen worden.

Auch im Bonner Amt waren kompromittierende Unterlagen, beispielsweise zu dem viel diskutierten Fall Nüßlein, dessen geschönter Nachruf die Beschwerden Marga Henselers ausgelöst hatte, den regulären Personalakten entnommen, in geheimen Dossiers zusammengefasst und in einem Panzerschrank in der Personalabteilung weggesperrt worden. Was immer die Motive hinter dieser Praxis gewesen sein mögen, und in Zeiten des Kalten Krieges mag auch der Schutz vor Erpressungen und nachrichtendienstlichen Anwerbungsrisiken eine Rolle gespielt haben: Statt die erkennbaren Lücken und kryptischen Notizen in den regulären Personalakten nach bestem Gewissen zu erklären, bestritt die Archivleitung zunächst die Existenz solcher Sonderakten. Später behauptete man, die Unterlagen seien vernichtet worden.

Eine Frage der Standards

Denn es stellte sich heraus: Die Dokumente waren nachweislich schon 1967 dem Politischen Archiv übergeben worden. Es handele sich dabei, so hieß es in dem Vermerk der Personalabteilung für das Archiv, um Vorgänge, die sich „nicht zur Weitergabe an die zuständige Registratur oder zur Beifügung in die Personalakten“ eigneten.

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