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Das Archiv des Auswärtigen Amtes : Panzerschrank der Schande

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Arbeit am Gechichtsbild

Das alles ist seit Jahren bekannt. Doch das Wirken von Heinz Günther Sasse geht darin nicht auf. Zum hundertjährigen Bestehen des Amtes 1970 verfasste er eine offiziöse Geschichte des Ministeriums. Sie prägte mit ihrem Akzent auf der „starken Beteiligung“ deutscher Diplomaten am Widerstand des 20. Juli das Geschichtsbild, die Traditionspflege und die Selbstdarstellung des Außenamtes bis in die neunziger Jahre.

Außenminister war 1970 Walter Scheel, der noch vor wenigen Wochen in dieser Zeitung sein ministerielles Interesse an der Arbeit des Politischen Archivs unterstrich und betonte, „nie den geringsten Zweifel“ an dessen „Verlässlichkeit und fachlicher Kompetenz“ vernommen zu haben. Im gleichen Beitrag verharmlost Scheel nicht nur die NSDAP-Mitgliedschaft des 2004 gestorbenen Botschafters Franz Krapf (am Ende des amtsinternen Streits um dessen Nachruf stand die Einsetzung der Historikerkommission), sondern auch dessen Zugehörigkeit zu SS und SD als „Jugendverirrung“ - das alte Geschichtsbild des Auswärtigen Amts.

Geschichtsbilder freilich werden nicht nur geprägt, sie prägen auch selbst und wirken dadurch fort. Als 1990 im Außenministerium darüber diskutiert wurde, ob eine Biographie über den 1942 als NS-Gegner hingerichteten Diplomaten Rudolf von Scheliha in den Amtsräumen der Öffentlichkeit vorgestellt werden solle, sprach sich ein Archivreferent in einem internen Vermerk dagegen aus. Das Amt solle nicht einen Verlag in seiner Buchwerbung unterstützen. Außerdem sei das Buch nicht frei von „methodischen Fehlern“; und sein Verfasser - Ulrich Sahm, ostpolitischer Berater Willy Brandts und in den siebziger Jahren Botschafter der Bundesrepublik in Moskau - könne nicht beweisen, dass Scheliha keinen Landesverrat zugunsten der Sowjetunion begangen habe. Der Name des Referenten: Ludwig Biewer, seit 2003 Leiter des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts.

Wie man auf Distanz geht . . .

Der Vortragende Legationsrat Erster Klasse Biewer war einer der wenigen aktiven AA-Angehörigen, die im Februar 2005 die Todesanzeige für Botschafter a.D. Franz Krapf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unterzeichneten, mit der weit über hundert „Mumien“, ehemalige hochrangige deutsche Diplomaten, ihren Protest gegen die von Minister Joschka Fischer mit Blick auf ehemalige NSDAP-Mitglieder geänderte amtsinterne „Nachrufpraxis“ zum Ausdruck brachten.

Dass Biewer die Berufung einer Unabhängigen Historikerkommission durch Fischer nicht begrüßte, kann vor diesem Hintergrund kaum überraschen. Aber dass der Leiter des AA-Archivs bei einem ganztägigen Symposion fehlte, mit dem das Auswärtige Amt im Herbst 2005 die Einsetzung der Historikerkommission begleitete, rief bei den zum Teil von weither angereisten Historikern und Archivaren doch Erstaunen hervor.

Während das Bundesarchiv durch seinen Präsidenten vertreten war, der zusammen mit einem Abteilungsleiter die einschlägigen Bestände des Hauses benannte und der Kommission alle Unterstützung zusicherte, referierte für das Politische Archiv ein früherer Mitarbeiter der Forschungsstelle Ludwigsburg, der auch mit den Personalakten des AA-Archivs zu tun gehabt hatte und nun davor warnte, in diesen Beständen Überraschungen zu erwarten. Die Leitungsebene des Auswärtigen Amtes hatte sich ein Signal des Aufbruchs und der Aufklärungsbereitschaft erwartet - das Politische Archiv demonstrierte Distanz.

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