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Das Archiv des Auswärtigen Amtes : Panzerschrank der Schande

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Dieser Inszenierung vom Oktober 2010 folgte zwölf Monate später ein zweites Rührstück. Aus Anlass des 2011 erstmals vergebenen „Innovationspreises“ des Deutschen Beamtenbunds erfand man rasch noch einen „Spezialpreis Zivilcourage“. Dieser Preis ging an jenen „mutigen Magaziner“, der es gewagt habe, gegen die beiden „Großordinarien“ das Wort zu erheben. Wie gut, dass Zivilcourage im Deutschland der Gegenwart so einfach ist.

Auch eine Nutzerbefragung setzte das Politische Archiv nach der Publikation von „Das Amt“ in Gang. Deren Ergebnisse fanden ihren Weg sogar in diese Zeitung. In „einzigartiger Weise“ (F.A.Z. vom 16.3.2012) mehre das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes den „positiven Eindruck“, den man sich im In- und Ausland vom Auswärtigen Amt beziehungsweise von Deutschland mache. Das sind große Worte. Sie beruhen auf einer Expertise, die drei Absolventinnen des Bachelor-Studiengangs Archivwissenschaft an der Fachhochschule Potsdam erstellt haben.

Befragt hatte man ehemalige Archivbesucher, deren E-Mail-Adressen der Auftraggeber der Studie, das Politische Archiv, dem Auftragnehmer zur Verfügung gestellt hatte. Weniger als die Hälfte der angeschriebenen Benutzer nahm an der Umfrage teil, und angeschrieben wurde nur, wer das Archiv nach dem 1. Januar 2010 besucht hatte. Und obwohl die von der Unabhängigen Historikerkommission geäußerte Kritik zweifellos der Grund für den Begutachtungsauftrag war, hielten es die angehenden Archivarinnen oder ihre Betreuerin, eine Professorin für Archivwissenschaft, nicht für nötig, die Kommission nach ihren Erfahrungen mit dem Politischen Archiv zu befragen, um diese womöglich in die Konzeption der Umfrage einfließen zu lassen.

Beiträge zur Vertuschung

Das Politische Archiv spielte in der „Vertuschung“ (Christopher Browning) der NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amts und vieler seiner Angehörigen nach 1945 eine entscheidende Rolle. Zunächst war es, wie die Historikerin Astrid Eckert vor wenigen Jahren in einer preisgekrönten Studie zeigte, das Interesse des Archivs, die von den Vereinigten Staaten und Großbritannien 1945 beschlagnahmten Akten schnellstmöglich wieder nach Deutschland zu bringen - auch weil man wissen wollte, welche Dokumente denn überhaupt erhalten waren und wen sie womöglich belasteten.

Befasst war mit dieser Frage nicht zuletzt der ehemalige Diplomat Peter Klassen, der während des Krieges „Judenreferent“ der Kulturabteilung der deutschen Botschaft in Paris gewesen war, ein schlimmer antisemitischer Propagandist. Als das ruchbar wurde und Großbritannien die Zusammenarbeit verweigerte, leitete das Amt wegen der „optischen Belastung“ die Kündigung ein. Doch Klassen entging der Suspendierung nicht nur - offensichtlich gut vernetzt, stieg er wenig später zum Archivleiter auf. In seine Zeit fiel auch der Diensteintritt von Heinz Günther Sasse. Der hatte während des „Dritten Reiches“ im „Kriegsschuldreferat“ des Amtes gearbeitet, war also, von Klassen protegiert, der richtige Mann, als es um 1960 wieder darum ging, gegen die „Kriegsschuldlüge“, diesmal vertreten von Fritz Fischer, zu kämpfen.

Aber dabei blieb es nicht. Ende der sechziger Jahre wurde das Politische Archiv zum Verbündeten zahlreicher in juristische Bedrängnis geratener „alter Kameraden“, nunmehr mit Sasse an der Spitze und tatkräftig unterstützt von dem jungen „national gesonnenen Historiker Dr. Gehling“, wie es in einem Memorandum aus dem Umfeld des ehemaligen SS-Spitzenfunktionärs Werner Best hieß. (Dessen Personalakte im AA ist übrigens nur noch ein Torso, sein Antrag auf „Wiederverwendung“ verschollen.)

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