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Asien und der Westen : „Nationalsozialismus war der Zwillingsbruder des Imperialismus“

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Der indische Essayist, Literaturkritiker und Schriftsteller Pankaj Mishra Bild: dpa

Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra über den Aufstieg Asiens, europäische Überlegenheitsgefühle und die Verklärung der Vergangenheit.

          5 Min.

          Wenn Menschen in Asien über den Westen nachdenken, welche historischen Ereignisse sind im kollektiven Gedächtnis gespeichert, die das Bild des Westens bestimmen?

          Es gibt eine Beziehung zwischen Teilen Asiens und manchen westlichen Staaten, die durch den Imperialismus geprägt ist. Da denkt man in erster Linie an Frankreich und Großbritannien mit ihren Kolonien. Aber es sind auch die Vereinigten Staaten mit ihrer militärischen Präsenz in großen Teilen Asiens. Das sind Tatsachen, an denen die Asiaten durch ihre nationalen Eliten, Politiker, Medien und Geschichtsbücher immer wieder erinnert werden. Das wiederholte Erinnern an das zugefügte Leid, die Ausbeutung und Demütigung ist gerade für asiatische Eliten sehr nützlich, um sich selbst zu legitimieren und ein nationalistisches Narrativ zu konstruieren. Weil diese Erinnerungen meist nicht den Alltag eines Asiaten bestimmen, werden sie künstlich am Leben gehalten.

          Die Form des Imperialismus, dessen Zeuge die Welt in den vergangenen Jahrhunderten wurde, scheint überwunden. Ist die Idee des Imperialismus gänzlich ausgestorben?

          Nein. Wenn wir noch weiter zurückgehen als die letzten beiden Jahrhunderte, sehen wir eine sehr alte Form des Imperialismus, die einen großen Teil der Menschheitsgeschichte abdeckt. Vordergründig ging es dabei um das territoriale Expansionsstreben oder um den Hoheitsanspruch einer Herrscherfamilie. Beispielhaft wäre da das Osmanische Reich, das Mogulreich, wenn man etwas weiter zurück möchte: das Persische Reich und das Römische Reich. Was wir dann im 19. Jahrhundert sehen, ist ein anderer Imperialismus. Es sind Nationalstaaten, die in fremde Länder einmarschieren und sie besetzen, um einen Vorsprung zu anderen Nationalstaaten aufzubauen, die dasselbe tun. Die jüngsten Formen des Imperialismus haben keine nationalen Zentren. Es gibt den Imperialismus des Kapitals. Wir sehen eine Wirtschaft, in der Produktion und Konsum eng miteinander verknüpft sind und die in alle noch so abgelegenen Ecken der Welt eindringt.

          Die Idee von der Überlegenheit bestimmter Völker, die Invasion und Besetzung von Territorien lässt sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg beobachten. Was war so anders am westlichen Imperialismus des 19. und 20. Jahrhunderts?

          Das war einfach der mächtigste Imperialismus der Menschheitsgeschichte, denn er wurde getragen von der industriellen und wissenschaftlichen Revolution. Die Mittel, die zur Verfügung standen, um ganze Gesellschaften zu erobern, waren unvergleichlich. Die Briten konnten beispielsweise Sklavenarbeiter vom afrikanischen Kontinent zur Karibik oder von Indien zum Pazifik transportieren. Dieses Ausmaß hatte die Welt noch nicht gesehen. Dieser Imperialismus war konzipiert worden, um Gewinne zu erzielen und nicht nur Territorien zu erweitern.

          Nach dem Ende des westlichen Imperialismus der Nationalstaaten kam der Aufstieg eines faschistisch-totalitären Nazi-Deutschlands. Könnte man die westlich-imperialistische Mentalität und den Kolonialismus als Geburtshelfer von Hitler bezeichnen?

          Der indische Widerstandskämpfer und der erste Ministerpräsident Indiens Jawaharlal Nehru vertrat die Meinung, dass der Nationalsozialismus der Zwillingsbruder des westlichen Imperialismus und des britischen Imperialismus war. Heute klingt das zwar für viele sehr hart, aber darin steckt viel Wahrheit. Was Deutschland oder auch Japan im frühen 20. Jahrhundert vorhatten, war, sich mit der Macht der Briten zu messen. Man wollte dem britischen Weg folgend, auch ihre Methoden anwenden. Das ist jetzt keine kontroverse Aussage. Zahlreiche asiatische Meinungsführer, aber auch eine Denkerin wie Hannah Arendt, vertraten eine ähnliche Meinung. Was die Nazis in Europa taten, taten die Briten außerhalb Europas. Und was die Japaner in Asien taten, taten die Briten und andere europäische Mächte in Asien. Daher kamen die Japaner auch sofort in Konflikt mit europäischen Mächten. Wir brauchen also ein differenziertes Verständnis des Nationalsozialismus und nicht allein die simple Sicht, dass die Nazis die Feinde der britischen oder angloamerikanischen liberalen Demokratien waren. Natürlich waren sie es, aber sie waren auch das Produkt eines bestimmten Strebens nach Wohlstand und Macht, das durch westliche Staaten im 19. Jahrhundert in dieser Form begonnen wurde.  

          Einen Überlegenheitsanspruch findet man in Europa auch heute noch. Dieser basiert hauptsächlich auf dem Zeitalter der Aufklärung. Sollte Europa auf ihre einzigartige Revolution des Denkens stolz sein?

          Natürlich sollten die Europäer stolz darauf sein, aber man wird dem Anspruch, ein Kind der Aufklärung zu sein, erst gerecht, wenn die Komplexität der Aufklärung verstanden wird. Sie war in der Tat ein vielschichtiges Phänomen, und nicht alle Konsequenzen der Aufklärung können als vorteilhaft bezeichnet werden. Betrachtet man allein zwei ihrer führenden Vordenker wie Voltaire und Rousseau, dann sieht man, dass sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Der Aufklärungsgedanke wurde durch die Französische Revolution verwirklicht. Wir wissen, dass sie ein traumatisches Ereignis war, denn es folgten Jahre über Jahre des Terrors. Nach der Revolution kam der französische Imperialismus, der große Teile Europas an sich riss. Lasst uns nicht Geschichte simplifizieren und in eine Karikatur verwandeln. Eine ganze Bandbreite deutscher Denker, unter ihnen Vertreter der Frankfurter Schule, sahen die Aufklärung als Urheber des Holocaust. Ohne mich dieser Argumentation anzuschließen, würde ich dazu auffordern, die Aufklärung differenzierter zu betrachten.

          Vielen asiatischen Staaten dienten westliche Länder lange Zeit als Vorbild und Maßstab in Wissenschaft, Politik und Kultur. War das ein Fehler?

          Ich denke, vielen Menschen in Asien ging es ums nackte Überleben. Es ging um die Frage, wie man mit dieser gewaltigen Macht des Westens umgeht. Für viele war die Imitation westlicher Methoden und Strategien die einzige Lösung. Man könnte also die Geschichte Asiens als großangelegten Prozess der Imitation des Westens definieren. In diesem Prozess hat man viele Verluste erlitten. Die Fixierung auf das Wirtschaftswachstum hat etwa die Umwelt zerstört. Wir sehen also in großen Teilen Asiens eine Wiederholung der tragischen europäischen Erfahrung des frühen 20. Jahrhunderts, wo Wirtschaftskrisen und politische Instabilität zum Aufstieg autoritärer Regime und einer militarisierten Stimmung führten.

          Es gibt Stimmen in Asien, die behaupten: Wir im Osten waren die ausgeruhten, friedlichen und spirituellen Menschen, bis der Westen kam und uns den Raubtierkapitalismus, die Hektik und den Materialismus brachte. Inwiefern ist das richtig oder falsch?

          Immer, wenn Menschen über die Vergangenheit sprechen, geschieht das, was wir an dieser Behauptung erkennen können. Das taten schon die deutschen Romantiker oder die anti-kolonialen Aktivisten Indiens. Sie tendierten dazu, die Vergangenheit zu romantisieren und zu idealisieren. Der industrielle Kapitalismus wurde überall als ein außergewöhnliches Phänomen wahrgenommen. Goethe etwa empfand das Geräusch einer Textilfabrik als sehr eigenartig und störend. Man kann durchaus festhalten, dass die industrielle Revolution einen neuen Lebensstil mit sich brachte, der die Menschen beschäftigter machte. Sie mussten härter arbeiten und hatten weniger Freizeit. Professionelle Arbeit ist zu einer viel wichtigeren Aktivität geworden, als sie es jemals zuvor war. Wenn man sich nicht den romantischen Vorstellungen über die Vergangenheit hingibt, sehen wir, dass die Menschen damals nicht weniger kriegerisch oder materialistisch waren. Es besteht aber kein Zweifel daran, dass die industrielle Revolution eine ganz neue Art des Lebens eingeleitet hat.

          In den letzten Jahrzehnten können wir einen Wiederaufstieg Asiens beobachten und davon ausgehen, dass sich die Weltordnung in den nächsten Jahrzehnten verändern wird. Wie sehen Sie die sich verändernden globalen Machtverhältnisse mit Hinblick auf einen Aufstieg Chinas und Indiens?

          Ich bin kein Anhänger der Mythen von einem aufstrebenden Indien oder China. Dieser Aufstieg ist relativ zu sehen. Beide Länder waren sehr mächtig im späten 18. Jahrhundert. Sie hatten einen großen Anteil an der Weltwirtschaft, eine große Bevölkerung und Zugriff auf gewaltige Ressourcen. Sie gewinnen ihren Platz, den sie einmal einnahmen, langsam wieder zurück. Das heißt aber nicht, dass sie in der Position wären, es mit der Macht der Vereinigten Staaten oder Europas aufzunehmen. Ich sehe für diese Staaten auch keine Zukunft, in der dieser Aufstieg, ohne von ihren unzähligen Problemen berührt zu werden, unaufhaltsam voranschreitet. Vor dem Hintergrund ihrer politischen, sozialen und ökologischen Probleme braucht es ein komplizierteres Narrativ. Sicherlich werden sich die Machtverhältnisse verschieben, weil sich einige westliche Staaten schwach entwickeln. Sie stehen vor einer demografischen Herausforderung und der Tatsache, dass ihre Märkte im Gegensatz zu Indien und China schrumpfen. Trotzdem haben diese beiden Länder noch einen langen Weg vor sich, um westliche Lebensstandards zu erreichen. Die Frage ist natürlich, ob sie es jemals schaffen werden.

          Pankaj Mishra, geboren 1969 in Nordindien, schreibt seit mehr als zehn Jahren regelmäßig für die „New York Review of Books“, den „New Yorker“ und den „Guardian“ über den indischen Subkontinent, über Afghanistan und China. Er war u.a. Gastprofessor am Wellesley College und am University College London. Für sein Buch „Aus den Ruinen des Empires“, erhielt er 2014 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Er lebt abwechselnd in London und in Mashobra, einem Dorf am Rande des Himalaya.

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