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Der Preis des Palmöls : Verbrannte Erde

Für die riesigen Palmölgebiete in Indonesien wird uralter Regenwald gerodet. Bild: interTOPICS /Gethin Chamberlain

Jedes zweite Produkt in unseren Supermärkten enthält Palmöl. Auf den Verpackungen steht meistens, es sei nachhaltig produziert. Stimmt das?

          6 Min.

          Palmfrüchte haben ungefähr die Größe von Pflaumen, sind aber kleiner und härter. Die Farbe der dünnen Schale fließt von Dunkelrot am Stiel über in knalliges Hellrot, dann in Orange, bis sie schließlich in sattem Gelb endet. Unter der Haut liegt das rötliche Fleisch. Es hinterlässt einen Film an den Fingern, als hätte man ein Stück Butter angefasst. In der Mitte steckt ein grauer, fettiger Kern.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Aus Palmfrüchten wird Öl gewonnen. Das landet in Brotaufstrichen, in Fertigpizzas, in Lippenstiften und Waschmittel. Jedes zweite Produkt in unseren Supermärkten enthält Palmöl. Die Palmenart Elaeis guineensis, von der das Öl kommt, stammt ursprünglich aus Afrika. Doch ein Großteil des weltweiten Anbaus liegt in den südostasiatischen Ländern. Fast die Hälfte des Öls wird allein von Indonesien produziert, 70 Prozent davon geht in den Export, auch nach Europa.

          Kilometer um Kilometer reiht sich in Indonesien eine Palme an die andere. Die vielgliedrigen Blätter hängen herab oder ragen hinauf wie ein wild zerzauster Haarschopf. Für die riesigen Palmölgebiete wird uralter Regenwald gerodet, werden ökologisch wertvolle Torfmoorwälder trockengelegt und ganze Landstriche verbrannt. Brandrodung ist die billigste Art, um Land für neue Palmen frei zu machen.

          Besonders stark wüteten die Flammen im vergangenen Jahr auf den Inseln Sumatra und Borneo. Es gab dort zeitweise mehr als 100.000 Brände. Angeheizt vom Wetterphänomen El Niño, verdeckte Rauch monatelang die Sonne. Indonesiens CO2-Emissionen übertrafen teilweise die der gesamten Industrie der Vereinigten Staaten. Eine halbe Million Menschen ließ sich mit Atemwegserkrankungen im Krankenhaus behandeln. Manche Beobachter bezeichneten die Brände als die bisher größte Ökokatastrophe des 21. Jahrhunderts. Der Chef des indonesischen Katastrophenschutzes sprach von einem „Verbrechen gegen die Menschheit“. Seltene Tiere wie Orang-Utans, Gibbons und Malaienbären kamen in den Flammen um.

          Illegale Brandrodung

          Seit Jahrzehnten wird indonesischer Regenwald im Namen der Landwirtschaft zerstört. Legal, durch Abholzung, aber auch illegal, etwa in Naturschutzgebieten. In den Jahren 2000 bis 2012 soll das Land sechs Millionen Hektar Wald verloren haben, pro Jahr sind es derzeit wohl zwischen 600.000 und 800.000. Rund Zweidrittel aller an Land lebenden Tierarten sollen in diesen Wäldern vorkommen, viele davon sind vom Aussterben bedroht. Illegal ist auch die Brandrodung. Trotzdem werden viele Waldgebiete dadurch für die landwirtschaftliche Nutzung frei gemacht. Auch auf Feldern einiger der großen Palmölfirmen. Das hindert einige der Unternehmen nicht daran, ihr Palmöl als „nachhaltig“ zu bezeichnen.

          Wir reisen auf die Insel Borneo, in die indonesische Provinz Zentralkalimantan, um uns ein Bild zu machen. Die Regionalregierung hatte hier bei elf Unternehmen Brände festgestellt. Auch nach Recherchen der Umweltorganisation „Friends of the Earth“ brannte es auf den Konzessionen von Palmölunternehmen. Sie sollen der Firma Wilmar International gehören sowie Bumitama Agri, einem Zulieferer von Wilmar.

          Das Unternehmen Wilmar mit Sitz in Singapur ist der größte Palmölhändler der Welt. Es gehört mehrheitlich dem 92 Jahre alten Unternehmer Robert Kuok, dem früheren „Zuckerkönig“ Südostasiens, Gründer der „Shangri-La“-Hotelkette und reichsten Mann Malaysias. Wilmar hatte sich schon im Jahr 2013 selbst verordnet, keine Regenwälder und Torfmoore mehr zu zerstören. Die Firma ist auch Teilnehmer am „Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl“, kurz RSPO, dessen Mitglieder sich auf gewisse Standards verpflichtet haben, um die Zerstörung von Wäldern und Brandrodung zu verhindern und die Achtung der Menschenrechte von Anwohnern und Arbeitern zu gewährleisten.

          Fragwürdige Praktiken

          Das Unternehmen sagt, von seinen Plantagen seien etwa 60 Prozent RSPO-zertifiziert. Die mit dem entsprechenden Siegel versehenen Palmölprodukte landen auch auf dem europäischen Markt. Allerdings taucht der Name Wilmar immer wieder auf, wenn fragwürdige Praktiken in dem Industriezweig aufgedeckt werden. So wie in dem Bericht von „Friends of the Earth“. Laut der indonesischen Gesetze und den Regeln des RSPO ist die Brandrodung strikt verboten, selbst wenn es sich um ein legales Anbaugebiet handelt.

          Einer der Aktivisten, der dem Unternehmen auf die Schliche gekommen ist, heißt Tri Kusuma Atmaja. Er bringt uns zu einer der Plantagen im Süden von Zentralkalimantan. Die schiere Größe der Felder ist überwältigend. Die Plantage wirkt wie ein riesengroßes Schachbrettfeld, in dem die Palmenreihen von endlosen Sandstraßen durchkreuzt werden. Insgesamt sollen schon 150.000 Hektar bepflanzt sein, das ist etwa zweimal die Fläche von Hamburg. Man kann hier stundenlang umherfahren, ohne etwas anderes zu Gesicht zu bekommen als Ölpalmen.

          Ein Mitstreiter von Tri Kusuma Atmaja fährt das Auto, mit dem wir uns an den Wachposten vorbeischummeln, die am Eingang zu der Plantage aufpassen. Eine Genehmigung zum Besuch der Wilmar-Plantage haben wir nicht. Tri Kusuma Atmaja hat uns eingetrichtert, dass wir den Wächtern sagen sollen, wir besuchten nur Verwandte. Doch wir haben Glück, keiner stellt Fragen. Allerdings verfährt sich der Mitstreiter zunächst einmal kräftig in dem unübersichtlichen Gelände. Schließlich sieht jede Ecke wie die andere aus.

          Ein Sumatratiger in Indonesien: Illegale Waldrodungen gefährden seltene Tierarten.

          Wir haben genug Zeit, um uns umzugucken. Am Wegesrand liegen die etwa fußballgroßen Bündel von Früchten, die Arbeiter gerade erst von den Palmen geschnitten haben. Sie werden von gelben Lastwagen eingesammelt, die über die sandigen Pisten ruckeln. Die Transporter bringen die Früchte in eine der großen Palmölmühlen. Die stehen an verschiedenen Plätzen innerhalb der Plantage und pressen nahezu rund um die Uhr das Rohöl aus den Früchten. Alle paar Kilometer erscheint ein Schild, das den Namen des Subunternehmens angibt, welches die jeweiligen Felder im Auftrag von Wilmar betreibt.

          Kahle Flächen und schwarze Brandreste

          Nach rund zwei Stunden findet Tri Kusuma Atmaja mit Hilfe seines GPS-Geräts endlich das Ziel. Das Konzessionsgebiet ist mit dem Namen Sarana Titian Permata ausgeschildert. Das Brandgebiet, das wir uns beispielhaft für die vielen anderen anschauen wollen, liegt am Rand der Konzession, die insgesamt rund 20.000 Hektar groß ist. Dort, wo im vergangenen Jahr das Feuer tobte, erstreckt sich eine weitgehend kahle Fläche, ein paar hundert Meter breit und ein paar hundert Meter lang. Nur ein einsamer, dünner Baum reckt seine schmale Krone in die Höhe. Teilweise ist die Erde unter dem nachgewachsenen Gras noch mit schwarzen Brandresten bedeckt. Im Hintergrund staken einige dünne Stämme aus dem Boden. Sie sind vom Feuer schwarz gefärbt und sehen aus wie verbrannte Streichhölzer. In der Ferne ragen weitere bizarr gekrümmte Bäume empor. Doch sie tragen Laub, und unter ihnen wachsen grüne Büsche. Dort ist der Wald offenbar noch intakt.

          Wir fragen Tri Kusuma Atmaja, ob er Beweise habe, dass es hier tatsächlich im vergangenen Jahr Brandrodungen gegeben hatte. Der Umweltschützer berichtet, wie er die Satellitenbilder, auf denen die Brände zu sehen waren, per Computer auf eine Karte mit den Grenzen der Palmölkonzessionen gelegt habe. Er habe die Hinweise dann vor Ort nachgeprüft und mit Fotos und GPS-Koordinaten festgehalten. Insgesamt konnte er 14 Brandherde auf dem Gebiet entdecken.

          „High Conservation Value“

          Auffällig ist, dass an dem Ort, wo wir stehen, ein Teil der Konzession betroffen ist, an dem bisher noch keine Palmen gepflanzt waren. Der Verdacht liegt daher nahe, dass mit dem Feuer Fläche für den Palmölanbau erschlossen werden sollte. Der Umweltschützer zeigt außerdem auf ein Areal, das mit einem Schild als besonders schützenswert ausgezeichnet ist. Nach den Regeln des RSPO dürfen auf solchen „High Conservation Value“-Gebieten keine Palmen gepflanzt werden. Auch dieses Gebiet wurde durch den Brand zerstört. Die Ölpalmen dahinter sind wie durch ein Wunder dem Feuer entgangen. Als wir uns davonmachen wollen, verfahren wir uns noch einmal in der Eintönigkeit der Palmölfelder. Dann löst sich Regen aus den dunklen Wolken am Himmel. Binnen weniger Minuten sind die Sandwege in den Palmölplantagen voller Wasser. Die Monokultur begünstigt Überschwemmungen, die in vielen Anbaugebieten in den vergangenen Jahren stark zugenommen haben.

          In einer Antwort auf die Vorwürfe von „Friends of the Earth“ reagiert die Firma Wilmar mit Ausflüchten. Auf dem geschützten Gebiet sollten keine Palmen gepflanzt werden. Das Feuer habe außerhalb der Konzession angefangen und sei wegen starker Winde auf das Gebiet herübergewandert, teilte das Unternehmen mit. Die Kleinbauern in der Umgebung rodeten außerdem traditionell Flächen mit Feuer. Es sei daher nicht nachzuweisen, wer den Brand gelegt habe.

          Ein Zertifikat ist keine Garantie

          Die Umweltschützer von „Friends of the Earth“ verweisen darauf, dass die Konzessionsbesitzer gesetzlich für ein Feuer auf ihrem Gebiet Verantwortung tragen, egal wer es ausgelöst habe. Da die Plantage seit November 2012 RSPO-zertifiziert ist, konfrontieren wir auch das Indonesien-Büro des „Runden Tischs“ in Jakarta mit den Recherchen der Umweltorganisation. Zunächst geht es in dem Gespräch um die allgemeine Funktion des Zertifizierungssystems, das auch vom WWF und von Greenpeace unterstützt wird. Es stelle sicher, dass der Prozess der Palmölproduktion den Standards der Nachhaltigkeit entspricht, sagt die für Indonesien zuständige RSPO-Direktorin Tiur Rumondang. Dann wiegelt sie ab und sagt, dass sie mit dem Fall, den wir ansprechen, nicht vertraut sei. Doch Verstöße könnten über ein Beschwerdesystem dem „Runden Tisch“ jederzeit gemeldet werden. Bei nachgewiesenem Fehlverhalten könnte Mitgliedern sogar der Ausschluss drohen. Allerdings sei es sehr schwierig, eine Schuld nachzuweisen, gibt die Direktorin zu. Die Frage, ob denn gegen RSPO-Mitglieder wegen der Feuer im vergangenen Jahr ermittelt werde, bejaht die Direktorin. Zwei Mitgliedsfirmen seien davon betroffen. Um welche Unternehmen es sich handelt und ob auch Wilmar dabei ist, möchte die RSPO-Repräsentantin aber nicht sagen, weil das Verfahren noch laufe.

          Umweltschützer verweisen darauf, dass der RSPO im Umgang mit Beschwerden meist nur sehr zögerlich agiere. Und so bleibt es undurchsichtig, inwieweit die Standards in der Praxis auch wirklich eingehalten werden. Kritiker werfen dem „Runden Tisch“ vor, „greenwashing“ zu betreiben. Schließlich lassen Unternehmen wie Wilmar auch nur einen Teil ihrer Produktion zertifizieren. So können sie an anderen Orten ungehindert weiter gegen die Standards verstoßen. Eine Garantie dafür, dass für das Palmöl keine geschützte Natur zerstört und kein Feuer gelegt wurde, gibt also auch die Zertifizierung nicht.

          Einige Zeit nach unserem Besuch auf der Palmölplantage werden die ersten Brände des Jahres aus Indonesien gemeldet.

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