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Pakistan : Pakistans gefährlicher Niedergang

Ein weiterer Bombenanschlag bei Peschawar: Weit und breit ist in Pakistan niemand in Sicht, an den sich noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft knüpfen ließe. Bild: dapd

Pakistan nähert sich dem Abgrund. Sein Potential, den Weltfrieden zu gefährden, ist groß - und das Engagement der internationalen Gemeinschaft dennoch gering.

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          Schon einige Zeit heißt es in westlichen Hauptstädten, die wahre Gefahr gehe nicht von Afghanistan aus, sondern von Pakistan. Dies hat mit der Größe des Landes zu tun, mit seiner strategischen Lage im Schnittfeld aller Regionalmächte, nicht zuletzt mit seinen Atomwaffen. Pakistan ist zugleich Schauplatz rivalisierender Länderinteressen und Quelle der beiden Hauptbedrohungen: des Exports islamischen Extremismus und Terrorismus sowie der Verbreitung nuklearer Massenvernichtungswaffen.

          Gemessen an Pakistans Potential, den Weltfrieden zu gefährden, ist das Engagement der internationalen Gemeinschaft dennoch gering. Ein gesichtswahrender Truppenabzug aus Afghanistan und das iranische Atomprogramm scheinen zurzeit mehr diplomatische Energien zu absorbieren als das Ziel, die zweitgrößte islamische Nation der Welt zu stabilisieren oder zumindest einen Absturz ins Chaos zu verhindern.

          Gründe dafür sind Ratlosigkeit und eingefahrene Denkmuster. In den vergangenen Jahrzehnten, in denen sich demokratisch gewählte Politiker und Militärdiktatoren an der Macht abwechselten, hat sich das Land politisch desintegriert und moralisch auf einen Tiefpunkt zubewegt. Der Übergang von General Musharraf zum Zivilisten Zardari endete in fast finaler Desillusionierung. Nach zwei Jahren ist weit und breit niemand in Sicht, an den sich noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft knüpfen ließe.

          Pakistans Doppelmoral droht zur Konstante zu werden

          Die Versuche, mit jenen Repräsentanten ins Geschäft zu kommen, die das Land nun einmal hat, mündeten stets in Enttäuschung. Die Regierung, die sich als Verbündeter im Kampf gegen den Terrorismus präsentiert und sich das teuer bezahlen lässt, wird von einer Partei mitgetragen, die unter Extremisten als zentrale Anlaufstelle gilt.

          Die Armee, die im Ausland noch immer viel zu sehr als Gralshüter des Säkularismus wahrgenommen wird, registriert in ihren eigenen Reihen wachsende Sympathien für einen islamistischen Umsturz. Pakistans „Doppelmoral“, über die der britische Premierminister Cameron klagte, droht zur traurigen Konstante zu werden.

          Es wundert daher nicht, dass der Gedanke, das Land - am besten die ganze bankrotte Region - sich selbst zu überlassen, immer verführerischer wird. Bislang sind es vor allem die Vereinigten Staaten, die daran erinnern, dass eine Abwendung verantwortungslos wäre. Verzweifelt versucht Washington, in Pakistan das Schlimmste zu verhindern: mit massiver Diplomatie, mit Drohnenangriffen auf Talibanverstecke, mit enormer Finanzhilfe.

          Von Erfolg mag man nicht sprechen. Der islamistische Aufstand dehnt sich aus; allein seit Anfang des Monats sind weit mehr als hundert Menschen bei Selbstmordanschlägen ums Leben gekommen. Das Hochwasser hat die ohnehin schwache Wirtschaft um Jahre zurückgeworfen und den Unmut im Volk weiter wachsen lassen. Wieder wird über einen Machtwechsel spekuliert, andere befürchten ein Abgleiten in Anarchie.

          Der Zerfall hat ein Ausmaß erreicht, das frische Anstrengungen notwendig macht. An deren Anfang muss die Erkenntnis stehen, dass der Fall Pakistan die Grenzen westlicher, sprich: amerikanischer Macht aufzeigt. Pakistans gefährlicher Niedergang lässt sich nicht allein der korrupten Elite und den Extremisten anlasten - es sind auch externe Interessen und Aktivitäten, die den Druck im Kessel steigen lassen.

          Unsere Freiheit wird erst recht in Pakistan verteidigt

          China versucht auf pakistanischem Boden eines seiner zentralen geostrategischen Projekte zu verwirklichen und einen Landweg bis zum Hafen Gwadar am arabischen Meer zu schaffen. Dies weckt Ängste und Begehrlichkeiten bei den Anrainern, die Einfluss in Pakistan nehmen. Saudi-Arabien, das die Islamisierung in aller Welt vorantreibt, finanziert auch in Pakistan eine wahhabitische Bildungsrevolution, die den liberaleren Sufismus immer weiter zurückdrängt.

          Der so genährte sunnitische Extremismus richtet sich nicht zuletzt gegen die Schiiten im Land, die wiederum von Iran unterstützt werden. Und Indien, hält die Pakistaner nach wie vor in einem mentalen Belagerungszustand - mit militärischen Machtdemonstrationen in Kaschmir, mit neuen Dammbauten, die auf der anderen Seite der Grenze als Angriff auf die Wasserversorgung gesehen werden.

          Die komplexe Struktur der Pakistan-Krise verlangt nach einem regionalen Ansatz. Die Verschwörungstheoretiker in Islamabad mögen es anders sehen, aber die wenigsten Staaten haben Interesse an einem scheiternden Pakistan. Sie auf eine gemeinsame Linie gegenüber Islamabad einzuschwören ist womöglich der letzte Ausweg, die Lage zu entschärfen.

          Im Rahmen dieser Kraftanstrengung, die schon bei der Londoner Afghanistan-Konferenz erörtert wurde, fällt auch Europa eine Rolle zu. Anders als die Vereinigten Staaten, die in Pakistan verhasst sind und von den Nachbarn mit Misstrauen beäugt werden, genießt Europa den Ruf relativer Neutralität. Zwar fehlt ihm militärisches Drohpotential und damit unmittelbarer Einfluss, aber sein mehr auf Einbindung zielender Politikstil würde es erlauben, in der Region zu vermitteln. Wenn es stimmt, dass unsere Sicherheit in Afghanistan verteidigt wird, dann gilt das erst recht in Pakistan.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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