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Pakistan : Die Terrorpaten

Abottabad Bild: dpa

In Pakistan ist der islamische Extremismus auf dem Vormarsch. Präsident Obamas „Operation Geronimo“ hat Pakistans Doppelmoral bloßgestellt. Doch abwenden darf man sich von dem Land nicht.

          3 Min.

          Pakistan ist ein morsches, wenn nicht gar zerfallendes Staatswesen, das nur noch von zwei giftigen Klammern zusammengehalten wird: von einem islamistisch unterfütterten Antiamerikanismus und einer überdehnten, aus der Kontrolle geratenen Armee. Die Doppelzüngigkeit Pakistans, was die Haltung zum militanten und terroristischen Islamismus anbelangt, spiegelt ja nicht nur verkommene Sitten wieder, sondern ist auch Ausdruck auseinanderlaufender Interessen innerhalb des Staates. Während ein Teil des Militärs, des Geheimdienstes ISI und der Politik den Extremismus mittlerweile als Bedrohung wahrnimmt und auch verfolgt, hält ein anderer Teil weiterhin seine schützende Hand über ihn.

          Beide Strömungen haben ihre „Erfolge“ vorzuweisen. Im Kampf gegen die pakistanischen Taliban und ihre transnationalen Gesinnungsgenossen wurden Gebiete freigekämpft und mehrere Extremisten ausgeschaltet, von Khalid Sheik Mohammed, dem Planer der Anschläge vom „11. September“, im Jahr 2002 bis Umar Patek im vergangenen Januar. An die fünftausend getötete Sicherheitskräfte in den vergangenen zehn Jahren zeugen von den Einsätzen.

          Gleichwohl gab es immer Grenzen. Einflussreiche Kreise wissen bis heute zu verhindern, dass ein international gesuchter Terrorist wie Hafis Said eingesperrt oder dass das Planungsnest der afghanischen Talibanführung in Quetta oder Karachi ausgehoben wird. Dieselben Kreise werden auch dafür gesorgt haben, dass sich Usama Bin Ladin so lange im Garnisonsstädtchen Abbottabad versteckt halten konnte.

          Die „Operation Geronimo“ hat Pakistans Doppelmoral bloßgestellt

          Die uniformierten und zivil gewandeten Paten der Terroristen handeln aus Sympathie, aber mehr noch aus politischem Kalkül. Solange der Extremismus im Land blüht, bleibt Pakistan im politischen Geschäft. Die zehn Milliarden Dollar, die in den vergangenen Jahren aus Amerika geflossen sind, der Strom an ranghohen Besuchern, also die ganze internationale Aufmerksamkeit hat Islamabad - neben seinem Atomwaffenarsenal - dem ungelösten Extremismusproblem zu verdanken. Armee und Geheimdienst seien im „Bin-Ladin-Such-Geschäft“ tätig gewesen, schrieb der Al-Qaida-Fachmann Lawrence Wright neulich in der Zeitschrift „New Yorker“. Hätten sie den Al Qaida-Anführer gefunden, „wären sie raus aus dem Geschäft gewesen.“

          Nun hat Präsident Obamas kühne „Operation Geronimo“ Pakistans Doppelmoral bloßgestellt. Ob dies etwas ändern wird, ist zweifelhaft. Das Land steht ja nicht zum ersten Mal im Sturm der internationalen Entrüstung. Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass der pakistanische Nationalheld Abdul Qadir Khan atomwaffentaugliche Komponenten an Länder wie Iran und Libyen verkauft hatte, drang die internationale Gemeinschaft schon einmal auf Aufklärung und verlangte Konsequenzen. Doch nichts geschah. Nach einer Schamfrist wurde Khan aus dem Hausarrest entlassen; bis heute ersucht die Internationale Atomenergiebehörde vergeblich um ein Gespräch mit ihm.

          Pakistans dunklem Treiben ist nicht leicht beizukommen, was unterstreicht, wie wichtig das westliche Engagement in der Region geblieben ist. Denn ohne die Präsenz des Westens in Afghanistan, von wo aus die amerikanischen Hubschrauber gestartet waren, wäre Bin Ladin kaum erledigt worden. Gleiches gilt für die Drohnenangriffe der Vereinigten Staaten auf Verstecke in den Stammesgebieten, die den Extremisten empfindliche Verluste zufügen. Auch geheimdienstliche Recherchen über die Sicherheit der pakistanischen Atomwaffen und nukleare Schwarzmarktaktivitäten wären schwer möglich, gäbe es nicht eine breite logistische Basis in der Region.

          Minderwertigkeitsgefühl wird mit Aggressionen gegen die Moderne aufgeladen

          Der Gedanke, der unwirtlichen Gegend einfach den Rücken zu kehren und sie in ihrem Schlamassel versinken zu lassen, mag nach dem Tod Bin Ladins noch verführerischer klingen. Leider bleibt er kurzsichtig. Erst jetzt, zehn lange Jahre nach dem Beginn des jüngsten Afghanistankrieges, gerät die eigentliche Bedrohung in den Blick. Während der islamische Extremismus in anderen Teilen der muslimischen Welt offenbar an Attraktivität zu verlieren scheint, ist er in Pakistan weiter auf dem Vormarsch.

          Dafür gibt es viele Gründe: vom fehlgeleiteten Bildungssystem bis hin zur anachronistischen Feudalstruktur, welche den Menschen ihre Entwicklungschancen nimmt. Die Idee der Demokratie, von der sich die Rebellion in der arabischen Welt beflügeln lässt, ist von den korrupten und unfähigen Zivilregierungen in Islamabad ihres Zaubers beraubt worden. Die Pakistaner fühlen sich vom Aufbruch in anderen Teilen der Welt ausgeschlossen und laden ihr wachsendes Minderwertigkeitsgefühl mit Aggressionen gegen die Moderne auf.

          Pakistan ist, so gesehen, ein trauriger Sonderfall. Aber mit seinen 180 Millionen Menschen, der fünftgrößten Armee der Welt und seinem - wachsenden - Nuklearwaffenarsenal kann das Land nicht sich selbst überlassen werden. Das gilt auch nach Abbottabad.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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