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Päderasten in Priesterkleidung : Von Brüdern und Komplizen

Auch in Deutschland konnten Päderasten in Priesterkleidung zum Teil jahrelang unbehelligt ihren Neigungen frönen. Das Ausmaß sexueller Übergriffe des Klerus in Deutschland wird sich nicht aufklären lassen.

          Annähernd ein Jahr ist vergangen, seit mit dem Bekanntwerden sexueller Übergriffe einiger Jesuiten auf Schüler des Berliner Canisius-Kollegs die katholische Kirche auch in Deutschland von einer der dunkelsten Seiten ihrer Geschichte eingeholt wurde. Was lange Zeit als spezifisches Problem der katholischen Kirche in Kanada und in den Vereinigten Staaten wahrgenommen und nicht einmal unter dem Eindruck der schockierenden Berichte über perverse Umtriebe von Geistlichen in Irland für die deutschen Bischöfe zum Thema geworden war, das wurde nun fast über Nacht zur Gewissheit: Auch in Deutschland konnten Päderasten in Priesterkleidung zum Teil jahrelang unbehelligt ihren Neigungen frönen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Sicher, immer wieder waren in den zurückliegenden Jahrzehnten Geistliche wegen Pädophilie oder Übergriffen auf Jugendliche oder Schutzbefohlene auffällig worden. Manchen wurde unter großer öffentlicher Anteilnahme der Prozess gemacht. Andere waren über Nacht verschwunden. Doch wie es wirklich um das Hellfeld und mutmaßlich um das Dunkelfeld stand, das wollten die deutschen Bischöfe selbst dann noch nicht wissen, als sie im Herbst 2002 als erste Institution in Deutschland verbindliche Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs in Kraft setzten.

          Weder trug man zusammen oder ließ zusammentragen, was in den vergangenen Jahrzehnten über sexuelle Vergehen von Geistlichen an Kindern und Jugendlichen bekanntgeworden war, noch glaubte man sich der Mühe unterziehen zu müssen, in Personalabteilungen und Archiven nachzuforschen, was womöglich nie ans Tageslicht gekommen war. Warum an längst vernarbte Wunden rühren, wenn es anscheinend nicht einmal Opfer gab, die Gehör verlangten? In der Tat: Wer die erste Missbrauchsdebatte in Deutschland im Sommer und Herbst 2002 verfolgte, der konnte am Ende des Jahres zu dem Schluss kommen, dass alles gesagt worden sei, was je zu sagen war.

          Acht Jahre später wissen auch die Bischöfe, dass sie 2002 das Ausmaß sexueller Übergriffe in den zurückliegenden Jahrzehnten unterschätzt haben. Viele Opfer fanden unter dem Eindruck der Enthüllungen über das Canisius-Kolleg ihre Sprache wieder, manche nach Jahren, andere nach Jahrzehnten. Doch wo waren oder sind die Täter? Sind die Verhältnisse in Deutschland womöglich mit jenen in den Vereinigten Staaten vergleichbar, wo sich nach einer Untersuchung des ebenso unabhängigen wie renommierten John Jay College of Criminal Justice zwischen vier und sechs Prozent der Priester als Päderasten erwiesen hatten? Oder konnte und kann man in Deutschland dank strengerer Auswahlkriterien und besserer Ausbildung von einer geringeren Quote ausgehen?

          Eine umfassende Antwort auf diese Fragen wollten und wollen die Bischöfe unter Führung des Freiburger Erzbischofs Zollitsch bis heute nicht haben. Eher ließen sie wilde Spekulationen über das Ausmaß der sexuellen Perversionen im Klerus ins Kraut schießen als dass sie ihr eigenes Tun und Lassen umgehend von einer unabhängigen Instanz überprüfen ließen. Und das wohl nicht ohne Grund. Jede Untersuchung nach Art des Berichts des John Jay College aus dem Jahr 2004 über "Art und Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Priester und Diakone in den Vereinigten Staaten" hätte die Amtsführung von Kardinälen und Bischöfen und die Arbeit von Generalvikaren, Personalchefs, Ausbildungsverantwortlichen und Archivaren zum Gegenstand gehabt - und damit ein Arkanum der Kirche nachträglich einer Kontrolle unterworfen.

          War Zollitsch nicht annähernd zwanzig Jahre lang Personalchef einer der größten deutschen Diözesen gewesen? Wie viele Bischöfe waren einst als Generalvikare für die Bistumsverwaltung verantwortlich gewesen, wie viele hatten nicht in gutem oder weniger gutem Glauben schon einmal einen Priester aus einer anderen Diözese aufgenommen?

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