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OSZE-Beobachter in Berlin gelandet : Glücklich, aber erschöpft

  • Aktualisiert am

Verteidigungsministerin von der Leyen empfängt Oberst Axel Schneider am Samstagabend auf dem Flughafen Berlin-Tegel Bild: AFP

Nach über einer Woche in der Gewalt prorussischer Separatisten sind die entführten Militärinspekteure in Berlin gelandet. Der deutsche Leiter des Teams, Oberst Axel Schneider, berichtete von einer „ständig steigenden Bedrohung“ für die Inspekteure.

          Die Maschine mit den in der Ukraine freigelassenen OSZE-Militärbeobachtern ist am Samstagabend in Berlin gelandet. Prorussische Separatisten hatten die seit gut einer Woche festgehaltenen Beobachter am Samstag freigelassen, unter ihnen auch drei Bundeswehrsoldaten und ein Dolmetscher aus Deutschland.

          Der Leiter der befreiten OSZE-Inspekteure, der deutsche Oberst Axel Schneider, hat sich erleichtert über das Ende der Geiselnahme in der Ostukraine geäußert. „Von uns fällt im Moment ein beträchtlicher Druck“, sagte Schneider am Samstag in Kiew. „Die Anspannung war enorm“, berichtete er in einer vom Verteidigungsministerium verbreiteten Erklärung. „Wir sind sehr froh, sehr glücklich, aber auch beträchtlich erschöpft.“

          Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen begrüßte die sieben Beobachter aus Deutschland und anderen europäischen Staaten beim Ausstieg auf dem Rollfeld. Von der Leyen sagte, sie sei „erfüllt von großer Erleichterung“, dass die Mitglieder des OSZE-Teams unversehrt und wohlbehalten zurückgekehrt  seien. Sie äußerte ihre „tiefe Dankbarkeit“ für die internationale  Zusammenarbeit, die zu der Freilassung geführt habe.

          Schneider berichtete, in den vergangenen Tagen habe es für das OSZE-Team eine „ständig steigende Bedrohung“ gegeben. Nach Beginn der Offensive von Regierungseinheiten gegen die prorussischen Separatisten „kam sprichwörtlich das Feuer von Handwaffen und von Artillerie immer näher. Und wir waren hier zur Untätigkeit verurteilt“. Der Zusammenhalt im OSZE-Team sei „ausgesprochen diszipliniert“ gewesen. „Das hat uns durch die Tage gebracht.“ Nach ihrem Eintreffen in Berlin stiegen die befreiten  Militärbeobachter in einen Bus, um ihre Familien zu treffen.

          Wieder in Deutschland: Oberst Axel Schneider am Samstagabend bei der Landung in Berlin

          Prorussische Separatisten in Slawjansk hatten das OSZE-Team, darunter vier Deutsche, acht Tage lang in ihrer Gewalt. Am Samstag wurden die Militärbeobachter dem russischen Sondergesandten Wladimir Lukin übergeben. An einem Kontrollposten bei Slawjansk kamen sie in die Obhut des Generalsekretärs des Europarats, Thorbjørn Jagland. Jagland hatte den ehemaligen Menschenrechtsbeauftragten des russischen Präsidenten Wladimir Lukin vor einer Woche gebeten, bei der Vermittlung zur Befreiung der Militärbeobachter behilflich zu sein. Das sagte Jaglands Sprecher Daniel Höltgen der F.A.Z. Jagland vertraue Lukin, mit dem er im Rahmen des Europarates mehrfach zusammengearbeitet habe. Der inzwischen pensionierte Menschenrechtsbeauftragte habe sogleich eingewilligt, sich mit seinen Kontakten für die Geiseln in der Stadt Slawjansk einzusetzen.

          Am Freitagabend seien beide nach Donezk gereist und hätten sich mit den örtlichen Behörden in Verbindung gesetzt. Am Samstagmorgen seien sie dann zum letzten sicheren Stützpunkt vor der umkämpften Stadt gefahren. Dort hätten Jagland, seine Mitarbeiter sowie ein Krisenbeauftragter des Auswärtigen Amtes gewartet, während Lukin in die Stadt gebracht wurde, um dort die Verhandlungen zu führen.

          EU-Parlamentspräsident will Dialog fortsetzen

          Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte am Samstag in Berlin, er sei besonders froh, dass auch die fünf ukrainischen Begleiter der Militärbeobachter freigelassen wurden. Der russische Außenminister Sergej Lawrow lobte die Separatisten für die Freilassung der OSZE-Beobachter. Dies zeige die „Tapferkeit und den Humanismus“ der Verteidiger von Slawjansk, sagte Lawrow. Auch der amerikanische Außenminister John Kerry begrüßte die Freilassung der OSZE-Beobachter, mahnte aber weitere Schritte zur Deeskalation der Lage in der Ukraine an. In einem Telefonat habe er Lawrow gesagt, der Schlüssel sei,dass Russland den prorussischen Separatisten die Unterstützung entziehe.

          EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) bezeichnete die Freilassung der OSZE-Beobachter als erstes Hoffnungssignal für eine mögliche Entspannung der Lage. Er appellierte bei einem Wahlkampfauftritt für die Europawahl in Wismar an alle Beteiligten, jetzt den Dialog auf allen Kanälen fortzusetzen und zu intensivieren. Gemeinsame Interessen müssten herausgearbeitet werden, um zu einer Reduzierung der Spannungen und zu einer diplomatischen Lösung zu kommen. Schulz mahnte, harte Sanktionen gegen Russland würden auch Auswirkungen auf Westeuropa haben.

          Bei der Freilassung: Delegationsleiter Axel Schneider (zweiter von links), weitere Geiseln und der russische Unterhändler Wladimir Lukin (links)

          Auch der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte, die Androhung von Sanktionen bewirke nichts. „Ständiger Dialog und direkte Gespräche auf gleicher Augenhöhe sind der Schlüssel zur Lösung des Ukraine-Konflikts.“ Schröders Büro bestätigte der Nachrichtenagentur dpa zudem, dass er mit dem russischen Präsidenten Putin bei ihrem umstrittenen Treffen am 28. April über die Lage der OSZE-Militärbeobachter gesprochen habe.

          Moskau fordert „edle Geste“ Kiews

          Russland rief die Führung in Kiew nach der Freilassung zu einer Unterbrechung des „Anti-Terror-Einsatzes“ gegen moskautreue Separatisten auf. „Die Volkswehr hat die Männer nicht gegen inhaftierte Gesinnungsgenossen ausgetauscht, sondern sie als Geste freigelassen“, sagte der russische Sondergesandte Lukin. „Ich hoffe, dass diesem freiwilligen Schritt als Antwort eine ebenso edle Geste folgt. Wünschenswert wären das Einstellen der Kriegshandlungen und ein Dialog“, sagte der langjährige russische Menschenrechtsbeauftragte am Samstag dem Fernsehsender Rossija-24.

          Verabschiedung: Axel Schneider und der selbsternannte Bürgermeister von Slawjansk, Wjatscheslaw Ponomarjow

          Die Militärbeobachter waren am 26. April bei einer Erkundungsfahrt im krisengeschüttelten Osten der Ukraine gefangen genommen worden. Zu der Gruppe gehören auch ein Däne, ein Pole und ein Tscheche. Ein Schwede war aus gesundheitlichen Gründen bereits freigelassen worden.

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