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Ostalgie : Die putzige kleine DDR

Sinnbilder des Ostens sind schwer in Mode Bild: dpa

So grau die DDR war, so bunt ist die Erinnerung. Ostdeutschland ist in Mode gekommen, seit der Film "Good Bye, Lenin" zu einer gesamtdeutschen Sensation wurde. Aber was macht die DDR dreizehn Jahre nach ihrem Ende so begehrenswert?

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          Neulich mußte der Staatssekretär aus dem Bundesbauministerium Tilo Braune (SPD) für Fotografen in eine Pizza beißen. Es war eine "Ostalgie-Pizza". Ein Tiefkühlpizzahersteller aus Berlin hatte die Idee. Auf der Pizza ist Soljanka oder Letscho verteilt. In der DDR kannte man zwar keine Pizza, wohl aber Soljanka und Letscho. Braune, aus Greifswald in Vorpommern stammend, ist vom Ost-Beauftragten des Kanzlers Stolpe (SPD) zum Ost-Beauftragten des Ministers gemacht worden. Vielleicht kann sein Biß in die Pizza dem Produkt zu einem gesamtdeutschen Erfolg verhelfen. Das Umfeld jedenfalls stimmt, wie man so sagt.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ostdeutschland ist in Mode gekommen, seit der Film "Good Bye, Lenin" zu einer gesamtdeutschen Sensation wurde. Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland haben "Good Bye, Lenin" gesehen. Der Film wurde in 65 Länder verkauft. Ähnlich erfolgreich sind auf einmal Erinnerungsbücher von DDR-Bürgern, vor allem Bücher von jungen Leuten, die so viel DDR gar nicht mehr erlebt haben können. Es begann mit Jana Hensels Buch "Zonenkinder". Dann folgte ein halbes Dutzend Bücher in dieser Art. Gerade erschien Claudia Rauschs Buch "Meine freie deutsche Jugend".

          So grau die DDR, so bunt die Erinnerung

          So grau die DDR war, so bunt ist die Erinnerung. Mehr als 4000 Menschen haben sich den Palast der Republik in Berlin angesehen, genauer gesagt das, was nach der Asbestsanierung davon noch übrig ist. Alle Führungen durch das Gebäude waren ausgebucht. Die Ausstellung "Kunst in der DDR" in der Berliner Neuen Nationalgalerie ist schon nach einer Woche ein großer Erfolg. Wie in der DDR müssen die Besucher Schlange stehen, wenn sie den Katalog kaufen wollen. Wie in der DDR sind im Galerie-Café kurz nach der Mittagszeit die meisten Gerichte ausverkauft. Am vergangenen Wochenende wurde in Berlin auch daran erinnert, daß vor 30 Jahren in der Stadt ein so prächtiges Wetter wie derzeit geherrscht hatte: Die Sonne schien damals auf die X. Weltfestspiele der Jugend in Berlin, Hauptstadt der DDR. Darüber sprachen etwa Musiker der Rockgruppe Renft, die vor dreißig Jahren populär war in der DDR, bevor vier der sechs Musiker in die Bundesrepublik gingen - was die Band zur Legende machte. "Ketten werden knapper" hieß 1973 ihr Hit zu den Weltfestspielen. Auch der ehemalige Fußballer Jürgen Sparwasser war bei den Gesprächen zum Jubiläum dabei und Klaus Landowsky, der frühere Fraktionsvorsitzende der Berliner CDU, der in den siebziger Jahren oft in die DDR gekommen war.

          Ost schlägt West, aber West wird Weltmeister: Hier jubelt DDR-Torschütze Jürgen Sparwasser nach dem Siegtreffer zum 1:0 in Hamburg.

          Während der Weltfestspiele war Walter Ulbricht gestorben. Ein Trödelladen in Rostock-Warnemünde lud am 1. August zum Fest "Walter Ulbricht dreißig Jahre tot" ein. "Die gastronomische Versorgung übernimmt der ambulante Handel", hieß es auf der Einladung. Auch das gesamtdeutsche Fernsehen darf den Trend DDR nicht verpassen. Auf Sat.1 widmete sich der Moderator Kai Pflaume in seiner "Monatsshow" schon einmal der DDR. Auf der Internetseite von Sat.1 können die Nutzer DDR-Fragen beantworten. Vom 3. September an wird die Eiskunstläuferin Katarina Witt, die einmal als "das schönste Gesicht des Sozialismus" galt, auf RTL eine DDR-Show moderieren. Frau Witt: "Es wird eine Zeitreise durch die DDR - vom Schlangestehen für Banane bis hin zu den Puhdys und dem Sandmännchen." Bis zu diesem Sendetermin sollte der neue Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) geklärt haben, ob das DDR-Sandmännchen nach dem neuen Sendekonzept noch weiter auftreten darf, und wenn ja, auf welchem Sendeplatz. Beim lustigen Sandmännchen versteht der Osten keinen Spaß.

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