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Oscar Pistorius : Der Augenblick, der alles änderte

Oscar Pistorius am Dienstag beim Verlassen des Gerichts Bild: AP

Oscar Pistorius berichtet vor Gericht von der Nacht, in der er Reeva Steenkamp erschoss. Dabei hat er nichts mehr mit dem strahlenden Star von einst gemein - abermals bricht er zusammen.

          Es versprach der gemütliche Abend eines frisch verliebten Paares zu werden. Doch wenige Stunden später war Reeva Steenkamp tot, erschossen von ihrem Freund Oscar Pistorius. Am Dienstag hat der südafrikanische Paralympics-Sportler zum ersten Mal im Gericht die Ereignisse in der Nacht zum Valentinstag des vergangenen Jahres beschrieben, die sein Leben und das Leben der Familie Steenkamp von Grund auf veränderten.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Der Pistorius, den die Zuschauer auf den dicht besetzten Rängen zu sehen bekamen, hatte nichts mehr mit dem strahlenden Star gemein, der es bei den Olympischen Spielen trotz amputierter Unterschenkel mit den schnellsten Athleten der Welt aufnahm: Im Zeugenstand gab ein sichtlich mitgenommener junger Mann mit gepresster Stimme seinen Bericht zu Protokoll. Immer wieder mussten ihn die Richterin und sein Anwalt bitten, lauter zu sprechen. Immer wieder rang er um Fassung, legte lange Pausen ein, kämpfte mit den Tränen. Als Fotos vom Leichnam Steenkamps gezeigt wurden, musste er sich wie schon an früheren Verhandlungstagen übergeben.

          Pistorius will aus Notwehr gehandelt haben

          Pistorius hat zugegeben, Steenkamp vor einem Jahr mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür erschossen zu haben. Er beteuert weiterhin, aus Notwehr gehandelt zu haben, weil er die 29 Jahre alte Südafrikanerin für einen Einbrecher gehalten habe. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vorsätzliches Handeln vor.

          Er sei in den frühen Morgenstunden des 14. Februar aufgewacht, erinnerte sich Pistorius. „Es war extrem warm in meinem Zimmer, ich setzte mich auf und bemerkte, dass die Ventilatoren noch liefen und die Türen geöffnet waren.“ Auch Reeva sei wach gewesen. „Sie sagte zu mir ‚Kannst Du nicht schlafen, mein Baba?’ Ich sagte nein und kletterte aus dem Bett, um die Ventilatoren zu holen, dann schloss ich die Schiebetüren und zog die Vorhänge zu. Es war sehr dunkel im Raum.“

          Dann habe er gehört, wie jemand im Badezimmer ein Fenster öffnete, und habe geglaubt, ein Einbrecher sei im Haus. „Das war der Augenblick, in dem alles anders wurde“, sagte Pistorius mit tränenerstickter Stimme. „Ich hatte große Angst und hastete los. Ich holte meine Waffe unter dem Bett hervor. Ich wollte unbedingt zwischen den Eindringling und Reeva gelangen.“ Er habe die Waffe am ausgestrecktem Arm gehalten und geschrien, Reeva solle sich auf den Boden legen und die Polizei anrufen. Langsam habe er sich ohne Prothesen zum Badezimmer vorgearbeitet. Vor dem Badezimmer habe er eine Toilettentür zuschlagen hören.

          „Da war für mich klar, dass jemand im Haus war. Bevor ich einen anderen Gedanken fassen konnte, hatte ich viermal durch die Tür geschossen“, presste Pistorius hervor. Er habe Reeva zugerufen, sie müsse die Polizei alarmieren, und sei zurück ins Schlafzimmer. „Ich habe immer weiter nach Reeva geschrien.“ Als sie ihm nicht geantwortet habe, sei die schreckliche Ahnung in ihm aufgekommen und er habe die Badezimmertür aufgebrochen. „Ich saß dann bei Reeva. Sie atmete nicht mehr“, sagte Psitorius unter lauten Schluchzen aus und brach zusammen. Die Verhandlung wurde bis Mittwoch unterbrochen.

          Am Morgen hatte der angeklagte Sport-Star im Gericht zahllose Textnachrichten vorgelesen. Der Menge nach zu urteilen müssen sich er und Reeva Steenkamp fast jede Stunde auf diesem Weg ausgetauscht haben. In den meisten Nachrichten erkundigen sie sich nach dem gegenseitigen Befinden, verabreden sich, beteuern einander ihre Liebe, sprechen sich mit Kosenamen wie Angel, Boo, Baby oder Baba an. Viele Nachrichten enden mit mehreren x als Zeichen von Küssen. Noch im Januar hatte Pistorius etwa geschrieben: „Ich bin verrückt nach Dir, und wenn ich Dich ansehe, tritt ein Lächeln in mein Herz.“ Ihre Antwort: „Du machst mich auch so glücklich, Boo.“. Eine Nachricht von ihr einen Tag vor ihrem Tod lautete: „Viel Glück mit allem heute, Baba xxx, sag Bescheid, wie alles läuft.“

          Die Strategie der Verteidigung ist offensichtlich

          Pistorius gab zu, dass die Beziehung für Reeva Steenkamp nicht immer leicht gewesen sei. „Man muss das Leben eines Sportlers verstehen, die Tatsache, dass wir strikte Regeln bei der Ernährung einhalten müssen, die ganze Art unseres Lebens.“ Außerdem habe sie hasserfüllte Nachrichten von Neidern bekommen.

          Aimee Pistorius verfolgt den Prozess gegen ihren Bruder im Gerichtssaal

          Die Strategie der Verteidigung in dem von gigantischem Medieninteresse begleiteten Prozess ist klar: Sie will beweisen, dass die beiden eine innige Beziehung hatten. Wie Pistorius im Zeugenstand ausführte, ist der Abend vor dem Tod Steenkamps ein ganz normaler Abend ohne Streitigkeiten gewesen. Reeva habe für ihn gekocht, als er um sechs Uhr nach Hause gekommen sei. Auf dem Küchentisch habe ein Valentinsgeschenk auf ihn gewartet, das er allerdings erst am folgenden Tag öffnen durfte. „Wir redeten ein bisschen, dann ging ich nach oben, um zu duschen und mich umzuziehen.“ Später hätten sie ferngesehen und im Internet gesurft. Das Geschenk habe er erst Monate nach ihrem Tod ausgepackt. Darin befand sich ein Fotorahmen mit vier Fotos der beiden.

          Jetzt wird mit Spannung erwartet, ob Pistorius auch den für harte Verhöre bekannten Staatsanwalt Gerrie Nel von der harmonischen Zweisamkeit am Abend vor dem Tod Reeva Steenkamps überzeugen kann.

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