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Orthographie : Von Rechtschreibfrieden noch keine Spur

Die Ergebnisse des Rechtschreibe-Streits sind mager Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Rechtschreibrat hat nach einem Jahr Arbeit seine Vorschläge präsentiert, und die Verwirrung ist größer denn je. Von Sprachentwicklung kann keine Rede sein, die Reform ist vielmehr ein gewaltsamer Eingriff.

          Wer die Arbeit des Rates für deutsche Rechtschreibung nach einem Jahr bilanziert, wird feststellen müssen, daß die Verwirrung größer ist denn je. Die Idee eines Regelwerks der Orthographie ist faktisch aufgegeben worden, in der kurzen Zeit konnte nicht einmal der Versuch gemacht werden, vom Sprachgebrauch abgeleitete Regeln zu entwickeln, die dann in den Schulen als didaktische Hilfe dienen könnten.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Klarheit schaffen werden erst die Wörterbuchredaktionen, die zum Beginn des neuen Schuljahrs vollkommen überarbeitete Wörterbücher vorlegen müssen. Erst dann wird sich zeigen, wie viele Varianten es gibt, wie unzählige vom Rat schlicht nicht bearbeitete Probleme gelöst werden, und am Ende wird womöglich das Windows-Programm pragmatisch entscheiden. Wer also glaubte, nach der vorläufig letzten Sitzung des Rates für deutsche Rechtschreibung sei der Rechtschreibfrieden eingekehrt, irrt gewaltig.

          Abstimmung unter Mehrzahl von Befürwortern

          Dem Vorsitzenden des Rates, dem früheren bayerischen Wissenschaftsminister Zehetmair (CSU), kann höchstens angelastet werden, daß er wiederholt dem Druck der Kultusminister nachgegeben hat; für die Zusammensetzung des Rates ist er nicht verantwortlich. Seiner geschickten Moderation ist zu verdanken, daß die Reformer zumindest ihre mageren Selbstkorrekturen leisteten.

          Da dem Rat die Aufgabe zugedacht war, die Durchsetzung der Reform zu gewährleisten, wurde er fast ausschließlich mit Reformbefürwortern besetzt, darunter sieben Mitglieder der zwölfköpfigen Zwischenstaatlichen Kommission, die nach deren Auflösung sitzen blieben: alle drei Schweizer, alle drei Österreicher, dazu der Deutsche Hoberg, der jegliche Änderung an der Reform für überflüssig hält. Die übrigen Mitglieder stammen zum Teil aus dem Beirat, den sich die Zwischenstaatliche Kommission selbst gewählt hat. Die Urheber der Rechtschreibreform waren also in der klaren Überzahl.

          „Kompromiß - aber vernünftig und gut“

          Der Duden verfügte über sieben, das Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim über zwei Sitze. Es spielte eine wichtige Rolle. Im Statut des Rechtschreibrats war davon nicht die Rede, nur die Geschäftsstelle sollte hier ihren Sitz haben. Der Direktor des IDS übernahm die Leitung aller Arbeitsgruppen, traf Vorentscheidungen über deren Zusammensetzung und stellte ihre Vorschläge im Plenum vor.

          Die Geschäftsführerin, die keine Stimme im Rat hat, erarbeitet nun mit den Wörterbuchverlagen die Wörterliste, die den Kultusministern Anfang März vorliegen soll. Nach Auffassung einiger Ratsmitglieder hat sie allerdings ihre Kompetenzen überschritten, als sie die Arbeit des Rates nicht nur darstellte, sondern auch bewertete („Natürlich sind unsere Vorschläge ein Kompromiß - aber sie sind vernünftig und gut“).

          Gewaltsamer Eingriff, kein Sprachwandel

          Beauftragt worden war der Rat wie die Zwischenstaatliche Kommission laut Statut damit, die Schreibentwicklung und den Sprachwandel zu beobachten und Anpassungen des Regelwerks an diese Veränderungen vorzuschlagen. Beschäftigt war er im wesentlichen damit, die mißratene Neuregelung zumindest vom gröbsten Unfug zu befreien.

          Mit Sprachwandel oder gar Sprachentwicklung hatte das nichts zu tun, denn dieser vollzieht sich im Abstand von mehreren Jahrzehnten und nicht im Takt von sechs bis acht Wochen. Den Sprachwandel zu beobachten hieß eher, zu verfolgen, wie die Sprachgemeinschaft mit dem gewaltsamen Eingriff in die Sprache umgeht.

          Einflußreiche Medien auf dem Sonderweg

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