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Organisierte Kriminalität in Deutschland : Die Mafia geht dorthin, wo das Geld sitzt

Auch andere Teile Deutschlands kämpfen mit der Mafia: Nach einem Anschlag 2007 in Duisburg sucht die Polizei mit Spürhunden nach Beweisen Bild: REUTERS

Bayern und Baden-Württemberg sind der wichtigste Aktionsraum der Mafia in Deutschland. ’Ndrangheta und Camorra gehen dort ihren dunklen Geschäften nach. Der Schaden beläuft sich auf Milliarden.

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          Die internationale Fahndungsaktion hieß „Il Crimine 2“. Im baden-württembergischen Singen nahm eine Spezialeinheit des Landeskriminalamtes im März 2011 fünf mutmaßliche Mafia-Mitglieder fest. Für ein paar Tage fiel ein Schlaglicht auf die Aktivität der kalabrischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta in Baden-Württemberg. Viel mehr bekommen die Bürger von der italienischen Mafia zumeist nicht mit. Für den Laien ist nicht zu erkennen, ob er seine Pizza gerade in einem Restaurant bestellt, das unter dem Einfluss der Mafia steht, oder ob der Autohändler mit dem Verkauf von gebrauchten Alfa Romeos Geld wäscht. Der Südwesten ist aber - aufgrund seiner Nähe zu Italien und der prosperierenden Wirtschaft - das wichtigste Aktionsfeld der Mafia in Deutschland.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ravensburg, Singen und Radolfzell gelten als Rückzugsräume der Mafia, auch Stuttgart, Waiblingen, Esslingen oder Fellbach sind nach Auffassung von Fahndern seit vielen Jahren Hochburgen kalabrischer ’Ndrangheta-Clans. Der Mordversuch an dem in Stuttgart bekannten Herrenausstatter Felix X. geht angeblich auch auf Rechnung der Mafia.

          Der Personenkreis, der Mafia-Organisationen zugerechnet wird, ist nach Aussage von Ermittlern kaum größer geworden. „Gemessen an den Aktivitäten der Mafia im gesamten Bundesgebiet stellen wir fest, dass vor allem die ’Ndrangheta in Baden-Württemberg besonders aktiv ist“, sagt der baden-württembergische Präsident des Landeskriminalamtes, Dieter Schneider. „Von bundesweit 450 Personen, die der italienischen Mafia zugerechnet werden, sind es in Baden-Württemberg etwa 145. Die Erklärung hierfür ist einfach: Auch die Mafia investiert am liebsten dort, wo Geld zu verdienen ist.“

          Aufklärung wird immer schwieriger

          Der Schaden, der dem Staat durch Steuerhinterziehung, Abgabenbetrug und Produktpiraterie entsteht, wird auf zehn Milliarden Euro geschätzt. „Im Bereich der organisierten Kriminalität spielt die italienische Mafia weiterhin eine beachtliche Rolle. Mitglieder der Mafia betätigen sich auf den klassischen Feldern wie Rauschgiftkriminalität, Geldwäsche, Falschgeldhandel, Betrug, Produktfälschung oder Kfz-Kriminalität. Wir registrieren zunehmend auch komplizierte und verschachtelte Wirtschaftstransaktionen, und es liegen Erkenntnisse über illegale Aktivitäten der Mafia in der Bauwirtschaft vor“, sagt Schneider.

          Schneider und seinen Ermittlern im Landeskriminalamt bereitet es große Sorge, dass es dank des Internets, sozialer Netzwerke und vielfältiger Kommunikationsmöglichkeiten immer schwieriger wird, mafiöse Strukturen zu enttarnen. Ständig werden neue Verschlüsselungstechniken entwickelt, das Internet bietet der Mafia immer neue Möglichkeiten, im Verborgenen zu arbeiten. Schneider hält deshalb nicht nur V-Personen, verdeckte Ermittler, für unersetzlich, er fordert auch, an den Gerichten endlich auf „organisierte Kriminalität“ spezialisierte Strafkammern zu schaffen. Weiterhin fordert er, die Möglichkeiten deutlich zu erweitern, Verbindungsdaten auch mit Hilfe von „Trojanern“ auszuwerten.

          Immerhin gelang es den Beamten in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr, acht mutmaßliche Mafia-Mitglieder festzunehmen und in der Bodenseeregion eine von Killern organisierte Bestrafungsaktion sowie die „Eskalation von Clanstreitigkeiten“ zu verhindern.

          Bayern als Rückzugsraum

          Bayern hingegen wird von der italienischen ’Ndrangheta und der Camorra eher als „Rückzugsraum“ betrachtet. Mitglieder, die eine Zeitlang aus dem „operativen Geschäft“ herausgenommen werden müssten, würden oft nach Bayern geschickt, sagt Mario Huber, Leiter des Sachgebiets „Organisierte Kriminalität“ beim bayerischen Landeskriminalamt. „Die halten hier eher die Füße still.“ Die Personen setzten in der Regel alles daran, polizeilich nicht aufzufallen, sie gingen, wie Huber sagt, „noch nicht mal bei Rot über die Ampel“. So würden zum Beispiel Kellner, die man wegen Kokainbesitzes erwischt, sofort entlassen. Denn alles, was die Polizei auf den Plan rufen könnte, solle vermieden werden.

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